Der in der Slowakei geborene Imrich Tomáš zeigte bereits als Kind ein außergewöhnliches künstlerisches Talent. Seine spezielle Art des künstlerischen Ausdrucks und seine zunächst fremd erscheinende Interpretation der Welt in Gemälden und Skulpturen machte ihn in seinem Herkunftsland über sein Rom-sein hinaus zum Außenseiter. Denn in der sozialistischen Gesellschaft gab es für seine spezielle ästhetische Sichtweise kein Verständnis und damit für die Freiheit seines künstlerischen Schaffens keinerlei Perspektive und keine Möglichkeit, Leben und Kunst zu einem befriedigenden Ganzen zu vereinen.

Also stellte der damals 21-jährige 1969 einen Ausreiseantrag in die Bundesrepublik Deutschland. In der pulsierenden Enklave bestritt er seinen Lebensunterhalt als Hilfsarbeiter und finanzierte so den Malunterricht, der ihn auf die Aufnahme an der Kunsthochschule vorbereiten sollte. In diversen Kreuzberger Kneipen traf er auf die sich im Aufbruch befindliche, junge Berliner Kunstszene. Sie vermittelte ihm einen neuen, freieren Zugang zu Literatur, Philosophie und Kunstgeschichte - speziell der der Malerei und den inspirierenden Kontakt zu Künstlern aus aller Welt.

Im Jahr 1974 trug die harte Vorarbeit Früchte: er bewarb sich mit Erfolg an der Hochschule der Künste in Berlin. 1980 schloss er sein Studium im Fachbereich „Bildende Künste“ mit Meisterschüler-Auszeichnung ab. Sein Professor war Horst Hirsig, ebenfalls einem Vertreter der abstrakten, nicht gegenständlichen Malerei. Tomáš arbeitet bevorzugt mit Materialien wie Hanffasern, Pigment und Kunstharzen zur Schaffung vielfältiger, geradezu rhythmischer erscheinender Formen.

Seine Kunst ist von großer Klarheit und zunächst beinahe kalt anmutender Abstraktion, seine Objekte wirken zunächst fremd, gradezu alienhaft. Seine Kunst scheint die Räumlichkeit der Dinge zu hinterfragen, indem sie die räumliche Dimension der Leinwand sprengt; sie wuchert und wächst über die Grenzen den Bildes hinaus. Die von unsichtbarer Hand gesteckten Grenzen akzeptieren seine Werke ganz offensichtlich nicht; statt dessen sehen sie sie als eine Aufforderung zur selbstverständlichen Überwindung: Jedes einzelne Kunstwerk verströmt einen kompromisslosen Freiheitsdrang. Es ist die Tiefe und Fülle einer Kunst, die der Welt immer um einen Schritt voraus ist. Die von ihm geschaffenen Rasterformen wirken wie Stege in eine andere Welt, wie die Oberflächen fremder Planeten, die einer Stanislaw-Lem-Phantasie entsprungen sein könnten. Seine Werke scheinen wie lebende Entitäten mit einem eigenen, für uns nicht interpretierbaren Bewusstsein. Imrichs Werke vollbringen das Kunstwerk, zu schweben und zugleich eine große, vielleicht auch etwas beängstigend wirkende Tiefe zu erzeugen: Manchmal schient es, als öffne sich ein Raum hinter dem Bild, dessen Dimensionen und Inhalte der Phantasie des Betrachters überlassen sind.

Imrich produziert sozusagen Leerstellen, in seinem Bildern klafft etwas, was der Betrachter nicht wirklich begreifen kann, und ihn so animiert, in die Bilder einzutauchen, freie Assoziationen zuzulassen und herkömmliche Sehgewohnheiten und die Erwartungen daran, was Kunst für den Betrachter zu „leisten“ hat, zu revidieren. Tomáš Werke täuschen also vor, etwas anderes zu sein, als sie sind; zarte Gespinste aus Flachs und Hanf entpuppen sich bei näherem Hinsehen als überraschend stabil, für unnachgiebig gehaltene Lackflächen in satten Farben erweisen sich in der jedem Objekt eigenen Formen-Landschaft als elegante, ja leichte Komponenten. Farb- und Materialschichten bauen rhythmisch aufeinander auf und werden zum kraftvollen Gesamtereignis aus Strukturen, Farben, Materialien, Transparenz und Tiefe. Nichts davon hat der Künstler dem Zufall überlassen, sein inneres Auge reist der technischen Umsetzung stets voraus.

Die Kompositionen aus Hanf, Kunstharz, Lack, Schnur, Papier und Luft verschmelzen zu den oben versuchsweise beschriebenen, neuen Welten und bilden unbekannt-magische Dimensionen. Somit ist diese vollkommen unpolitische, nicht in einer Zeit verortete Kunst in einem nicht sofort evidenten, höheren, abstrakteren Sinne äußerst politisch, weil sie unsere Perspektiven in Frage stellt: Sie stellt dem Betrachter leise, fast unmerklich die Frage, ob denn alles immer so ist wie es erscheint und ob man nicht manches neu bewerten sollte. Seine Werke sind Schritte in eine Welt, in der die Diskriminierung seiner Minderheit oder ideologische und politische Unterdrückung wie ausgelöscht ist. Tomás lädt uns ein, seinem Drumo, seinem Weg, in die Freiheit zu folgen.