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Sofiya Zahova

Roma-Literatur in den Balkanstaaten: Ein Überblick

Wieso Roma-Literatur und »Balkan«?

Was meinen wir, wenn wir den Begriff »Balkan« in seiner Wechselbeziehung zur Literatur der Roma verwenden? Wir betrachten den Balkan als ein geographisches Gebiet, in dem Völker, Religionen, Sprachen und Kulturen seit Jahrhunderten in Koexistenz leben und sich gegenseitig beeinflussen, was zu gemeinsamen historischen, politischen und kulturellen Merkmalen führt.

Obwohl der Begriff »Balkan« im Diskurs über Europa manchmal wegen seiner »orientalisierenden« Konnotation für die europäische Vorstellungswelt abgelehnt wird, ist er heute sowohl im wissenschaftlichen als auch im öffentlichen Diskurs weithin akzeptiert. Um die Idee der Gemeinsamkeiten von linguistischen und kulturellen Merkmalen aller Gemeinschaften auszudrücken, sprechen wir von Balkan-Ethnokultur, Balkan-Sprachbund, Balkanmusik, Balkan-Diaspora und auch von Balkan-Roma-Gruppen.

Die Lebensweise und Kultur der Roma auf dem Balkan wurde stark durch das Osmanische Reich – also durch den Einfluss des Islam und der muslimischen Kultur – geprägt. Dies umfasst die Präsenz von Roma in fast allen alten bewohnten Orten; ein in Bezug auf ethnische Zugehörigkeit und/oder Religionsgemeinschaften distinktes Leben in Vierteln, die Mahalla genannt werden (im Falle von Roma werden diese von der Mehrheit »Zigeuner-Mahalla« genannt); jahrhundertelange Koexistenz und ständige Interaktion der Roma mit allen anderen in Mahallas lebendenden (türkischen, christlichen, jüdischen, armenischen etc.) Gemeinschaften.

Als moderne, unabhängige Staaten haben die meisten Balkanländer mitsamt ihrer Roma-Gemeinschaften ähnliche Prozesse durchlaufen – ethnisch geprägte Nationalstaaten, die in der zweiten Hälfte des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden; osteuropäischer Kommunismus mit sowjetisch beeinflusster Politik in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts; post-sozialistischer Übergang zur Demokratie; Kriegsflüchtlinge und Arbeitsmigration in den »Westen« sowie (Bestrebungen zur) EU-Integration.

Gut ausgebildete Roma-Autor_innen vom Balkan haben eine lange Tradition.

Die Mehrheit der Roma auf dem Balkan führt seit vielen Jahrhunderten ein sesshaftes Leben und nimmt an allen soziokulturellen Prozessen, historischen Ereignissen, dem institutionellen Leben ihrer Nationalstaaten usw. teil. Während der sozialistischen Periode erhielten viele Roma eine Ausbildung. Das ist ein Hauptunterschied zwischen den Balkan-Autor_innen (sowie allgemein den osteuropäischen) und Autor_innen aus dem Westen: Gut ausgebildete Roma-Autor_innen vom Balkan – viele von ihnen mit Universitätsabschluss – haben eine lange Tradition. Dennoch bleiben sie Teil einer bestimmten Roma-Gruppe. Die meisten von ihnen sind in einem von Roma bewohnten Mahalla aufgewachsen und teilen das Schicksal und die Werte ihrer Roma-Gemeinde.

Der Zeitraum dieses Überblicks reicht von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis 2017. Die Länder, die detailliert betrachtet werden, sind Bosnien, Bulgarien, Kroatien, Kosovo, Mazedonien, Montenegro, Serbien und alle anderen Staatsformen, in denen diese Länder historisch integriert waren (zum Beispiel das Osmanische Reich, Österreich-Ungarn, Jugoslawien).

Weder jung noch unentwickelt

Die tatsächliche Entwicklungsgeschichte der Roma-Publikationen aus dem Balkan widerspricht der gängigen Ansicht von Roma-Literatur als »junges«, »unterentwickeltes«, »verspätetes« oder beispielloses Phänomen. In der Tat erfolgte der Übergang der Romani-Sprachen von Mündlichkeit zu Schriftlichkeit später als bei den meisten anderen europäischen Sprachen. Jedoch stellten Roma auf dem Balkan selbst solche Forderungen bereits im 19. Jahrhundert. Obwohl diese Forderungen weit davon entfernt waren, verwirklicht zu werden, sind sie ein Zeichen dafür, dass die Prozesse in den Eliten der Roma-Gemeinschaften stark von den allgemeinen Entwicklungen in jenen Regionen beeinflusst wurden, in denen diese Gemeinschaften lebten. Während dieser Zeit entstanden Bestrebungen nationaler Emanzipation, also der Bildung von Nationalstaaten für ethnische Gemeinschaften, die zu dieser Zeit auf dem Territorium des Osmanischen Reiches lebten und von ihren Eliten geführt wurden.

In diesem Zusammenhang muss erwähnt werden, dass die ersten literarischen Texte der Balkan-Roma volkskundliches Material waren. Es wurde das im 19. Jahrhundert bekannte Muster ethno-nationaler Staaten in der Region Südosteuropa und Mitteleuropa angewandt. Gefolgt wurde dabei dem von Johann Gottfried Herder inspirierten Modell der Förderung nationaler Emanzipation durch die Sammlung und Veröffentlichung einer breiten Palette von volkskundlichem Material, Wörterbüchern, Erzählungen über Bräuche sowie traditioneller Lieder, die den Nationalgeist repräsentierten. In dieser Zeit erschienen – historisch bereits relativ früh und parallel zu Volkskundesammlungen der jeweiligen ethno-nationalen Staaten – Sammlungen von Roma-Volkstradition.

So wiederholt die Entwicklung der Roma-Literatur das Muster des Überganges europäischer Sprachen von Mündlichkeit zu Schriftlichkeit.

Beispiele dafür sind die Roma-Geschichten, die Barbu Constantinescu im späten 19. Jahrhundert in Rumänien gesammelt und veröffentlicht hat, oder, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Naiden Sheitanovs Aufzeichnungen des Sofioter »Erli«-Dialekts in Bulgarien. Sehr oft haben dieselben Personen, wie zum Beispiel der Bosnier Rade Uhlik, nicht nur Roma-Folklore gesammelt und veröffentlicht, sondern auch Bibeltexte ins Romanes übersetzt. So wiederholt die Entwicklung der Literatur von Roma das Muster des Überganges europäischer Sprachen von Mündlichkeit zu Schriftlichkeit. Die ersten Korpora geschriebener Texte waren Volksmärchen und -erzählungen; gesammelt und veröffentlicht wurden sie von Volkskundlern und von Übersetzern von Bibeltexten ins Romanes.

Die Entwicklung der Literatur von Roma auf dem Balkan kann im Vergleich mit den schriftlichen Traditionen jener Gemeinschaften und Sprachen, die bereits in einem Nationalstaat aufgegangen waren, allenfalls als »verspätet« bezeichnet werden. Verglichen mit der schriftlichen Kultur- und Literaturentwicklung aller anderen staatenlosen ethnischen und sprachlichen Gemeinschaften auf dem Balkan (wie zum Beispiel den sogenannten Aromunen oder Walachen oder den Istrorumänen usw.) oder in Europa (zum Beispiel Samen) zeigt sich, dass literarische Veröffentlichungen in den Sprachen der Roma relativ zeitgemäß und »normal« sind: Ähnlich wie bei Roma-Gruppen wurde die Volkstradition aller dieser Gemeinschaften im 19. und 20. Jahrhundert gesammelt, während die Produktion von fiktionaler Literatur erst nach dem Zweiten Weltkrieg begann. Außerdem können wir sehen, wie reich und »überentwickelt« die Literatur der Roma im Vergleich zu den Literaturen anderer Balkan-Minderheiten ohne eigenen Nationalstaat ist.

»Ačhel o por maj zoralo e xanrrestar« (»Die Feder bleibt immer mächtiger als das Schwert«)

Ian Hancock, 1989

Viele, wenn nicht sogar die meisten Roma-Autor_innen auf dem Balkan sind trotz unterschiedlicher Herkunft gut ausgebildet. Sie engagieren sich als Aktivist_innen für die Sichtbarkeit der Kultur von Roma, die Verbesserung des Status von Roma, das Aufbrechen von Stereotypen und die Bewahrung des Erbes von Roma. Sie sind in der Regel Teil der nationalen und internationalen Roma-Bewegung.

Von wenigen Ausnahmen abgesehen sind sie meist Intellektuelle, die in Osteuropa oft als »Roma Intelligenzia« bezeichnet werden – Menschen, die Aktivist_innen sind (in den Bereichen Menschenrechte, Bildung, Sprache usw.) und zugleich Sammler_innen von volkskundlichem Material, Pädagog_innen, Linguist_innen, Gelehrt_innen, Schriftsteller_innen oder Künstler_innen im allgemeinen Sinne. So drücken sie in ihren literarischen oder anderen Arbeiten über Themen von Roma ihre Ideen über die Roma-Kultur aus. In Ermangelung einer standardisierten Geschichte nutzen und verbreiten sie innerhalb der Roma-Bewegung Vorstellungen über Roma allgemein – genauso wie jede nationale Erzählung es für die Geschichte einer Nation täte.

Warum gibt es in einigen Balkanländern mehr Roma-Literatur als in anderen?

Warum gibt es in einigen Balkanländern mehr Roma-Literatur als in anderen? Die Produktion von gruppeneigener Literatur und Kultur hängt oft von der nationalen Politik gegenüber Sinti und Roma in dem jeweiligen Staat und Zeitraum ab, und in letzter Zeit auch davon, auf welche Weise sich die internationale Politik bezüglich der Rechte von Minderheiten und von Roma und Sinti betreffenden Themen gestaltet.

Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts beschränkten sich Veröffentlichungen von Roma der Balkanländer auf Volkskundliches, auf Bibelübersetzungen und auf einige Zeitschriften, die von Roma im Königreich Jugoslawien und in Rumänien (in den Mehrheitssprachen) publiziert wurden. Originär fiktionale von Roma publizierte Literatur erschien erst nach 1945. Die produktivsten Schriftsteller_innen waren Roma und Romnja in Jugoslawien, weil in der multinationalen Föderation dieses Staates politische Bedingungen für die Unterstützung von Kultur und Aktivismus von Roma geschaffen wurden. Zur gleichen Zeit entwickelten die Staaten in allen anderen Balkanländern (Griechenland, Bulgarien, Albanien, Rumänien, Türkei) eine starke ethno-nationale Perspektive. Sie verfolgten Strategien, die restriktiv gegen die Kulturen und Sprachen der Gemeinschaften gerichtet waren, die sich von denen der Mehrheit im Staat unterschieden.

Nach den 1980er Jahren rückten durch den Fall des Eisernen Vorhangs und durch die europäischen Institutionen die Themen Kultur von Sinti und Roma sowie Bildung von Roma-Kindern verstärkt in den Fokus. In den Jahrzehnten nach 1989 folgte ein Boom der Roma-Literaturproduktion auf dem Balkan. Eine große, mit früheren Zeiten nicht vergleichbare Anzahl von Publikationen erschien in allen Ländern. Seitdem vernetzen sich Balkan-Autoren_innen sehr aktiv, insbesondere diejenigen aus dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens – und zwar unabhängig von ihrem tatsächlichen Wohnort (da viele als Migrant_innen in Westeuropa leben, schreiben und veröffentlichen).

Genres

In der Rangordnung der unterschiedlichen Genres haben Volkstradition und mündlich überlieferte Geschichten, Märchen, Mythen oder Glaubensvorstellungen eine führende Rolle. Sie werden entweder als Material von Roma- oder Nicht-Roma-Forscher_innen mit Anmerkungen, Kommentaren und Informationen über die Erzähler_innen veröffentlicht; oder sie werden von Roma publiziert, die diese als Autor_innen auch zu eigenen Schöpfungen umgestalten können.

Man kann die Grenzen zwischen volkstümlichen Erzählungen und Kurzgeschichten nicht klar ziehen. Manchmal veröffentlichen Autor_innen traditionelle volkstümliche Erzählungen als belletristische Kurzgeschichten. Manchmal benutzen sie Elemente aus der Oraltradition, die sie schriftstellerisch bearbeiten und verschieben – und so zu einer neuen Geschichte transformieren. Obwohl die meisten der veröffentlichten Kurzgeschichten von traditioneller, mündlich überlieferter Folklore und von Erzählungen inspiriert sind, schreiben Jovan Nikolić und Alija Krasnići originär zeitgenössische Werke in diesem Genre.

Alija Krasnići (Ali Krasniqi) wurde 1952 im Dorf Crkvena Vodica geboren, nahe der Stadt Obilić im Kosovo, damals eine serbische Provinz in der …

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Sofiya Zahova | Interview with Alija Krasnići | Non Fiction | Serbien | 12. September 2017 | lit_00121

Nach wie vor ist die Poesie das Genre, das von Roma-Autor_innen bevorzugt wird. Tatsächlich veröffentlichen viele Roma-Aktivist_innen und Künstler_innen Gedichtbände. Die reiche Poesieproduktion auf dem Balkan führte in allen Balkanstaaten zur Herausgabe von Anthologien mit Poesie von Roma.

Während in Westeuropa viele Publikationen von Roma-Autor_innen zu den Genres Autobiografie, Biografie und Memoiren gehören, sind diese Genres auf dem Balkan kaum entwickelt. Zwar haben mündliche Erzähler_innen schon lange ihre Lebensgeschichten und Erinnerungen unter Verwandten und Freund_innen als Teil ihres mündlichen kulturellen Erbes tradiert, aber erst in den 2000er Jahren begannen Autor_innen, ihre autobiografisch inspirierten Memoiren und Essays für die breite Öffentlichkeit zu schreiben. Bulgarische Roma-Autor_innen scheinen seit 1989 besonders aktiv Biografien und Memoiren geschrieben zu haben. Beispiele sind Lilyana Kovatcheva und die beiden Memoiren von Gospodin Kolev, einem bulgarischen Rom, der Mitglied des Zentralkomitees der Bulgarischen Kommunistischen Partei war.

Novellen und Romane kommen als Genres nach wie vor am seltensten auf dem Balkan vor. Beispiele für Autor_innen von Romanen sind in den Balkanländern Akile Eminova und Georgi Parushev. Während Roma-Autor_innen in den Balkanländern in allen anderen Genres vorwiegend in Romanes schreiben oder ihre Texte in zweisprachigen Ausgaben veröffentlichen, werden Novellen und Romane in den Mehrheitssprachen der Herkunftsländer der Autor_innen veröffentlicht. Alija Krasnići hat einen Roman in Romanes verfasst, der jedoch bis 2017 nicht veröffentlicht wurde.

Akile Eminova (Акиле Еминова), geboren 1961, ist eine Romni aus der sogenannten esnaf-Gemeinschaft in Štip (Mazedonien). Sie schreibt auf …

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Sofiya Zahova | Interview with Akile Eminova | Non Fiction | Mazedonien | 9. September 2017 - 2017-09 | lit_00117

Literatur für Kinder ist ein zentrales Genre in allen Balkanländern, wegen ihrer Bedeutung für den Erwerb der jeweiligen Varietät des Romanes und für Lernprozesse. Es gibt Märchenausgaben für Kinder sowie Verse und Übersetzungen von Klassikern der Weltliteratur.

Themen

Einige der wichtigsten und wiederkehrenden Motive und Themen, die zum typischen Bestand der Roma-Literatur auf dem Balkan und für ihre Beziehung zur Roma-Identität gehören, sind:

  • die Spiegelung von Bräuchen und der Einfluss der Volkstradition, da viele der Werke entweder darauf basieren oder davon erzählen;
  • der Ausdruck der eigenen Identität, Affirmation und Selbstpräferenz bezüglich der Frage, was es bedeutet, »Rom« zu sein (viele Roma-Dichter haben ein Gedicht namens »Me sem Rom« – »Ich bin ein Rom« geschrieben; oder sie behandeln die Frage, wie es ist, »kalo« («schwarz«) in einer Welt von »parne« (wörtl. »weiße«) zu sein);
  • ein Orts- und Zugehörigkeitsdefizit, wie es am deutlichsten in dem Gedicht von Rajko Djurić »Ohne Heim, ohne Grab« zum Ausdruck kommt;
  • die Beziehungen von Roma und »Gadsche« (Nicht-Roma);
  • Narrative über den Ursprung von Roma – sowohl historische (über Indien) als auch solche über Volksglauben und über Ursprungsmythen (Roma-Schöpfungsmythen);
  • Erzählungen über das Leiden von Sinti und Roma in den Konzentrationslagern Jasenovac und Auschwitz sowie über das ertragene Leid im Kosovo.