Voices of the victims

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Rumänien

Viorel Achim

In der Volkszählung von 1930 ließen sich 262.501 Personen als »Zigeuner« (Roma) registrieren. Dies entspricht 1,5 Prozent der Gesamtbevölkerung Rumäniens. In beinahe der Hälfte aller Siedlungen des Landes waren sie in unterschiedlicher Stärke ansässig. Der Großteil dieser extrem heterogenen Bevölkerungsgruppe lebte in Dörfern und ging landwirtschaftlichen oder der Landwirtschaft verwandten Berufen nach. Nur 37,2 Prozent gaben Romanes als ihre Muttersprache an.

Für Roma war die Zwischenkriegszeit eine Zeit der Modernisierung und des Fortschritts. Moderne Leitfiguren aus den Reihen der Intellektuellen und Geschäftsleute mit Roma-Wurzeln erschienen auf der Bildfläche. Neue Roma-Organisationen stritten für die Emanzipation.

Die rumänische »Lösung der Zigeunerfrage«

Unter der faschistischen Diktatur des Marshalls Ion Antonescu von 1940 bis 1944 wurde Rumänien zu einem Alliierten des Deutschen Reiches. Antonescu schwebte ein ethnisch reines Rumänien vor. Ethnische Minderheiten sollten verschwinden, entweder durch Bevölkerungsaustausch, Umsiedlung oder Deportation. Im Jahr 1942 wurde die Roma-Bevölkerung auf 208.700 geschätzt.

Betroffen waren nur diejenigen Roma, die von den rumänischen Behörden als nicht assimiliert angesehen wurden oder deren Assimilierung nicht gewünscht war. Diese Gruppen sollten nach Transnistrien deportiert werden – die rumänische »Lösung der Zigeunerfrage«, wie es im damaligen Sprachgebrauch hieß.

Die Selektion wurde von der lokalen Gendarmerie und Polizei vorgenommen, die am 25. Mai 1942 eine gesonderte Erhebung unter den als »problematisch« angesehenen Roma durchführte. Alle »nomadischen« Roma (also solche, die ihren Lebensunterhalt zum Beispiel als fahrende Handeltreibende verdienten) wurden deportiert; ebenso diejenigen ortsfesten Roma mit Vorstrafen sowie diejenigen, die keinen Beruf oder keine sonstigen Mittel hatten, um aus eigener Kraft für ihren Lebensunterhalt zu sorgen (diese Menschen wurden als »gefährlich und unerwünscht« angesehen). Von den ortsfesten Roma sollten diejenigen von der Deportation – zumindest in der Theorie – ausgenommen werden, die mobilisiert worden waren oder deren Mobilmachung bevorstand, ebenso deren Familien.

Deportation nach Transnistrien

Während zweier Operationen wurden Roma aus allen Landesteilen deportiert: die »nomadischen« Roma zwischen dem 1. Juni und dem 15. August und die »sesshaften« Roma zwischen dem 12. und dem 21. September 1942. Bei den Deportationen wurde nach Familien vorgegangen, daher handelte es sich bei mehr als der Hälfte der Deportierten um Kinder. Anfang Oktober 1942 befanden sich 24.686 Roma in Transnistrien, davon waren 11.441 als »nomadisch« und 13.175 als »sesshaft« klassifiziert. 69 weitere waren nach ihrer Freilassung aus dem Gefängnis deportiert worden. Einige Hundert sollten später noch hinzukommen, sodass man die Gesamtzahl der nach Transnistrien deportierten Roma mit circa 25.000 angeben kann.

Die Tragödie der Roma in Transnistrien

In Transnistrien wurden die deportierten Roma in besondere Bereiche innerhalb oder am Rande von mehreren Dutzend Dörfern untergebracht, die sich im Osten des Landes am Ufer des Flusses Bug befinden. Viele wurden in Häusern untergebracht, aus denen die lokale ukrainische Bevölkerung evakuiert worden war, andere wiederum in Erdhütten. Einige dieser Siedlungen umfassten mehrere Hundert Deportierte und wurden »Zigeunerkolonien« genannt.

Die Bedingungen waren extrem schlecht. An einigen Orten wurden nur die arbeitenden Roma mit Lebensmitteln versorgt. Bekleidung war ein ernstzunehmendes Problem. Es fehlte am Nötigsten – selbst an Töpfen, um Nahrung zubereiten zu können. Eine Gesundheitsversorgung existierte praktisch nicht. Den Roma wurde nur zu einem sehr geringen Teil überhaupt die Möglichkeit gegeben, zu arbeiten und so ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Geschätzte 11.000 der Deportierten starben an Hunger, Krankheiten oder Mangelerscheinungen. Etwa 2.000 Roma flohen aus Transnistrien oder wurden 1942 und 1943 repatriiert.

Angesichts des sowjetischen Vormarsches kehrten im Frühjahr 1944 12.000 Roma im Gefolge der rumänischen Armee und der abziehenden rumänischen Besatzungsbehörden nach Rumänien zurück. Mehrere Hundert wurden erst 1945 und 1946 repatriiert.

Nach 1944

Die Verfolgung endete am 23. August 1944, mit dem Ende der Herrschaft Antonescus. Die Rückkehr zur Normalität stellte sich aber gerade für die »nomadischen« Roma als schwierig heraus. Sie hatten ihr gesamtes Hab und Gut, ihre Pferde, Wagen und Werkzeuge verloren.

Die Deportation der Roma war bei den Gerichtsverhandlungen gegen Ion Antonescu und seine engsten Kollaborateur_innen im Mai 1946 einer der Anklagepunkte. In den Jahren des Kommunismus war jede Thematisierung von Transnistrien ein Tabu.

Gedenken

Im November 2004 erkannte der rumänische Staat mit der Annahme des Final Report der »International Commission for the Study of the Holocaust in Romania« Roma neben den Juden offiziell als Opfer des Holocaust an. Der Staat übernahm somit für die Deportation nach Transnistrien ebenso die Verantwortung wie für den Holocaust. Seit 2005 wird den Opfern der Roma offiziell gedacht. Das 2009 in Bukarest errichtete Holocaustmahnmal nennt explizit zwei Opfergruppen (Juden und Roma).