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Marianne Zwicker

Literatur von Sinti und Roma in Deutschland

Die ersten literarischen Werke von Sinti und Roma in Deutschland erschienen Mitte der 1980er Jahre. Sie waren eine Reaktion auf die ausbleibende offizielle Anerkennung des Opferstatus von Sinti und Roma im Dritten Reich und handeln von der Verfolgung der Autor_innen und ihrer Familien während des Holocausts. Da sich das traditionelle Medium der Familiengeschichten und Erinnerungen, die mündliche Überlieferung, als ungeeignet erwiesen hatte, um von den Traumata der Konzentrationslager und dem Verlust so vieler Leben zu berichten, griffen die Autor_innen nun zum Schreiben. Es war das bessere Mittel, um Zeugenschaft abzulegen und die Erfahrungen mit dem Dritten Reich zu einer Zeit weiterzugeben, als sich noch kaum jemand dafür interessierte.

Latscho Tschawos Buch »Die Befreiung des Latscho Tschawo. Ein Sinto-Leben in Deutschland« erschien 1984 und war der erste Bericht eines Rom in deutscher Sprache, wobei sich der Autor weniger auf die Erinnerungen an den Holocaust konzentriert als auf die Probleme, die sich aus dem Versuch ergeben, von den traumatischen Erfahrungen in Auschwitz zu berichten:

»Zwei Jahre Auschwitz, bitte erlassen Sie mir eine genaue Schilderung dieser zwei Jahre. Es ist sowieso kaum zu glauben.«

Latscho Tschawo

Ein Jahr später literarisiert Philomena Franz ihre Erinnerungen an den Holocaust in »Zwischen Liebe und Haß: ein Zigeunerleben«. Detailliert erzählt sie vom Verlust ihrer Schwester, ihrer Mutter und anderer Familienmitglieder im Konzentrationslager. Das Verfassen des Textes erweist sich als Therapie für die Autorin und scheint ihr die Möglichkeit zu geben, sich den Traumata, die sie durchleben musste, zu stellen. Bemerkenswert ist das Buch von Franz deshalb, weil die Autorin den Leser_innen die Gelegenheit gibt zu erfahren, wer sie ist. Gleichzeitig offenbart sie wichtige Einblicke in die kulturelle Identität der Sinti und Roma, nicht nur durch die Schilderung des Familienlebens in der Zeit vor und während des Zweiten Weltkriegs und der Erfahrungen im Konzentrationslager, sondern auch durch die Darstellung ihrer Bemühungen, die eigene kulturelle Geschichte Teil der allgemeinen Geschichte Deutschlands werden zu lassen.

Philomena Franz | Zwischen Liebe und Hass : ein Zigeunerleben | Books | Köln | 2001 | lit_00100 Rights held by: Philomena Franz | Licensed by: Philomena Franz | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: Philomena Franz – Private Archive | Published by: Books on Demand – Self Publishing Plattform (Norderstedt/Germany)

Nachdem Philomena Franz den Anfang gemacht hatte, griffen auch andere Überlebende der Sinti und Roma zur Feder, um vom Holocaust zu berichten. Zum Teil geschah dies mit Unterstützung von professionellen Schriftsteller_innen oder Historiker_innen. Diese Narrative beschreiben nicht nur die Erfahrungen im Holocaust, sondern auch Leben, Geschichte und Kultur der Sinti und Roma in Deutschland vor und nach dem Dritten Reich.

So berichtet Alfred Lessing in »Mein Leben im Versteck« (1993), wie er, um dem Konzentrationslager zu entgehen, seine Identität als Rom verleugnete. Dabei erlebte er nicht nur Enttäuschungen in Form mangelnder Loyalität, sondern erfuhr auch, wie es ist, das Gefühl von Sicherheit und Zugehörigkeit zur deutschen Landschaft zu verlieren, zu der die Kultur und Tradition vieler Sinti und Roma schon immer eine besondere Verbindung besaßen.

Walter Winter schreibt in »WinterZeit« (1999) von seiner Deportation in das »Zigeunerlager« von Auschwitz-Birkenau und davon, wie er später an die Front geschickt wurde, um bei der letzten verzweifelten Schlacht gegen die vorrückenden russischen Truppen mitzukämpfen.

Andere Überlebende veröffentlichten ihre Berichte in den späten 1990er und frühen 2000er Jahren, unter anderem Lolo Reinhardt mit »Überwintern. Jugenderinnerungen eines schwäbischen Zigeuners« (1999), Anna Mettbach und Josef Behringer mit »›Wer wird die nächste sein?‹ Die Leidensgeschichte einer Sintezza, die Auschwitz überlebte« (1999) und Josef Muscha Müller mit »Und weinen darf ich auch nicht ... Ausgrenzung, Sterilisation, Deportation – Eine Kindheit in Deutschland« (2002).

Dass das Erscheinen zahlreicher Berichte von Überlebenden der Konzentrationslager mit einer zunehmenden Emanzipationsbewegung der Sinti und Roma in Deutschland einherging, zeigt sich wohl am deutlichsten an Otto Rosenbergs 1999 erschienener Autobiografie »Das Brennglas«, die unter dem Titel »A Gypsy in Auschwitz« im selben Jahr auch in englischer Übersetzung erschien. Rosenberg nahm seine Lebensbeschreibung zum Anlass, um auf die weiterhin bestehenden Vorurteile über Sinti und Roma in Deutschland hinzuweisen, und er widmete den Rest seines Lebens dem Kampf für die Anerkennung der Sinti und Roma als Opfer des Holocausts und dafür, dass die Überlebenden eine Wiedergutmachung erhielten.

Auch seine Tochter Marianne Rosenberg, die im Alter von fünfzehn Jahren ihre beeindruckende Karriere als Schlagersängerin begann, verfasste eine Autobiografie. Sie trägt den Titel »Kokolores« und erschien 2006. Zwar steht ihre musikalische Karriere im Mittelpunkt, doch berichtet sie auch davon, wie es war, als Tochter eines Holocaust-Überlebenden aufzuwachsen. Es wird deutlich, wie groß der Schatten ist, den die Verfolgung der Sinti und Roma im Dritten Reich auf deren Leben und Erinnerungen wirft.

Dotschy Reinhardt berichtet den Leser_innen in ihrem 2008 erschienenen Buch »Gypsy: Die Geschichte einer großen Sinti-Familie« von ihrem Leben als Musikerin, aber auch davon, wie sehr die Erfahrungen ihrer Sinti-Familie in Deutschland ihr eigenes Leben und ihre eigene Wahrnehmung beeinflussten. Sie kämpft gegen das noch immer herrschende Stereotyp vom faulen, kriminellen und unzuverlässigen »Zigeuner«.

Vor Kurzem erschien Anita Awosusis Buch »Vater unser: Eine Sintifamilie erzählt« (2016). Wie Marianne Rosenberg und Dotschy Reinhardt beschreibt auch Awosusi, wie stark die Auswirkungen des Holocaust selbst auf die zweite Generation der Sinti-Familien im Nachkriegsdeutschland sind. Ähnlich wie bei den deutsch schreibenden Roma-Autor_innen Österreichs taucht auch in den literarischen Werken der Sinti und Roma Deutschlands das Gespenst von Auschwitz auf. Sie erzählen ebenfalls nicht nur vom historischen Geschehen, von der Erinnerung und von den Traumata, sondern auch vom täglichen Leben, von der kulturellen Identität und dem Gefühl der Zugehörigkeit zu ihrer Heimat Deutschland.

Anita Awosusi | Vater Unser : Eine Sintifamilie erzählt | Books | Heidelberg | 2016 | lit_00559 Rights held by: Anita Awosusi | Licensed by: Anita Awosusi | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: Anita Awosusi – Private Archive | Published by: verlag regionalkultur – Publishing House (Ubstadt-Weiher/Germany)