Voices of the victims

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Tschechien

Dušan Slačka

Ab Herbst 1938 besetzte das Deutsche Reich auf der Grundlage des sogenannten »Münchner Abkommens« große Teile des tschechoslowakischen Grenzgebietes. Auch die Armeen Polens und Ungarns annektierten tschechoslowakisches Territorium. Die neu entstandene zweite Tschechoslowakische Republik wurde Zeuge einer Radikalisierung von Anti-Roma-Positionen. Polizeibehörden, Kommunalverwaltungen, die zeitgenössische Publizistik und Politiker schlugen die Sterilisierung von Roma oder die Errichtung von Konzentrationslagern nach deutschem Muster vor. Mitte März 1939 rief die Slowakei ihre Unabhängigkeit aus, und der Rest des Staates wurde von der deutschen Wehrmacht besetzt. Die Nationalsozialisten riefen das »Protektorat Böhmen und Mähren« aus, ein faktisch vom Deutschen Reich annektiertes staatliches Gebilde.

Verschiedene Roma-Gruppen

Nach Schätzungen lebten in der Zwischenkriegs-Tschechoslowakei etwa 100.000 Roma und Sinti, unterteilt in mehrere Gruppen. Die absolute Mehrheit bildeten slowakische und ungarische Roma. Ab dem 17. Jahrhundert hatten sich auch mährische Roma angesiedelt. Die nicht sehr zahlreichen böhmischen Roma lebten zumeist traditionell vom Wandergewerbe, ebenso wie Vlach-Roma. Sinti lebten im deutschsprachigen Grenzgebiet und in größeren Städten. Die Industrialisierung verdrängte die traditionellen metallverarbeitenden Handwerke der Roma. Abgesehen von den relativ wohlhabenden Musikanten und Pferdehändlern hatte die Mehrheit der Roma, die als Tagelöhner_innen lebten, eine niedrige wirtschaftliche und soziale Stellung. Besonders in Mähren erfolgte in der Zwischenkriegszeit eine starke Assimilation, und es gab zum ersten Mal Roma, die Oberschulen und Universitäten besuchten.

Diskriminierung in der Zwischenkriegszeit

Die »Zigeuner« wurden eher als soziale Gruppe denn als eine ethnisch oder rassisch definierte Minderheit wahrgenommen. Roma und auch Nicht-Roma, die aufgrund des diskriminierenden Gesetzes von 1927 als »landfahrende Zigeuner« oder »auf Zigeunerart Lebende« bezeichnet wurden, erhielten Sonderausweise und standen unter ständiger Aufsicht der Polizei. Ihnen wurde zum Beispiel der Zutritt zu größeren Städten und zu bestimmten Regionen verwehrt.

Rassengesetze und Lager

Die Wahrnehmung von Roma als rassisch minderwertige Gruppe ging einher mit der Übernahme von Anti-Roma-Verordnungen im Protektorat (im vom Deutschen Reich besetzten Grenzgebiet bereits ab Herbst 1938). Zuerst wurde 1940 das »Landfahren« verboten. Einige Roma wurden im Rahmen radikaler Maßnahmen gegen vermeintliche »Asoziale« in Konzentrationslager deportiert. Die offene Verfolgung auf rassischer Grundlage setzte im Sommer 1942 mit der Umsetzung der »Verordnung für die Bekämpfung des Zigeunerunwesens« ein, die im Deutschen Reich seit 1938 galt. Daraufhin erfolgte die Erfassung von 6.500 »Zigeunern und Zigeunermischlingen«. Mehr als 2.500 von ihnen wurden in »Zigeunerlagern« in Lety u Písku und Hodonín u Kunštátu interniert, wo an den Folgen der schrecklichen Lebensbedingungen mehr als 500 Roma verstarben – Männer, Frauen und Kinder.

Deportation und Ermordung

Ab dem Frühjahr 1943 wurden Roma, ob in Freiheit lebend oder in Lagern interniert, in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Dieses fürchterliche Schicksal traf nahezu 5.000 Roma und Sinti aus dem Protektorat Böhmen und Mähren. Ihr Besitz wurde verkauft, entwendet oder zerstört. Weniger als 600 verelendete Überlebende kehrten nach Kriegsende aus den Konzentrationslagern zurück. Der nationalsozialistische Völkermord führte zu einer nahezu völligen Vernichtung der ursprünglichen Roma-Bevölkerung in Böhmen und Mähren.

Keine Anerkennung, keine Erinnerung

Die rassisch motivierte Verfolgung der Roma wurde nach dem Krieg nicht öffentlich anerkannt. Das Andenken an die Roma-Opfer des Völkermords blieb auf das intime Familienumfeld einer kleinen Gruppe von Überlebenden beschränkt. Die Aufmerksamkeit der Gesellschaft und der Behörden richtete sich auf die neu eintreffenden Roma-Migrant_innen aus der Slowakei. Wissenschaftler_innen widmeten sich dem Völkermord an den Roma erst ab Ende der 1960er Jahre, die erste Monographie erschien im Jahre 1981. Erst nach dem Fall des kommunistischen Regimes im Jahre 1989 stieg das Interesse an dem Thema.

Gleiches gilt für das Andenken an die Opfer und die Entschädigung der Überlebenden. Eine Verbesserung der Wahrnehmung erreichte Anfang der 1970er Jahre der kurzzeitig aktive »Verband der Zigeuner-Roma«, die erste Roma-Organisation des Landes. Desinteresse und die mangelnde Bereitschaft der Öffentlichkeit an einer Aufarbeitung der NS-Verfolgung führte dazu, dass auch Leidensorte der Roma nicht angemessen als Gedenkstätten gestaltet wurden. Über Jahrzehnte befand sich auf dem Gelände des einstigen Lagers in Lety u Písku eine Schweinemast, und in Hodonín u Kunštátu bestand am Ort des Lagers bis vor Kurzem ein Erholungszentrum.