Länder & Regionen

Suche

Helena Sadílková

Roma-Literatur in der ehemaligen Tschechoslsowakei und deren Nachfolgestaaten

Die Geschichte der Roma-Literatur im Gebiet der ehemaligen Tschechoslowakei geht auf die späten 1940er Jahre zurück, als Elena Lacková, eine Romni aus einer der vielen Roma-Siedlungen in der Ostslowakei, beschloss, die kollektiven Erfahrungen der dort ansässigen Rom_nja im Zweiten Weltkrieg zu Papier zu bringen. Sie wählte dafür die Form des Dramas und inszenierte ihr Stück mithilfe von Rom_nja aus ihrer Siedlung (das Stück wurde 1956 auf Slowakisch veröffentlicht). Wie sie später in ihren Erinnerungen beschrieb (Lacková, Hübschmannová 1997), erlangte die Aufführung einen enormen Bekanntheitsgrad; ihre Familientheatergruppe ging in verschiedenen Regionen der Tschechoslowakei auf Tournee; sie selbst gelangte in die damals höchsten Kreise kommunistischer Expert_innen, die sich mit dem befassten, was damals unter kommunistischen Ideolog_innen als »Arbeit unter Zigeunerbürgern« bezeichnet wurde.

So vielversprechend die Theateranekdote für die Entwicklung der Roma-Literatur auch erscheinen mag: Es sollte noch mehr als zwanzig Jahre dauern, bis sich in den späten 1960er Jahren ein kleines Zeitfenster für die Veröffentlichung anderer literarischer Texte von Rom_nja in der kommunistischen Tschechoslowakei öffnete – nur, um sich Anfang der 1970er Jahre, und diesmal bis 1989, wieder zu schließen. In den Nachkriegsjahren wurden die »Bürger zigeunerischen Ursprungs« als Opfer früherer repressiver Regime dargestellt. Sie wurden zum Gegenstand verschiedener politischer Maßnahmen, von weichen sozial-emanzipatorischen bis hin zu eindeutigen Zwangsmaßnahmen, einschließlich der Versuche zur Einschränkung von Bewegungsfreiheit und zur Geburtenkontrolle. Trotz der Tatsache, dass Rom_nja von den tschechoslowakischen Staatsbehörden als spezifische Gruppe von Bürger_innen angesprochen wurden, wurde ihnen der Status einer nationalen Minderheit verwehrt. Ab Mitte der 1950er Jahre wurden jegliche Aktivitäten, die in diese Richtung zu führen schienen, missbilligt oder unterdrückt.

In den Reformjahren der späten 1960er Jahre, die ihren Höhepunkt im Prager Frühling fanden, entstand der »Svaz Cikánů Romů« (wörtlich ›Verband der Zigeuner-Roma‹, SCR, 1969–1973), eine soziokulturelle Organisation, die von tschechoslowakischen Roma-Aktivist_innen mit der Zustimmung der staatlichen Behörden gegründet wurde. Zu dieser Gruppe gehörten auch Roma-Persönlichkeiten, die – wie Lacková – bereits seit Anfang der 1950er Jahre durch das System marschierten, sich teilweise der kommunistischen Ideologie anschlossen und sich an der »Arbeit unter Zigeunerbürgern« beteiligten, während sie zugleich vielfach von der offiziellen Assimilationspolitik abweichende, alternative Ansichten über den Status der Rom_nja vertraten.

Das Mitteilungsblatt des SCR, »Románo ľil«, wurde zu einer Plattform für die Veröffentlichung von Texten von Rom_nja, was wiederum das Erscheinen neuer Autor_innen und Texte förderte. Andrej Giňa, Tera Fabiánová, Andrej Pešta oder Elena Lacková, die sich um »Románo ľil« versammelten, gelten heute als die älteste Generation von Roma-Schriftsteller_innen in der Tschechoslowakei.

Das Konzept Romanes literarisch zu nutzen, findet in den Kreisen von Roma-Autor_innen dieser Länder auch heute noch seinen Nachhall.

Es war ein Novum, sich öffentlich in literarischer Form auszudrücken, noch dazu in Romanes, einem Medium der mündlichen Kommunikation innerhalb von Roma-Gemeinschaften der damaligen Tschechoslowakei. Der Gebrauch von Sprachvarietäten des Romanes in literarischen Texten tschechoslowakischer Rom_nja wurde von Milena Hübschmannová (1933–2005) vorangetrieben. Hübschmannová war eine der Begründerinnen der Romistik als akademische Disziplin in der Tschechoslowakei der Nachkriegszeit und eine glühende Befürworterin der nationalen und internationalen Emanzipationsbewegung der Rom_nja. Sie förderte die freie Meinungsäußerung in der Muttersprache und half Roma-Schriftsteller_innen – von denen sie die meisten persönlich kannte und mit denen sie jahrzehntelang zusammenarbeitete –, die Barrieren zu überwinden, die mit dem Übergang von rein mündlichem Sprachgebrauch zu einer geschriebenen (und literarischen) Form verbunden sind.

Zu ihren Lebzeiten inspirierte Hübschmannová ihre talentierten Roma-Freund_innen nicht nur dazu, ihre Gedanken zu Papier zu bringen, und zwar in Romanes als ihrer Muttersprache (siehe zum Beispiel ihre Erinnerung an die ersten Gedichte von Tera Fabiánová (Hübschmannová 2003). Sie war überdies auch eine Schlüsselfigur für deren Übersetzung, Veröffentlichung und Verbreitung unter anderen Rom_nja und stimulierte so deren eigene literarische Produktion und die Entwicklung interner Debatten. Das Konzept, die Sprachen der Rom_nja literarisch zu nutzen, findet in den Kreisen von Roma-Autor_innen dieser Länder auch heute noch seinen Nachhall. Es führte auch zur Tradition der zweisprachigen Editionen (Tschechisch/Slowakisch – Romanes).

Mehmet Emir | Tera Fabiánová and Milena Hübschmannová (on the left), 29 April 1994 | Fotografie | Österreich | 29. April 1994 | lit_00668 Rights held by: Mehmet Emir | Licensed by: Department of Folk Music Research and Ethnomusicology – University of Music and Performing Arts Vienna | Licensed under: Rights of Use | Provided by: Department of Folk Music Research and Ethnomusicology – University of Music and Performing Arts Vienna (Austria) | Photographed on: 29.04.1994 (Vienna/Austria)
Mehmet Emir | Tera Fabiánová with Ruzsa Nikolić-Lakatos, 29 April 1994 | Fotografie | Österreich | 29. April 1994 | lit_00669 Rights held by: Mehmet Emir | Licensed by: Department of Folk Music Research and Ethnomusicology – University of Music and Performing Arts Vienna | Licensed under: Rights of Use | Provided by: Department of Folk Music Research and Ethnomusicology – University of Music and Performing Arts Vienna (Austria) | Photographed on: 29.04.1994 (Vienna/Austria)

Tera Fabiánová (geborene Kurinová) wurde am 15. Oktober 1930 in Žihárec in der damaligen Tschechoslowakei (heute Slowakei) geboren und wuchs …

»Románo ľil«, die erste offizielle Plattform für Texte in Romanes, hörte mit der Zwangsauflösung des SCR im Jahr 1973 auf zu existieren. Danach wurde die Veröffentlichung literarischer Texte durch Rom_nja schwierig – und damit fast inexistent. Dies bedeutete jedoch nicht das Verschwinden der literarischen (oder emanzipatorischen) Bewegung an sich, die in den späten 1980er Jahren wieder erstarkte und den Einfluss der sowjetischen »Perestroika« in der Gesellschaft widerspiegelte.

In den späten 1980er Jahren entstanden in Roma-Kreisen Gesangs- und Tanzgruppen (zum Beispiel »Perumos« und »Khamoro« in Prag, »Amare neni« in Rokycany oder Emil Ščukas Theatergruppe in Sokolov). Neue Autor_innen tauchten auf, die von den Arbeiten ihrer Vorgänger_innen inspiriert waren, zum Beispiel Margita Reiznerová, Ilona Ferková, Janko Horváth oder Vlado Oláh. Roma-Schriftsteller_innen aus den tschechischen Landesteilen konnten sich nicht nur innerhalb des inoffiziellen Netzwerks von politisch/kulturell engagierten Personen treffen, sondern beispielsweise auch bei den von Hübschmannová in Prag durchgeführten Kursen zu Romanes (und für kreatives Schreiben). Die kollektive Arbeit sowohl der jüngeren als auch der älteren Generation wurde in »Kale ruži« vorgestellt, einem von Hübschmannová bereits in den späten 1980er Jahren edierten, aber bis 1990 unveröffentlichten Buch.

In der Slowakei schien sich die Entwicklung weniger um bestimmte Gruppen oder Einzelpersonen zu drehen.

In der Slowakei schien sich die Entwicklung weniger um bestimmte Gruppen oder Einzelpersonen zu drehen. Ab den 1950er Jahren widmete Elena Lacková ihre Karriere der Arbeit mit Roma-Gemeinschaften und stellte ihre literarischen Ambitionen bis in die 1980er Jahre zurück. In den frühen 1960er Jahren erschien mit Dezider Banga eine weitere herausragende Figur der Roma-Literatur in der Slowakei. Während seiner Tätigkeit als Redakteur der Literaturabteilung des slowakischen Fernsehens in Košice in den 1960er Jahren begann er, in slowakischer Sprache verfasste poetische Werke zu veröffentlichen, die sehr positiv aufgenommen wurden und deutlich von den Roma-Traditionen seiner Kindheit inspiriert waren. Banga übersetzte seine Werke später ins Romanes (2012). In den frühen 1990er Jahren edierte und veröffentlichte er eine Anthologie poetischer Werke von Roma-Dichter_innen aus der Tschechoslowakei (1991).

Die Samtene Revolution von 1989 schuf neue Räume für die Entwicklung der Emanzipationsbewegung, begleitet von einer kurzlebigen Blüte von Roma-Zeitschriften und Zeitungen (»Amaro lav«, »Romano kurko«, »Amaro gendalos«, »Romano nevo ľil« usw.) sowie von kleinen Verlagen, die an der Veröffentlichung von literarischen Texten in Romanes interessiert waren (zum Beispiel der Verlag Romaňi čhib, der 1991 bis 1996 von Reiznerová geleitet wurde). Von diesen Zeitschriften ist die tschechische »Romano džaniben« die beständigste Plattform für Texte in Romanes geblieben, zusammen mit »Romano nevo ľil« in der Slowakei und, in geringerem Maße, mit zwei weiteren tschechischen Roma-Zeitschriften, »Romano hangos« und »Romano voďi«.

Die Literatur von Rom_nja blieb jedoch am Rande des öffentlichen Interesses. Es dauerte mehr als ein Jahrzehnt, bis Roma-Autor_innen aus der ehemaligen Tschechoslowakei in größere Verlage (Triáda, GplusG, Václav Havel Library) vordringen konnten und ihre noch unvollendete Reise zu einem größeren Publikum begannen.

Die Veränderung lässt sich anhand von Elena Lackovás Memoiren gut verdeutlichen: Deren Erstveröffentlichung im Jahr 1997 erhielt nur begrenzte Aufmerksamkeit und schien vorübergehend ein verlegerischer Misserfolg zu sein, während sich der Verlag Triáda heute auf dem tschechischen Buchmarkt der dritten Auflage des Werkes rühmen kann. Seit den 1990er Jahren sind neue Autor_innen an die Öffentlichkeit getreten, von denen einige noch in der Tradition der älteren Autor_innen und der 2005 verstorbenen Hübschmannová stehen, wie zum Beispiel Emil Cina, Eva Danišová, Jana Hejkrlíková oder Erika Oláhová; andere sind mehr oder weniger unabhängig von diesen Einflüssen (Irena Eliášová, Gejza Horváth, Iveta Kokyová oder Roman Erös).

Eines der wichtigsten Ereignisse der jüngsten Zeit im literarischen Leben von Roma-Autor_innen der ehemaligen Tschechoslowakei war die Einrichtung einer Online-Plattform für Roma-Literatur, die von Hübschmannovás Schüler_innen Lukáš Houdek und Radka Steklá im Jahr 2010 geschaffen und später zu www.kher.cz umgewandelt wurde. Veröffentlicht werden Kurzgeschichten und E-Books von Roma-Autor_innen aus der Tschechischen und der Slowakischen Republik. »Kher«-Autor_innen sind Vertreter_innen der älteren Generationen (Vlado Oláh oder Emil Cina) sowie neue Talente wie Renata Berkyová; zu den slowakischen Autor_innen gehören Pavla Cicková, Monika Kováčová, Karol Lazár, Martin Oláh oder Zlatica Rusová.

In der Slowakei war »Romano nevo ľil« bis 2017 die wichtigste Verlagsplattform für Roma-Autor_innen, von denen einige ihre Werke auch in lokalen Verlagen veröffentlichen konnten, oft mit Unterstützung der örtlichen Behörden (zum Beispiel Ladislav Tavali, Ján Šándor oder Zlatica Rusová). Einige Autor_innen scheinen Erfolg durch Anpassung an den Mainstream-Geschmack zu haben: Janette Maziniovás Lebensgeschichte »Cigánka« (2012) fand trotz ihrer rassistischen Anklänge breite Anerkennung; Ľudovít Didi, der zu Lebzeiten vier Kurzromane (ausschließlich beim Verlag Slovart) herausbrachte, war ein meisterhafter Schriftsteller, der jedoch auch wiederholt populäre Stereotype über Rom_nja bemühte. Die Basisorganisation »Rolik« (www.rolik.eu) hingegen, ein Roma-Literaturverein, der 2009 gegründet wurde, veröffentlicht jedes Jahr eine Anthologie mit Werken eines wachsenden Netzwerks von teilnehmenden Rom_nja und ist aktiv an der Verbreitung der Werke der Autor_innen und der Entwicklung eines internen Dialogs beteiligt.

Gegenwärtig wird die literarische Tätigkeit von Rom_nja teilweise immer noch von der oralen Tradition und insbesondere durch Mündlichkeit beeinflusst, wie einige Forscher_innen (Karolína Ryvolová, Alena Scheinostová) betonen, während sie sich zugleich aus dem Rahmen der Folklore löst und sich der Individualisierung und der Nutzung von kreativem Schreiben als autonomer künstlerischer Disziplin zuwendet (Jan Červenka, Karolína Ryvolová).

Sie bleiben dennoch am Rande der höchsten literarischen Kreise und der Wahrnehmung...

War Roma-Literatur in bestimmten Phasen ihrer Entwicklung eine der zentralen Plattformen, auf denen Roma-Identität (de-/re-)konstruiert wurde, so werden die ethnospezifischen Themen und Verfahren nach und nach von allgemeineren Botschaften und individualisiertem Ausdruck persönlicher Erfahrung abgelöst. In den 60 Jahren ihres Bestehens haben Roma-Literatur und die Autor_innen, aus denen sie besteht, sich gemeinsam profund weiterentwickelt, indem die Autor_innen ihre Erfahrungen als Rom_nja darstellten, die tief in der Geschichte und Entwicklung der tschechoslowakischen Gesellschaft verwurzelt sind. Aus verschiedenen Gründen, von denen einige weniger auf Vorurteile als auf den Habitus des menschlichen Geistes zurückzuführen sind, bleiben sie dennoch am Rande der höchsten literarischen Kreise und der Wahrnehmung.

Es ist auch wichtig zu beachten, dass die literarische Tätigkeit von Rom_nja in der Tschechischen und der Slowakischen Republik überwiegend die Erfahrung der historisch sesshaften Sprecher_innen der Zentralen Roma-Dialekte der sogenannten slowakischen und ungarischen Rom_nja darstellt. Es gibt sehr wenige Stimmen in Vlach-Dialekten des Romanes (zum Beispiel Peter Stojka oder Iveta Kokyová, die sich jedoch dafür entschieden hat, in Tschechisch oder der Zentralen Variante des Romanes zu schreiben).

Die vom Holocaust stark betroffene autochthone Vorkriegs-Roma-Bevölkerung der Tschechoslowakei ist nur im Genre der Autobiografien (Karolína Kozáková, Elina Machálková, Karel Holomek) vertreten, obwohl man nicht übersehen sollte, dass dieses Genre seine Vorläufer hatte, zum Beispiel die noch unveröffentlichte Autobiografie von Rudolf Daniel aus den frühen 1950er Jahren oder die kurze autobiografische Erzählung von Leon Růžička aus dem Jahre 1958 – die bisher ältesten dokumentierten Versuche, die Geschichte dieser Gemeinschaft in der Tschechoslowakei des 20. Jahrhundert, inklusive des Genozids der Kriegszeit, schriftlich festzuhalten.