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Kirill Kozhanov und Ilona Makhotina

Roma-Literatur in Russland und der Sowjetunion vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart

Die Entstehung der Roma-Literatur in Russland geht auf das 19. Jahrhundert zurück, als die Leiter_innen professioneller Roma-Chöre, zum Beispiel Nikolay Shishkin (1845-1911), Rodion Kalabin, Mariya Gubkina und andere, zahlreiche lyrische und romantische Lieder (die auf Russisch romans genannt werden) in Russisch und Romanes verfassten (in diesem Fall in der nordrussischen Variante).

Im Repertoire der Chöre waren diese Texte bis Anfang des 20. Jahrhunderts weitverbreitet.

Nach der Revolution von 1917 und der Gründung eines neuen Staates – der Sowjetunion – unternahm die Roma-Literatur ihre ersten unabhängigen Schritte. Infolge der liberalen Politik der frühen UdSSR gegenüber ethnischen Minderheiten und ihren Sprachen wurde die Sprache der Roma Mitte der 1920er Jahre standardisiert. Die neue Standardsprache, die auf der russischen Variante des Romanes basiert, wurde produktiv genutzt: Während der 1920er und 1930er Jahre erschienen in der UdSSR über zweihundert Bücher und Zeitschriften in Romanes. Neben Originalwerken von Roma-Schriftsteller_innen und -Dichter_innen wurden unter anderem Bücher mit Übersetzungen russischer und europäischer Klassiker, mit politischen Texten und Reden sowie Schulbücher über Sprache, Mathematik, Geographie veröffentlicht.

Die Roma-Literatur dieser Periode war stark politisiert. Sie befasste sich mit Themen wie der Diskriminierung der Rom_nja unter dem Zaren-Regime sowie der Schaffung eines »neuen Lebens und einer neuen Roma-Kultur« in der Sowjetunion. Die alte, traditionelle Lebensweise von Rom_nja – unter anderem auch Mobilität, Wahrsagen, Betteln und Pferdehandel – wurde abwertend dargestellt. Ein häufiges Thema sowohl von Belletristik als auch von Sachbüchern war das Konzept einer traditionellen Roma-Familie, die sich in einer Kolchose (russisch: kollektivnoe khozjastvo) niederlässt und beginnt, für das Gemeinwohl zu arbeiten. Die stilistischen und thematischen Variationen dieser Literatur waren selbst im Vergleich zur insgesamt eher homogenen sowjetischen Literatur sehr begrenzt.

Viele Autor_innen der Roma-Literatur waren auch in der Sozial- und Bildungsarbeit aktiv. Zum Beispiel verfasste Nikolay Pankov (1895–1959) nicht nur einige Lehrbücher in Romanes, übersetzte viele russische Klassiker, gab Roma-Zeitschriften und ein Romani–Russisches Wörterbuch heraus, sondern unterrichtete auch in einem Roma-Kolleg.

Eine andere Gruppe von Roma-Schriftsteller_innen war mit traditionellen professionellen Ensembles und dem Ensemble des »Teatr Romen«, des ›Romen‹-Theaters, assoziiert. Ivan Rom-Lebedev (1903–1991) stammte aus einer Familie professioneller Roma-Musiker und war ein führender Dramatiker jener Zeit. Ivan Khrustalev-Timofeev (1901–1970) schrieb hauptsächlich für dieses Theater, wo er Choreograph und einer der Hauptdarsteller wurde. Mikhail Ilyinsky (1882–1962), ein erfahrener Schauspieler im ›Romen‹-Theater, war auch Verfasser von Kurzgeschichten, die für ihre reiche und ausdrucksstarke Sprache bekannt sind.

Die sowjetische Roma-Literatur hatte auch ziemlich starke weibliche Stimmen. Autorinnen wie Evdokiya Orlova (1889–19??), Mariya Polyakova (1904–1976) und Olga Pankova (1911–1991) veröffentlichten zahlreiche Sammlungen mit Gedichten und Kurzgeschichten, in denen unter anderem die Diskriminierung von Roma-Frauen in traditionellen Familien und die Vorteile, die das neue Leben in der Sowjetunion für Frauen bot, behandelt wurden.

Im Jahr 1938 änderte sich in der UdSSR die Politik bezüglich ethnischer Minderheiten rasch in Richtung zunehmender Russifizierung. In den nächsten Jahrzehnten waren Roma-Literatur und -Kultur inoffiziell verboten. Die einzige aktive Roma-Kulturorganisation war das ›Romen‹-Theater, dessen gesamtes Repertoire damals ausschließlich auf Russisch gespielt wurde.

Erst die Aufweichung der Kulturpolitik der UdSSR in den 1960er Jahren ermöglichte das langsame Erwachen der Roma-Literatur. Ein historisches Ereignis war 1970 in Moldawien die Veröffentlichung einer Sammlung von Gedichten und Volksmärchen von Gheorghe Cantea (1940-2012) in Romanes. Der größte Teil der Literatur, die von Roma-Autor_innen geschrieben wurde, erschien jedoch immer noch in russischer Sprache, so beispielsweise die Kurzgeschichten und Gedichte von Ivan Panchenko (1941–2017) oder Nikolay Vasilevsky (* 1949). Der erste Versuch, Roma-Autor_innen dieser Generation zusammenzubringen, wurde von Nikolay Satkevich (1917–1991) mit »Kostry« (›Feuer‹, 1974), einer Sammlung von Roma-Lyrik, unternommen. Die 1970er Jahre waren auch die Zeit, in der Mikha Kazimirenko (1938-2005) als Verfasser von Gedichten und Übersetzer von ukrainischen Klassikern sowie Leksa Manush (eigentlich: Aleksandr Belugin, 1942–1997; siehe auch das Tonbeispiel), Dichter und Gelehrter aus Lettland, ihre literarischen Karrieren begannen.

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Leksa Manuš, Leksa Manuš, Mozes F. Heinschink | Leksa Manuš recites his poem "Ušten, Romale!" | Oral Literature | Serock | 1990 | lit_00082

Leksa Manush (Aleksandr Belugin) wurde am 7. Februar 1942 in Riga (Lettland) geboren, das damals von den Nazis besetzt war. Er hatte russische, …

In dieser Zeit fingen sowjetische Roma-Autor_innen an, ihre Arbeiten in Romanes in europäischen Zeitschriften zu publizieren. Die Einbeziehung der sowjetischen Roma-Literatur in die europäische Tradition ermutigte die Autor_innen nicht nur, in Romanes zu schreiben, sondern auch, eine universelle Standardsprache zu schaffen, die den Sprechern verschiedener Dialekte verständlich ist. Ein gutes Beispiel für solche Bestrebungen findet sich in den Werken von Dzhura Makhotin (1951–2004).

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahr 1991 begann eine neue Ära der Roma-Literatur. Immer mehr Werke von Roma-Autor_innen erschienen nicht nur auf Russisch, sondern auch in verschiedenen Varianten des Romanes. Eine wachsende Zahl von Autor_innen aus den ehemaligen Sowjetrepubliken wurde aktiv, wie Valdemar Kalinin (* 1946) aus Weißrussland oder Raisa Nabaranchuk (* 1943) aus der Ukraine. Neue Genres, insbesondere (Auto-)Biografien, wurden in die Roma-Literatur eingeführt. Professionelle Schauspieler_innen und Musiker_innen waren immer noch die treibenden Kräfte in der Entwicklung dieser Literatur. Ein bedeutender Teil davon bestand in den Übersetzungen von Klassikern der Weltliteratur.

Eine neue Generation der Schauspieler_innen des ›Romen‹-Theaters wie Georgy Tsvetkov (* 1950) und Papusha Mikhay (Pitoch Mikhaylova, geboren 1930), begann ihre Gedichte und Kurzgeschichten zu veröffentlichen. In dem von Mikhay herausgegebenen Buch war sogar ein Drehbuch enthalten, das eine tragische Geschichte von massiven Deportationen von Rom_nja nach Sibirien in den 1930er Jahren erzählt.

Die Roma-Literatur in Russland und der ehemaligen UdSSR war immer mit professionellen Musiker_innen verbunden und hatte daher eine gewisse Tendenz zur Lyrik. Die Tradition des Schreibens populärer Roma-Lieder wurde in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts von Autor_innen wie zum Beispiel Aleksandr Pankov, Petr Demeter, Vladimir Goloshchanov, der Familie Buzylev und einigen anderen bewahrt.

Ein wichtiges Merkmal der Roma-Literatur ist ihr Hinwendung zur folkloristischen Tradition. Die zunehmende Verfügbarkeit des Internets im 21. Jahrhundert hat die Situation der Roma-Literatur in Russland erheblich verändert. Alte und neue Texte in verschiedenen Dialekten des Romanes sind in diversen Roma-Foren sowie in Gruppen in sozialen Netzwerken digital verfügbar und ziehen immer mehr Schriftsteller_innen und Leser_innen an.