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Andrea Pócsik

Erscheinungsbild: Zur Darstellung von Sinti und Roma im Film und zum Gebrauch von Romanes (Caló, Boyash, Angloromani) in diversen filmischen Repräsentationen

»Sano!« – Roma-Diversität durch Sprachgebrauch1

Obwohl umstritten ist, wie wichtig muttersprachliche Kenntnisse des Romanes2 (oder seiner Dialekte) sind, ist die Verwendung der Sprache in Spielfilmen und Dokumentationen ein ausgezeichneter Indikator für den sozialen und kulturellen Kontext eines Landes.

An Hochschulen erforschen Soziolinguist_innen, wie man eine Muttersprache lernt, verwendet und verlernt, während sich jenseits akademischer Kreise nur wenige für diese Prozesse und für Diglossie im Speziellen interessieren.

Diglossie unterschiedet sich von Zweisprachigkeit, obwohl bei beiden zwei (oder sogar mehrere) Sprachen gesprochen werden; während bilinguale Personen die Sprachen in den selben Situationen verwenden, bedeutet Diglossie, dass eine Sprache (in diesem Fall Romanes oder Boyash) nur umgangssprachlich (nicht offiziell oder literarisch, sondern in familiären und alltäglichen Gesprächen) gebraucht wird.

Wie Romanes verwendet wird, unterscheidet sich innerhalb Europas deutlich.

In Ländern wie Großbritannien beispielsweise überwiegen Sprachwechsel3, aber es gibt auch zahlreiche Bemühungen, das sogenannte Anglo-Romani zu erhalten, das von englischen (und walisischen) Gypsy Communities gesprochen wird (Pickard, English, Wild und Boorman 2013).

Die University of Manchester leistete Pionierarbeit in der soziolinguistischen Erforschung von Roma-Sprachen. Ihre virtuelle Bibliothek, erstellt innerhalb des RomIdent-Forschungsprojekts, »untersucht die Rolle von Sprache bei der Herausbildung eines neuen, institutionalisierten Identitätskonzepts und einer neuen Manifestation von Identität innerhalb der transnationalen, europäischen Roma-Community« (RomIdent Project, o. J.).

In der virtuellen Bibliothek sind verschiedene Fallstudien dokumentiert, hauptsächlich zur Rolle des Internets in identitätsstiftenden Prozessen durch den Gebrauch von Romanes, zur Transnationalität von Roma-Communitys und zu Effekten neuer bildungspolitischer Ansätze auf den Gebrauch von Romanes (ebd.)

In Ungarn hat sich der Gebrauch von Romanes-Sprachen im letzten Jahrhundert erheblich verändert. Abgesehen von den Daten der offiziellen Volkszählungen, die üblicherweise ein verzerrtes Bild ergeben (siehe etwa Surdu 2016), stehen drei umfangreiche statistische Datensätze zur Verfügung: Daten von 1893, 1971 und 1993 bis 1994 (Kemény 1999).

Anna Orsós, eine ungarische Soziolinguistin, erforscht Möglichkeiten, Boyash zu erhalten, wobei sie sich auf typische Muster im Sprachgebrauch, den Sprachunterricht und die Ausbildung von Sprachlehrer_innen in Boyash-Communitys fokussiert.

Obwohl diese Fallstudie wichtige Beziehungen zwischen sozialem und politischem Milieu auf der einen und kollektiver (minoritärer) Identität auf der anderen Seite aufzeigt, lässt sie sich nicht verallgemeinern, da die Mehrheit der ungarischen Rom_nja ihre Sprache aufgrund sprachlicher Assimilation verloren hat.

Roma-Intellektuelle diskutieren viel darüber, ob Sprache ein grundlegendes Element kollektiver Identität ist. Ungeachtet der großen Anzahl sprachlich assimilierter Rom_nja fördern Minderheitengesetzgebungen und -richtlinien die Entwicklung von und den Unterricht in Romanes.4

Sozialgeschichte: Sprache als Ausdruck für den Wunsch nach Anerkennung und Emanzipation

Der symbolische Gebrauch von minoritären Sprachen zeigt politischen und sozialen gesellschaftlichen Wandel an.

Der spanische Film »Camelamos naquerar« (›Wir wollen sprechen‹, Spanien, 1976), produziert von Miguel Alcobendas, Mario Maya und José Heredia Maya, wurde ein Jahr nach Francisco Francos Tod, gedreht. Das folgende Zitat des Soziologen und Dokumentarfilmers Mario Maya bezieht sich auf das Theaterstück, auf dem die Dokumentation basiert: »›Camelamos naquerar‹ war ein Theaterstück, das zu einem politischen Werkzeug einer Community im Kampf um ihre Menschenwürde wurde.«

Der Titel »Camelamos naquerar« ist auf Caló – gesprochen von spanischen, katalanischen, okzitanischen und portugiesischen Gitanos – und bedeutet »wir wollen sprechen«. Der Film verbindet unterschiedliche dokumentarische Ansätze: Er ist strukturiert durch Panoramaschwenks auf eine Caló-Siedlung, die die ärmlichen Lebensbedingungen zeigen. Ein Voice-Over beschreibt und analysiert die Situation. Diesem investigativen Ansatz werden emotionale Szenen einer Theaterperformance und von Flamencotanz und -gesang gegenübergestellt. Das Verb »sprechen« im Titel bezieht sich auf die Sprache des Tanzes. Die Protagonist_innen der anderen Szenen sind »stumm«: Sie sprechen nicht und sind entweder bei ihren alltäglichen Arbeiten zu sehen oder dabei, wie sie für die Kamera posieren.

Die ungarische Dokumentation »Gypsies« (Ungarn, 1962) von Sándor Sára wurde ebenfalls als Reaktion auf politische Veränderungen gedreht. Dem Film voraus gingen bedeutende soziologische Forschungen, die vom Kulturbund ungarischer Rom_nja (Magyarországi Cigányok Kulturális Szövetsége) initiiert wurden. Der Kulturbund gründete sich 1957 im Zuge der politischen Umbrüche nach dem Ungarischen Volksaufstand von 1956 und wurde von Mária László, einer Romni und Sozialdemokratin, geleitet.

Eines der Ziele dieser Vereinigung war es, das kulturelle Leben der Roma-Minorität zu fördern. Da sie sich auch aktiv gegen institutionalisierte Unterdrückung einsetzte, wurde der Kulturbund ungarischer Rom_nja von der neuen »soften« autoritären Regierung aufgelöst.

Der Film »Gypsies« fängt diesen einzigartigen historischen Moment ein und behandelt einige tabuisierte Themen. Eines dieser Tabus betrifft die Muttersprache selbst: In der Eröffnungsszene schwenkt die Kamera langsam über eine Siedlung im Wald, während im Hintergrund auf Romanes ein Klagelied (hallgató) zu hören ist, das von den Traumata des Zweiten Weltkriegs handelt. In einer anderen Szene während einer Beerdigungszeremonie werden wir Zeug_innen der alten Roma-Tradition des Geschichtenerzählens: den Ursprungserzählungen (»Einst waren wir Vögel«) folgen Gebete, ebenfalls auf Romanes. Obwohl Rom_nja zu der Zeit nicht als nationale Minderheit anerkannt waren, zeigen diese Szenen deutlich deren reiche kulturelle Traditionen. Tatsächlich hat Kultur die Gruppe trotz aller politischer und ökonomischer Repressionen, die Rom_nja erleiden mussten, geeint.

Der Dokumentarfilm »Amaro drom« (Tschechoslowakei, 1984) ähnelt »Gypsies« auf verschiedenen Ebenen. Der Film verwendet Parallelmontagen: Er zeigt ein Theaterstück auf Romanes und bezieht sich so auf die reichen kulturellen Traditionen – und gibt Interviews mit tschechoslowakischen Rom_nja wieder, die unter schlechten Bedingungen leben. Die Synopsis hebt hervor, wie formale Mittel (etwa Großaufnahmen von Gesichtern) »das Stillschweigen betonen, das der Roma-Community aufgezwungen wurde«.

Romanes wird auch in dem fiktionalen Dokumentarfilm »Cséplő Gyuri« (Ungarn, 1978) gesprochen. Der Film thematisiert die bemerkenswerten soziologischen Forschungsergebnisse zu Armut und Exklusion von Rom_nja, die von einer Gruppe oppositioneller Wissenschaftler_innen (István Kemény und andere Soziolog_innen) durchgeführt wurde. Da die Forschergruppe sich auf soziologische Befunde fokussierte, widmete sie der Kultur von Roma-Communitys nur wenig Aufmerksamkeit.

Der Film bewegt sich an der Grenze von Fiktion und Dokumentation, der Regisseur Pál Schiffer und sein Co-Autor István Kemény schrieben das Drehbuch, nachdem sie das Leben des Protagonisten György Cséplő in seiner Community ausführlich analysiert und diskutiert haben. Die Basis bildeten akribisch ausgeführte vorbereitende Recherchen. Auf diese Weise wurden »Schicksal und Rollenidentität« zu zentralen Organisationsprinzipien (Gelencsér 2002, S. 163).

Insbesondere eine Szene, die Gábor Gelencsér als »echtes Dokument« beschreibt, betont die enorme Bedeutung von Sprache: Zwei Protagonisten (einen von ihnen ist der Hauptdarsteller Gyuri) stehen an einem Bahnhof. Beide sind vom Land nach Budapest gekommen und sprechen unterschiedliche Romanes-Dialekte.

Diese Szene ist eine wirkungsvolle Erinnerung daran, dass Sprache für den Zusammenhalt einer Minorität von enormer Bedeutung ist, weil sie ihr in einer fremden Umgebung Halt gibt. Später erscheint ein junges Mädchen und stellt ihnen eine Frage, auch auf Romanes. Sie sind überrascht und freuen sich sehr. Das Mädchen bemerkt nicht einmal den Kameramann, der sich hinter einem Baum versteckt.

Diese spontane Begegnung ist verbunden mit einer anderen Szene, die eine Kulturveranstaltung von Rom_nja in einer Fabrik zeigt, die von Personen organisiert wurde, die zentrale Figuren der Roma-Bürgerrechtsbewegung der späten 1970er und 1980er Jahre werden sollten (darunter János Bársony, Ágnes Daróczi [BIO], József Choli-Daróczi, László Galyas, József Lojkó Lakatos, Menyhért Lakatos und Tamás Péli). Gyuri schließt sich einer Gruppe an, die an einem Tisch diskutiert.

Die jungen Intellektuellen diskutieren die Möglichkeit der kulturellen Emanzipation im Kontext von Armut und Unterdrückung. (Sprache wurde ein Mittel der kulturellen Emanzipation). Gyuri aber fühlt sich nicht wohl in der Situation, es kommt ihm vor, als würde er nicht dieselbe Sprache sprechen, obwohl wir aus den Notizen des Regisseurs erfahren haben, dass er sich in seinem Dorf auf ganz ähnliche Weise engagiert hat. So versuchte er beispielsweise staatliche Mittel für Kulturveranstaltungen in seiner Community zu beantragen, was ihm allerdings aufgrund seines niedrigen sozialen Status meist nicht gelang.

Die Beziehung von segregierten Roma-Siedlungen zu staatlichen Institutionen der Mehrheitsgesellschaft ist grundsätzlich angespannt. Obwohl der Staat theoretisch dazu verpflichtet ist, Rom_nja mit gleichen Rechten und Möglichkeiten auszustatten, werden sie in der Praxis wie Objekte eines paternalistischen Staats behandelt und von fundamentalen sozialen und kulturellen Bereichen ausgeschlossen.

Diglossie und Sprachverlust (Bernstein 1975) führten zu schwerwiegenden Problemen im Bildungsbereich: Schulkinder aus den segregierten Siedlungen sprachen hauptsächlich Romanes oder Boyash. In den Schulen wurden die daraus resultierenden Schwierigkeiten, die Anweisungen der Lehrer_innen zu verstehen, als geistige Unterentwicklung interpretiert, und die Kinder wurden in Sonderschulen versetzt oder kamen in Schulen, die signifikant geringere Zukunftschancen boten (Havas, Kemény und Liskó 2002).

Abwesenheit von Sprache: Nichtgebrauch oder falscher Gebrauch?

Filmaufnahmen von »sichtbaren« Rom_nja, die nicht interviewt werden, sind gängige Praxis.5 Auf diese Weise zum Schweigen gebracht zu werden, kann nicht nur als repressive Medienpraxis verstanden werden, sondern auch als Raub einer Muttersprache.

Wenn man die Filmsammlung des RomArchive analysiert, fällt auf, dass die meisten Filme Romanes vermeiden. Die Abwesenheit einer Sprache verweist nicht notwendigerweise auf ihren eigentlich falschen Gebrauch, sondern vielmehr auf die subjektive Entscheidung der Filmemacher_innen, die auf einem falschen Gebrauch des wirkmächtigen Mediums Film beruht.

Es gibt viele wichtige Filme, die Roma-Communitys in schwierigen sozialen Verhältnissen und in (geografisch und sozial) segregierten Umgebungen zeigen, etwa die jugoslawischen Kultfilme (zum Beispiel »I Even Met Happy Gypsies« (›Ich traf sogar glückliche Zigeuner‹, Jugoslawien, 1967) oder die frühen Filme von Emir Kusturica). Oder andere bedeutende Filme mit soziologischem Ansatz (beispielsweise »Koportos« (›Ein schäbiges Begräbnis‹, Ungarn, 1979)) und die großen romantischen Musical-Melodramen (zum Beispiel »Gypsies Are Found Near Heaven« (›Das Zigeunerlager zieht in den Himmel‹, Sowjetunion, 1976)) oder auch aktuelle fiktionale Thematisierung relevanter sozialer Fragen (wie [»Just the Wind« (Ungarn, 2012) oder »An Episode in the Life of an Iron Picker« (›Aus dem Leben eines Schrottsammlers‹, Bosnien und Herzegowina, 2013)).

In diesen Filmen ist der Nichtgebrauch von Romanes mit den schlechten Lebensbedingungen verbunden und führt uns zu einer alten akademischen Diskussion darüber, ob ein Mangel an angemessener Arbeit, Bildung und Wohnung auch den Mangel an (kulturellen) Traditionen nach sich ziehen muss.

Benedek Fliegauf | Just the Wind | Fiction | Ungarn | 2012 | fil_00068 Rights held by: Benedek Fliegauf | Licensed by: The Match Factory | Licensed under: Rights of Use | Provided by: Bendek Fliegauf – Private Archive
Danis Tanović | An Episode in the Life of an Iron Picker | Fiction | Bosnien und Herzegowina | 2013 | fil_00329 Rights held by: Danis Tanović | Licensed by: The Match Factory | Licensed under: Rights of Use | Provided by: Danis Tanović – Private Archive

Roma-Traditionen werden in Filmen meist romantisiert oder exotisiert, so etwa in dem Film »Gypsies Are Found Near Heaven« (›Das Zigeunerlager zieht in den Himmel‹, Sowjetunion), oder sie werden komplett negiert.
In der Synopsis heißt es treffend:

»Bei dem Film ›Das Zigeunerlager zieht in den Himmel‹ spiegelt sich auch im Casting eine soziale Hierarchie, nach der die Hauptrollen mit Nicht-Roma-Schauspieler_innen besetzt sind, während in den Gruppenszenen und im Chor auch Roma-Schauspieler_innen zu sehen sind, etwa Schauspieler_innen und Sänger_innen des Teatr Romen in Moskau.«

Der Film wurde Teil der Popkultur und unterhält das Publikum, während zugleich traditionelle Topoi der Roma-Kultur (Wurzellosigkeit, Freiheitsdrang und Naturverbundenheit, ungebändigte Gefühle usw.) bestätigt werden.

In den anderen oben besprochenen Filmen kann das Fehlen von Romanes noch mit einer anderen Form von Verlust in Verbindung gebracht werden. Ein Beispiel für die metaphorische Verwendung des Sprachverlusts ist Árpád Bogdáns Film »Happy New Life« (›Glückliches Neues Leben‹) über einen jungen Rom, der sich als erwachsener Mensch ein Leben aufbauen will, nachdem er aus dem staatlichen Pflegeheim ausgezogen ist. Seine Sehnsucht nach Familienzugehörigkeit und Community ist an Sprache gebunden: »Entsprechend dem Verlust des muttersprachlichen Romanes, das ihn mit Selbstvertrauen und dem Rückhalt der Community hätte ausstatten können, können die fehlenden Kindheitserinnerungen nicht durch Fantasien und Illusionen ersetzt werden«, heißt es in der Synopsis.

Romantisierung des Sprachgebrauchs

Dominique Chansel hebt in seinem undatierten Essay über die filmische Repräsentation von Sinti und Roma die Romantisierung von »Gypsy Romanes« hervor, wenn er die »Gabe der Schlagfertigkeit« beleuchtet.

Chansel zitiert eine Filmkritik zu Emir Kusturica, in der es heißt: »Mit Zigeunern gibt es keine Schwierigkeiten, weil sie über alles auf eine harmonische Weise reden können, die so typisch ist für ihre Sprache« (zitiert nach Chansel o. J., S. 49).

Äußerungen dieser Art lassen sich meiner Meinung nach nicht nur durch Wissenslücken erklären, sondern sind auch dem vom Romanes übernommenen Slang geschuldet. Außerdem wird Slang häufig mit segregierten urbanen Umgebungen und Slums mit hoher Kriminalitätsrate assoziiert.

Ein anderes bezeichnendes Beispiel für Romanes-Slang ist der ungarische Animationsfilm »Nyócker!« (Ungarn, 2004).
In der Synopsis heißt es:

»Die ›Held_innen‹ des Films sprechen einen sehr speziellen Slang, nehmen Worte und Redewendungen aus Romanes-Dialekten auf und beziehen sich außerdem oft auf Budapester urbane Folklore. Abgesehen von der Sprache werden hier auch – etwa wenn Roma-Rapper für den Soundtrack ausgewählt werden – wirksame Strategien ›in die coole Roma-Identität einzuführen‹ verhandelt.«

Der »Roma-Hip-Hop-Kontext« schafft das Bild der »Neuen Rom_nja«, wie es eine andere Autorin, Mária Bogdán, formuliert (Bogdán 2011).

Sprache und Musik sind auf diese Weise miteinander verflochten und ergeben eine flüssigere Form kultureller Identität, die transnational ist und sich kulturell mehr an anderen Teilen der Erde (etwa den USA) orientiert.

Diese transnationale Einheit wurde jedoch im Rahmen des nationalistischen politischen Milieus der postsozialistischen Region zum Verstummen gebracht. »Die universelle Lyrik der Marginalisierten« kann nur in seinem Umfeld vernommen werden und nicht aus der Distanz, wie Bogdán schreibt (ebd.).

Entsprechende Bedeutung haben Hip-Hop-Texte auf Romanes in Sami Mustafa Film »Trapped by Law« (Deutschland/Kosovo, 2015), der von zwei jungen Männern handelt, die unversehens gezwungen sind, Deutschland zu verlassen und in den Kosovo rückgeführt werden. Die beobachtende Dokumentation begleitet sie auf ihrem Leidensweg und muss an einer Stelle eingreifen, um die beiden jungen Männer vor der Depression und dem Zusammenbruch zu bewahren.

In der Synposis heißt es:

»Sami Mustafa und seine Frau, Charlotte Bohl, organisieren ein Filmfestival in Pristina, das Rolling Film Festival, wo sie sie unterbringen und anstellen können und ihnen so die Möglichkeit geben, ihr Talent und ihre Kreativität zu nutzen. Beide Männer machten in deutschen Clubs Hip-Hop, und so schreiben sie hier Songs über ihre Situation und geben Workshops für Kinder aus dem ganzen Land. Diese vorübergehende Beschäftigung hilft ihnen jedoch nicht wirklich weiter.«

Denis Mustafa | Trapped by Law | Non Fiction | Kosovo | 2015 | fil_00351 Rights held by: Sami Mustafa | Licensed by: Sami Mustafa | Licensed under: Rights of Use | Provided by: Samit Mustafa – Private Archive

In einem anderen Dokumentarfilm mit dem Titel »Uprooted« (Ungarn, 2011) spielt Romanes als alltäglich gesprochene Sprache eine wichtige Rolle, um den Kampf um Identität auszudrücken.

Die Synopsis fasst hierzu zusammen:

»Die Interviews und der Voiceover-Kommentar verdeutlichen die alptraumhafte Situation, etwa wenn die Kinder über ihr Leben und ihre Träume erzählen. Sie sprechen offen und vertrauen den Filmemacherinnen. Die gemeinsame Muttersprache bildet dabei eine Brücke, auch wenn unterschiedliche Dialekte gesprochen werden.«

Wie die obigen Beispiele zeigen, spielt Sprache für Minoritäten ohne Zweifel eine sehr wichtige Rolle. Viele weitere Filme zeugen davon, etwa die schwedische TV-Miniserie »The First Gypsy in the Moon« (Schweden/Norwegen/Finnland, 2002) oder die deutsche Produktion »And-ek Ghes...« (›Eines Tages...‹, Deutschland, 2016).

Katalin Bársony | Uprooted | Non Fiction | Ungarn | 2011 | fil_00110 Rights held by: Katalin Bársony | Licensed by: Romedia Foundation | Licensed under: Rights of Use | Provided by: Romedia Foundation (Budapest/Hungary)

»Von der Quelle bis ans Meer«

Die Zwischenüberschrift ist Pisla Helmstetters lyrischer Dokumentation »De la source à la mer« (›Von der Quelle bis ans Meer‹, Frankreich, 1989) entlehnt, die plausibel beschreibt, wie kulturelle Identität von Sinti und Roma mit Sprache verbunden ist.
Die Synopsis weist darauf hin:

»Der Film wird als Gedicht bezeichnet und das Genre verfügt zweifellos über wirksame poetische Mittel, sowohl auf der visuellen Ebene als auch in der Erzählweise.

Basierend auf den philosophischen Überlegungen der Autorin im Voice-Over setzt sich der Film aus Szenen aus der Welt, in der sie lebt, zusammen: sowohl aus reinszenierten Szenen aus der Kindheit als auch aus Erinnerungen von Helmstetter als junge Erwachsene. Bemerkenswerterweise werden in diesem Film, der unterschiedliche Genres miteinander verbindet, alle Rollen von Familienmitgliedern, also von Laien, gespielt. Auch die Montage hält sich nicht an strikte Regeln oder Vorstellungen, sondern verbindet die Bilder lose und auf experimentelle Weise miteinander und folgt vor allem künstlerischen Überlegungen. Dennoch trägt die Dokumentation Zeichen einer Heimvideoproduktion.«

Der Montagestil kann mit Alltagssprache in Verbindung gebracht werden und verdeutlicht dann, wie man nach Wörtern sucht und paralinguistische Mittel verwendet.

Aufgrund der familiären Umgebung und Mission des Films ermöglicht er einen genaueren Blick auf eine Roma-Kultur, in der Romanes häufiger gesprochen wird als Französisch. Die Naturverehrung – einer der klassischen Roma-Stereotype –, die im Filmtitel aufgegriffen wird, bringt die lang zurückreichenden irrigen Vorstellungen mit individuellen Eigenschaften zusammen und betont die Bedeutung von Tradition in identitätsstiftenden Prozessen.

Die meisten Filme, in denen Sprache eine ähnliche Funktion zukommt, können als wesentlicher Beitrag verstanden werden, sogar wenn wir über fluide Identitäten in unserer globalisierten, medialen Umgebung sprechen müssen, in denen Muttersprache wichtig zu sein scheint.

Das beste Beispiel hierfür ist das Werk des jungen Dichters und Filmemachers Damian Le Bas, der in einem Interview die Bedeutung von Sprache betont.

Die Synopsis fasst zusammen: »› Sootenna‹ (Großbritannien, 2014) bedeutet in der geheimen Sprache des Nordens ›sie schlafen‹ und ist der Titel eines Kurzfilms von Damian Le Bas. Der Dichter und Schriftsteller Le Bas beschreibt seine Muttersprache in einem Interview als eigenartigen Romanes-Dialekt, der heutzutage nur noch von wenigen Menschen gesprochen wird, vor allem von Menschen, die von irischen Travellern (die sich selbst als ›Gypsies‹ bezeichnen) abstammen und in ganz Großbritannien leben.«

Joanna Kos-Krauze | Papusza | Fiction | Polen | 2013 | fil_00078 Rights held by: Joanna Kos-Krauze — Krzysztof Krauze | Licensed by: New Europe Film Sales | Licensed under: Rights of Use | Provided by: New Europe Film Sales (Warsaw/Poland)
Meshakai Wolf | Flames of God | Non Fiction | Frankreich | 2011 | fil_00187 Rights held by: Meshakai Wolf | Licensed by: Meshakai Wolf | Licensed under: Rights of Use | Provided by: Meshakai Wolf – Private Archive

Zwei Filme aus der Auswahl des RomArchive ähneln sich in ihrem Bezug auf Sprache. Beide handeln von Roma-Dichter_innen: »Papusza« (Polen, 2013) ist ein Spielfilm; »Flames of God« (Frankreich, 2011) eine Dokumentation.

»Papusza – Die Poetin der Roma« zeigt Marginalisierung und Repression im Leben einer Dichterin, Bronisława Wajs, einer polnischen Romni. Papuszas Lebensgeschichte wird als romantischer Kampf um Anerkennung als Frau und Roma-Künstlerin inszeniert.

»Flames of God« ist ein Porträt von Muzafer Bislim, einem mazedonischen Roma-Dichter und -Musiker, der gegen Sprachwechsel und das Verschwinden der Sprache kämpft. Nicht nur sein Werk ist für die Roma-Emanzipationsbewegung bedeutend, sondern auch die Art und Weise, wie er es erschaffen hat, wie man der Synopsis entnehmen kann:

»Muzafer Bislim berichtet auch von seinen Bemühungen, sein Lexikon zu veröffentlichen oder zumindest in Mazedonien anerkennen zu lassen. Was ihm letztlich aufgrund seines amateurwissenschaftlichen Status als Linguist verweigert wird. Bislim bewegt sich als begabter Lyriker und als Wissenschaftler, der sich unermüdlich dafür einsetzt, die langsam in Vergessenheit geratenden mündlichen Traditionen zu bewahren, permanent nicht nur an der Grenze von Kunst und Wissenschaft, sondern ebenfalls in den gesellschaftlichen und kulturellen Randbereichen.«

Um auf den obigen Zwischentitel zurückzukommen: Die metaphorische »Quelle« bezieht sich auf die sprachlichen Wurzeln und Traditionen und das »Meer« bedeutet für Muzafer Bislim – und für alle Sinti und Roma ungeachtet des Dialekts, den sie sprechen – Emanzipation und Gleichheit, das heißt gleiche Rechte für alle.

Schluss

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass unser Verständnis davon, wie Minoritäten im Film eingesetzt werden, immer noch lückenhaft ist und dass sich weitere Forschungen dem Thema widmen sollten. Unser nur partielles und unvollständiges Wissen über den Gebrauch von Romanes hindert uns nicht nur daran, ein besseres Verständnis der reichen und vielfältigen Roma-Kultur zu erlangen, sondern beschränkt auch die Wirkung der Filme.

Einer der Romane von Menyhért Lakatos wurde kürzlich publiziert und einer breiteren, internationalen Leserschaft bekannt gemacht.6 Auch in der Übersetzung aus dem Ungarischen ins Englische zeigen sich originäre Einsichten und ein lebensnaher Einblick in die Lebenswelten von Rom_nja und ihr Verhältnis zur Mehrheitsgesellschaft der sozialistischen Ära. Die visuelle Erzählung im Film funktioniert auf ganz andere Weise, und diese mediale Differenz verdeutlicht, warum Sprache für die Herstellung verkörperten Wissens, das uns weniger mit typischen, generalisierten Fakten versorgt, sondern die Bedeutung persönlicher Erfahrung betont, so wichtig sein kann.