Herausforderungen von Archiven

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Andrea Pócsik

Das Fotoarchiv des Verlernens

Die zum Nachdenken anregenden Filme von André Raatzsch und Era Trammer, die für die Interpretation des fotografischen Materials im RomArchive entstanden sind, geben Roma-Wissenschaftler_innen die Möglichkeit zu dekolonisierenden Sprechakten. Sie schaffen eine Plattform, auf der Individuen mit unterschiedlichen Standpunkten gemeinsame Aussagen formulieren und (mithilfe des Schnitts) zusammenfügen.

Zugleich schaffen die Filme (visuell) das Bezugssystem, den interpretativen Rahmen, in dem und nach dessen Regeln dieses Bildmaterial verwendet werden kann und sollte. Das oben beschriebene Gedankenfeld wird durch das poetische Mittel der Allegorie erzeugt: Wir betrachten ein paar ausgewählte Archivbilder durch einen Rahmen aus dem Schatten zweier Hände, der über das Bild streift. Die besondere Beziehung zwischen Form und Inhalt, Poetik und Politik eröffnet eine Fülle an interpretativen Möglichkeiten. Die Position der Person, deren Hände unseren Blick lenken, entspricht jener von Fotograf_in und Betrachter_in, was unmittelbar die Frage der Macht aufwirft. Außerdem kommt so die ursprüngliche Bedeutung von Fotografie ins Spiel, die Vorstellung vom »Schreiben mit Licht«. Doch das filmische Mittel des »Schreibens mit Schatten« belebt hier nicht den auf dem Bild erstarrten Moment wieder, sondern wendet vielmehr die passive Rezeption in ein aktives Tun.

Unter den Begriffen des viel zitierten Textes von Roland Barthes über das Wesen der Fotografie (dt. »Die helle Kammer«, 1985), halten zwar viele das »studium«, »ein Feld des kulturellen Interesses« und das »punctum«, »jene[] unerwartete[] Textur [...], die mitunter dieses Feld durchkreuzte« für nützlich und erweiterbar (Kovács 2009, Azoulay 2011). In diesem Fall möchte ich unsere Aufmerksamkeit jedoch auf das dritte Konzept lenken, das »stigma«.

Meines Erachtens kann ein Fotoarchiv das »stigma« – das Moment der Intensität (die »reine Abbildung« von »Es-ist-so-gewesen«) im Prozess der Rezeption – dem »studium« und dem »punctum« gleichwertig machen. Die Poetik der Bilder stellt etwas wieder her und beschwört Momente herauf, an die es gut ist, sich zu erinnern.

Beinahe alle Interviewten betonen eine Tatsache, und zwar, dass das größte Defizit in der visuellen Repräsentation von Rom_nja das Fehlen von Privatfotos und -filmen ist – und durch sie die Darstellung von besonderen Momenten im »normalen« Alltag. Das wird immer häufiger angeführt, ist jedoch keineswegs selbstverständlich in Presse und Textbebilderung – ganz im Gegenteil. Ein Archiv (insbesondere, wenn es derlei künstlerische Mittel einsetzt, wie im Filmschnitt dieses Videos) kann diese kulturelle Praxis fördern.1 So merkwürdig sich das auch anhört, erreicht dieses Fotoarchiv dies durch das Mittel des Vergessens, des Verlernens – das ist meines Erachtens seine Politik.

Einer der Grundgedanken der postkolonialen Theorie stammt von Raymond Williams, Edward Said zitiert ihn in seinem Buch »Orientalismus« (Said 1979). Der verwendete englische Ausdruck des »unlearning« – des Verlernens – bezeichnet ausdrücklich nicht ein Vergessen, sondern eher das Ablegen einer schlechten Angewohnheit oder Konditionierung (Said geht es um das Verlernen des verinnerlichten, vorherrschenden Modells).

Eines der Archivfotos, die André Raatzsch mit künstlerischen Mitteln, durch den rahmenden Schatten der Hände zum Leben erweckt, verdichtet das Gewebe dieses Bezugssystems der Macht: Das Bild zeigt eine Razzia. Ein fahrender Rom steht diszipliniert vor seinem Zelt, neben ihm ein Kleinkind, dahinter auf der einen Seite die »guten Bürger«, die »Zeugen«, auf der anderen Seite die Gendarmen bei der Pflichterfüllung. Alle schauen in die Kamera.2

Das Bild entstammt der Sammlung des Museumswissenschaftlers und Ethnologen Péter Szuhay. Er hat das in Zsid aufgenommene Bild als erster »erfunden« und in einer Studie analysiert (Szuhay 1998). Später hat der Soziologe Csaba Dupcsik es in seinem Buch über die Geschichte der Romaforschung hervorgehoben. Er nahm zwar Bezug auf seinen Vorgänger, umging aber die Diskussion des Machtproblems – erklärte aber seine Entscheidung. Viel später verwendete ich das Foto selbst in meiner Studie über die auf Fotofilm projizierte Kriminalisierung der Rom_nja (Dupcsik 2009, Pócsik 2017).

Péter Szuhays maßgebliche Rolle bleibt ein ewiger Referenzpunkt in der Auseinandersetzung mit der fotografischen Repräsentation von Rom_nja. In der ungarischen Romaforschung, war er der Erste, der das Bedürfnis nach talki ng back anregte, und im Anschluss dessen Bedeutung analysierte (Szuhay 2010). Raatzschs Lösung, das oben genannte Schattenbild, reflektiert über all diese Sprechweisen und währenddessen lehrt es, zu vergessen – zu verlernen.

Diese Wirkung entsteht dadurch, dass dieser Ansatz lehrt, sich sehend zu erinnern – und zwar auf Grundlage der Poetik der Bilder.

Neulich unterhielt ich mich mit einem jungen ungarischen Rom, dem Maler Norbert Oláh, wir analysierten seine neuen Werke. Seine Bilder zeigen die Brandmauern und Dächer eines eher armen Budapester Bezirks, wo viele Rom_nja wohnen. In den mit einer besonderen Technik angefertigten Filzstiftzeichnungen ertappen/erkennen wir eine neue Sichtweise, durch die Norbert Oláh – laut seinem Glaubensbekenntnis /seiner Überzeugung – uns lehrt, die soziale Lage bewahrend aufzulösen.

Meines Erachtens soll und kann dieses Fotoarchiv Narrative schaffen, die im Sinne der dokumentarischen Erzählungen Walter Benjamins und der Roma-Paramichi [Erzählkultur] in erster Linie nicht zur Mitteilung von Informationen und Fakten dienen, sondern – laut den Zielen und Vorstellungen des Kurators – eine Weisheit vermitteln, die jegliche Unterdrückung verständlich und nachfühlbar macht, und dadurch – die Wünsche von vielen unter uns verwirklichend – helfen, sie zu beseitigen.