Voices of the victims

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Kroatien

Danijel Vojak

In Kroatien wurden Roma nach dem Ersten Weltkrieg, wie die restliche Bevölkerung auch, Teil des neuen jugoslawischen Staates. Orientiert man sich an der offiziellen Volkszählung von 1931, so lag die Zahl der Roma in Jugoslawien in der Zwischenkriegszeit bei etwa 70.000. Davon lebten mindestens 17.000 in kroatischen Gebieten, die meisten von ihnen in den östlichen und nördlichen Landesteilen. Der Großteil der Roma lebte auf dem Land, fristete ein Leben in Nischenökonomien und arbeitete meist als Handwerker oder Händler. Ausbildung gab es so gut wie keine – eine Folge des Ausschlusses aus dem Schulsystem –, ebenso wenig wie politische, ökonomische, kulturelle oder anderweitige Organisationen.

Die Rassenpolitik der Ustaša-Regierung

Anfang April 1941 brach die Armee des Königreichs Jugoslawien nach kurzer Auseinandersetzung mit den Achsenmächten zusammen. Anschließend rief die Ustaša, eine profaschistische Bewegung unter Führung von Ante Pavelić, mit Unterstützung der Achsenmächte den Unabhängigen Staat Kroatien ins Leben (USK). Die Ustaša-Regierung erließ schon bald Rassengesetze, in denen Roma gemeinsam mit Juden gesetzlich als »nichtarischer« Teil der Bevölkerung definiert wurden. Der Einfluss der rassistischen deutschen »Nürnberger Gesetze« ist offensichtlich. Die Behörden des USK wollten Roma in verlassene Siedlungen in den südlichen Landesteilen umsiedeln. Andere schlugen vor, sie auf die Insel Mljet in der Adria zu schaffen.

Deportation nach Jasenovac

Der letzte Schritt wurde von einem Rundschreiben des Innenministeriums und einem Dekret des Aufsichtsdienstes der Ustaša vom 19. Mai 1942 eingeleitet, in dem dazu aufgerufen wurde, alle Roma zur Deportation in das Konzentrationslager Jasenovac zusammenzutreiben. Das kroatische Militär und Polizeibehörden führten – unterstützt von in der Kulturliga der Deutschstämmigen organisierten ethnischen Deutschen – ebenso wie der kroatische Heimatschutz bis Ende Juli Massenverhaftungen und Verschleppungen von Roma durch und deportierten den Großteil von ihnen nach Jasenovac. Es muss betont werden, dass Roma − anders als andere Gefangene − nicht offiziell und einzeln als Individuen registriert wurden, sondern summarisch als Teile von Eisenbahntransporten, weshalb es schwierig ist, die konkrete Zahl der Roma-Opfer im USK zu bestimmen.

Sonderlager und Exekutionen

Das Konzentrationslager Jasenovac – das größte Lager der Ustaša – war zwischen 1941 und 1945 ein Ort der Freiheitsberaubung, der Zwangsarbeit und Hinrichtungsstätte für Serb_innen, Juden, Roma, Kommunist_innen und Antifaschist_innen. Einige Roma wurden direkt bei ihrer Ankunft in Jasenovac exekutiert, andere in die kleine Ortschaft Uštica geschickt, einen weiteren Teil des Lagers Jasenovac. Dort wurden sie in den Häusern zuvor deportierter Serb_innen untergebracht. Dieses mit Draht eingezäunte sogenannte »Ciganski logor« (»Zigeunerlager«) war ein Konzentrationslager. Viele Roma wurden dort von der Ustaša gefoltert und getötet. Da die Zahl der eingelieferten Roma ebenso wie die Zahl der anderen Gefangenen ständig stieg, wurden einige Roma in die Ortschaft Gradina auf dem Gebiet des heutigen Bosnien und Herzegowina gebracht. Auch dort kam es zu umfangreichen Massenmorden. Einige der Gefangenen wurden zunächst zur Arbeit an Dämmen gezwungen, aber ebenfalls bald hingerichtet.

Nach Aussagen anderer Gefangener, die das Lager Jasenovac überlebt hatten, waren Roma »der am stärksten isolierte Teil der Gefangenen«. Die Ustaša war ihnen gegenüber besonders grausam. Man geht davon aus, dass im Juli 1942 in Jasenovac so gut wie keine Roma mehr am Leben waren. Einige wenige wurden schließlich dazu gezwungen, Massengräber auszuheben, bevor auch sie zu Beginn des Jahres 1945 getötet wurden.

Die beinahe komplette Auslöschung der Vorkriegsbevölkerung der Roma

Die Politik der Ustaša-Regierung führte zu einer nahezu vollständigen Auslöschung der Vorkriegsbevölkerung der Roma. In der ersten Volkszählung nach dem Krieg im Jahr 1948 wurden in Kroatien nur 405 Roma registriert. Auch wenn offizielle Angaben aufgrund methodologischer Probleme unzuverlässig sind – Schätzungen zur Zahl der ermordeten Roma schwanken zwischen einigen Tausend und 60.000 –, besteht kein Zweifel an der fast vollständigen Vernichtung der Roma auf dem Gebiet des USK.

Aktivitäten von Roma-Nichtregierungsorganisationen

Das Leiden der Roma während des Zweiten Weltkriegs fiel in Kroatien dem Vergessen anheim. Am Gedenkort Jasenovac wurde nur eine einzige Gedenktafel für Roma-Opfer errichtet. Der »International Remembrance Day of Roma Holocaust Victims« wurde in Kroatien das erste Mal am 2. August 2012 begangen, auf dem Roma-Friedhof im Dorf Uštica nahe Jasenovac. Die Gedenkveranstaltung wurde von Veljko Kajtazi, einem Repräsentanten der Roma im kroatischen Parlament, gemeinsam mit Roma-NGOs organisiert. Einige Hundert Roma nahmen daran teil. 2014 erklärte das kroatische Parlament den 2. August als den »International Remembrance Day of Roma Victims of the Pharraimos (Holocaust)«. Aufgrund einer Initiative von Veljko Kajtazi änderte das kroatische Parlament den Namen in »International Remembrance Day of Roma Victims of Genocide in the Second World War (Samudaripen)«.