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Paola Toninato

Politisch engagierte Roma-Literatur

Eine politisch engagierte Literatur aus den Händen von Rom_nja ist ein recht junges Phänomen und eng mit der Erstarkung politischer Roma-Organisationen verbunden. Diese Literatur spielt bei den Bestrebungen, ein Nationalbewusstsein und eine nicht-territoriale Nation von Rom_nja zu schaffen, eine wichtige Rolle.

Die Bezeichnung von Schriften von Rom_nja als »politisch« ist erklärungsbedürftig. Bei politischer Roma-Literatur kann zwischen »politischen Schriften« an sich und »politisch engagiertem Schreiben« für einen bestimmten Zweck unterschieden werden. Politische Schriften umfassen Schriften von Roma-Aktivist_innen als elementaren Teil ihres politischen Engagements. Häufiger jedoch kommt es vor, dass Rom_nja für einen allgemeineren politischen Zweck schreiben. Dieses Schrifttum umfasst nicht nur Veröffentlichungen von Roma-Aktivist_innen und Roma-Wissenschaftler_innen, sondern unter Umständen auch Texte, die traditionsgemäß als »poetisch« oder »literarisch« zu bezeichnen sind.

1. Die Schaffung einer »Roma-Nation«: Politisches Schrifttum von Roma-Aktivist_innen

Politische Schriften von Rom_nja im öffentlichen Raum sind eng mit der Bildung einer transnationalen Roma-Intelligenzija verknüpft. Sie bestehen aus in Romanes und anderen Sprachen verfassten Texten: Artikel für politische Zeitschriften oder Internetmagazine, Pamphlete, politische Manifeste und offizielle Publikationen. Diese Texte sind grundsätzlich politischer Natur und wollen etwas vermitteln, weil sie Ideen verbreiten und die Menschen politisch motivieren wollen. Für Rom_nja aber erfüllen sie den zusätzlichen Zweck, ein Gefühl der Gemeinschaft zwischen einzelnen Roma-Gruppen zu wecken, die bisher isoliert und wenig sichtbar waren. Oder, um es mit Benedict Andersons Worten zu sagen, sie helfen dabei, »ein einheitliches Feld des Austauschs und der Kommunikation« zu schaffen (Anderson 1983, 44), in dem die Mitglieder der zerstreuten multilingualen Gemeinschaften durch das geschriebene Wort miteinander kommunizieren und so zu Mitgliedern einer gemeinsamen »imagined community« (imaginierten Gemeinschaft) werden. In diesem Zusammenhang ist das politische Schreiben von Rom_nja an das spezifische Projekt der Erweckung eines politischen Roma-Bewusstseins selbst gebunden.

Die Vorstellung eines indischen Heimatstaats – von Roma-Aktivist_innen Romanestan genannt, das »Land der Rom_nja« – kam am Anfang des 20. Jahrhunderts auf und wurde nicht nur von Intellektuellen verbreitet, sondern auch von einigen selbsternannten Roma-Vertreter_innen, unter anderem den Mitgliedern der Familie Kwiek. Nach dem Zweiten Weltkrieg wanderten einige von ihnen aus Osteuropa nach Frankreich aus, das Projekt eines unabhängigen Roma-Staates mit im Gepäck.

Einige internationale Roma-Organisationen teilen diese Idee einer Roma-Nation oder eines Roma-Staates auf der Basis einer gemeinsamen Geschichte. Beim ersten, 1971 in London abgehaltenen World Romani Congress (siehe Die Anfänge und die Entwicklung der transnationalen Roma-Bewegungen) (WRC) wurden als wichtige Symbole eine Roma-Flagge und die Hymne von Romanestan erstmals offiziell vorgestellt. Die Flagge besteht aus einem blauen Streifen, der den Himmel symbolisiert, und einem grünen Streifen, der für die Erde steht, in der Mitte ein Rad. Die Hymne von Romanestan lautet: »Djelem, djelem«.

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Ein weiterer Meilenstein des politischen Roma-Aktivismus war die »Declaration of Nation«, die im Jahr 2000 von der International Romani Union (IRU) ausgesprochen wurde. In dieser Deklaration distanziert sich die IRU von der Gründung eines territorialen Roma-Staates. Stattdessen wurde die Anerkennung der Rom_nja als »nicht-territoriale Nation« gefordert, deren Mitglieder nicht nur durch die gemeinsam erlittenen Erfahrungen der Verfolgung und der Diskriminierung vereint werden, sondern auch durch eine gemeinsame Geschichte, Sprache und Kultur.

Die gemeinsame Sprache, auf die sich die IRU-Erklärung bezieht, ist Romanes. Obwohl diese Sprache von fünf Millionen Rom_nja in Europa und von acht bis zwölf Millionen im Rest der Welt gesprochen wird (Bakker et al. 2000, 41), ist Romanes bisher noch nicht als Minderheitensprache anerkannt. Die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen erkennt dem Romanes zwar den Status einer nicht-territorialen Sprache zu, dies wurde aber noch nicht von allen EU-Mitgliedstaaten unterschrieben beziehungsweise ratifiziert. Dass die sprachlichen Rechte der Rom_nja bis jetzt so wenig wahrgenommen wurden, hängt mit der mangelnden Anerkennung von Roma und Sinti als ethnische Minderheiten im Allgemeinen zusammen. Eine Tatsache, die von der Deklaration als entschieden verbesserungswürdig bezeichnet wurde.

2. Förderung der kulturellen Autonomie der Rom_nja: Wissenschaftliche Veröffentlichungen von Rom_nja

Zu den politisch engagierten Schriften von Roma-Aktivist_innen gehören auch die Veröffentlichungen von Roma-Wissenschaftler_innen und -Intellektuellen. Dabei ist es gar nicht notwendig, dass die wissenschaftlichen Bücher und Artikel *per se* politisch sind. Sie erfüllen jedoch insofern eine politische Funktion, als sie stereotype und unwissenschaftliche Ansichten über »Zigeuner« entlarven wollen, die die Anerkennung der Rom_nja als eine Gruppe mit ausgesprochen eigener kultureller und sprachlicher Vergangenheit bisher behindert haben. Angesehene und einflussreiche Roma-Wissenschaftler_innen und -Intellektuelle sind unter anderem Vania De Gila-Kochanowski, Šaip Jusuf, Andrzej Mirga, Nicolae Gheorghe, Santino Spinelli, Ian Hancock und Rajko Djurić.

Ian Hancock, Professor für Sprachwissenschaft an der University of Texas at Austin, publizierte zahlreiche wissenschaftliche Bücher und Artikel zur Sprache und Kultur der Rom_nja. Seiner Ansicht nach geht es bei dem Machtkampf zwischen Rom_nja und Nicht-Rom_nja stets um eine Roma-Identität (siehe "The Struggle for the Control of Identity" by Ian Hancock, externer Link), wobei Nicht-Rom_nja mit ihrer Deutungshoheit das Bild der Rom_nja stets zu ihrem eigenen Vorteil bestimmt haben.

Jetzt sei es an der Zeit, dass die Rom_nja dieses Bild selbst bestimmen und es der Realität angleichen. Er schreibt:

Bisher haben Spezialist_innen unter den Nicht-Rom_nja versucht, die Roma-Identität zu kontrollieren und zu definieren. [...] Damit sich daran etwas ändert, muss das »Zigeuner«-Image dekonstruiert und durch ein zutreffenderes Bild ersetzt werden – von der Bürokratie angefangen bis zu den Schulbüchern.

Hancock 1997; zitiert in Toninato 2014, 147

Hancocks Forschungen widmen sich den Fragen, wieviel Antiziganismus sich in der europäischen Kultur und Volkstradition findet (Hancock 1987; 1997; 2002) und inwiefern dessen Stereotype und Verhaltensweisen zur Rechtfertigung jahrhundertelanger Verfolgung dienten. In »We are the Romani people / Ame sam e Rromane džene« (›Wir sind das Volk der Rom_nja‹, 2002) weist Hancock fragwürdige Bezeichnungen für die Rom_nja wie beispielsweise »Gypsies«, »Zigeuner«, »Gitanos«, »Zingari«, »Heiden«, »Cigani« entschieden zurück und besteht im Englischen auf der alleinigen Bezeichnung »Romani« (»Romanies« im Plural); nur dadurch könne die Würde der Rom_nja als Volkwiederhergestellt werden.

Mithilfe der wissenschaftlichen Methoden der Soziolinguistik, der Geschichtswissenschaft und der Genetik schreibt Hancock die Geschichte der Rom_nja neu. Mit seinen Büchern und Artikeln versucht er letzten Endes, ein einheitliches Gefühl einer Roma-Identität zu schaffen. In den 1980er Jahren entwickelte er die Idee des »Jekhipè« (»Einssein«), womit er betonen will, dass alle Roma-Gruppen ungeachtet aller Unterschiede eine gemeinsame Geschichte, ähnliche kulturelle Traditionen und eine gemeinsame Sprache besitzen (Toninato 2014, 147). Er ist überzeugt, dass die Sprache der Rom_nja auf deren Herkunft aus Indien verweist und sich somit indische Elemente in allen Roma-Gemeinschaften der Welt finden – vor allem, was die Sprache, das Romanes, betrifft. Diese Merkmale seien die Grundpfeiler einer gemeinsamen ethnischen Identität, weshalb sie von allen Staaten, in denen Rom_nja leben, berücksichtigt werden sollten, insbesondere in den Schulsystemen.

Rajko Djurić, Autor, Wissenschaftler und viele Jahre lang Präsident der International Romani Union, konzentriert sich mit seinen Arbeiten auf die unterschiedlichen Facetten der »Zigeuner«-Stereotypen in der europäischen Literatur, Kunst und Volkskultur (Djurić 1993; 1996; Djurić und Courthiade 2004). Djurić zufolge übte die Kultur der Rom_nja viele Jahrhunderte lang eine große Faszination auf die europäische Gesellschaft aus, wovon die hohe Anzahl fiktionaler, von Rom_nja inspirierter Charaktere in der europäischen Literatur und Kunst zeugen. Seiner Ansicht nach sind diese literarischen und künstlerischen Darstellungen aber oft das Ergebnis einer verzerrten Repräsentation der Roma-Identität. Djurić lobt Autoren wie Miguel de Cervantes, Alexander Sergejewitsch Puschkin oder Federico García Lorca dafür, einen positiven Beitrag zum Kampf gegen antiziganistische Ansichten geleistet zu haben (Djurić 1993). Doch waren auch diese Autoren nicht frei von Stereotypen, Vorurteilen und Ungenauigkeiten gegenüber den Menschen, durch die sie inspiriert wurden. Rollen, in denen Rom_nja figurieren, gibt es nur wenige und beschränken sich meist auf die Kategorie »exotisch«. Vor allem in der romantischen Dichtung wird stereotyp das beliebte Bild vom »Zigeunerleben« bemüht: »Zigeuner« durchreisen die ganze Welt, führen ein armes, aber glückliches Leben und verfügen über außergewöhnliche musikalische und künstlerische Begabungen. Außerdem sind ihre Frauen von unwiderstehlicher und sinnlicher Schönheit.

Für Djurić sind »Rom_nja« als Thema nicht nur ein literarisches Motiv, sondern auch ein soziohistorisches und kulturelles Phänomen. Denn »Vorurteile, die in einem literarischen Werk zum Ausdruck kommen, sind ungeachtet der Autonomie eines solchen Werks in ethischer Hinsicht niemals neutral« (Djurić 1996, 58). Stereotype Bilder können sich in dem Moment, in dem sie ästhetisiert werden, in Vermittler von rassistischen und nationalistischen Ideologien verwandeln. Trotz (oder vielleicht sogar aufgrund) der Existenz solch gefährlicher Stereotypen fordert Djurić die Rom_nja dazu auf, aktive Leser_innen der europäischen Literatur zu werden, um sich darüber aufzuklären, wie ihr Volk in literarischen Werken dargestellt wird. Als *homines lectores* können sie Texte, in denen Rom_nja vorkommen, kritisch lesen, wodurch sie nicht nur Fälle von Antiziganismus in der europäischen Literatur aufdecken und verurteilen können, sondern mit der Zeit auch lernen, sich mit den Augen der Nicht-Rom_nja zu sehen. So wird Lektüre manchmal auch zu einer wichtigen Informationsquelle darüber, wie sich die Situation der Rom_nja in Europa im Lauf der Zeit geändert hat (Djurić und Courthiade 2004, 115).

Die Forschungen von Hancock und Djurić sind wichtig, weil sie sich entschieden gegen antiziganistische Stereotype wenden und Rom_nja dazu auffordern, ein ethnisches Selbstbewusstsein zu entwickeln. Sie schaffen eine kulturelle Basis für die Entwicklung eines politischen Bewusstseins und betonen, wie wichtig es ist, die eigene Geschichte und das kulturelle Erbe zu akzeptieren. Durch die Verurteilung tiefverwurzelter antiziganistischer Stereotype tragen die Wissenschaftler dazu bei, dass die Mehrheitsgesellschaft Rom_nja und ihre Identität anders wahrnimmt, wodurch sie sich eine Verbesserung des Verhältnisses zwischen Rom_nja und Nicht-Rom_nja erhoffen.

3. Der Mehrheitsgesellschaft widersprechen: Roma-Literatur

Eine dritte Gruppe von Roma-Schriften bilden die literarischen Texte. Roma-Literatur entstand im Umfeld anhaltender Unterdrückung, sozialer Diskriminierung und von Bestrebungen der Mehrheitsgesellschaft, Rom_nja zu kontrollieren und zu assimilieren. Die Literaturwissenschaft rechnet die Roma-Literatur zur »minor literature«, die nach Deleuze und Guattari durch drei Merkmale charakterisiert wird: erstens durch die Deterritorialisierung der Sprache, zweitens durch die Verknüpfung des Individuellen mit dem Unmittelbar-Politischen und drittens durch das kollektive Aussagegefüge (Deleuze und Guattari 2012, 27).

Sprachliche Deterritorialisierung, das heißt die Aneignung und Zersetzung der Mehrheitssprache durch eine ethnische Minderheit ist ein deutliches Merkmal der Roma-Literatur. Viele Roma-Autor_innen sehen sich mit einer folgenschweren Entscheidung konfrontiert: Entweder sie halten an ihrer ursprünglichen Sprache und Kultur fest oder sie eignen sich die Sprache der Mehrheitsgesellschaft an. Sprachliche Deterritorialisierung entsteht in der Roma-Literatur durch die Anwendung einer Reihe unterschiedlicher Textstrategien wie *code mixing*, *intertextual bricolage* und *mimikry*. Damit soll nicht nur eine antihegemoniale Kritik an den Ansichten von Nicht-Rom_nja über die Roma-Gesellschaft formuliert werden, sondern allgemeiner auch einem Akt des Widerstandes Ausdruck verliehen werden, der sich gegen die Sprache der Mehrheit als traditionelle Vermittlerin dieser Ansichten richtet.

Ein weiteres Merkmal von Roma-Literatur ist der sich in ihr vermittelnde Stolz der Autor_innen, Rom_nja zu sein. In dieser Hinsicht lässt sich Roma-Literatur mit anderen »ethnischen« Literaturen vergleichen, zum Beispiel mit der Literatur nordamerikanischer Minderheiten wie *Black*, *Native* und *Asian Americans* oder *Chicano/a*. Das Selbstbewusstsein von Roma-Autor_innen zeigt sich auch an ihrer positiven Einstellung zum Konzept des »Nomadismus« (das sich aber von der althergebrachten romantischen Vorstellung fundamental unterscheidet), zu ihren indischen Ursprüngen und zur großen Rolle, die der Familie und der Zugehörigkeit zur Gruppe beigemessen wird.

Ein letztes Merkmal der Roma-Literatur ist ihr »kollektiver Wert«. Sie repräsentiert vielfach eine »aktive Solidarität, trotz ihres Skeptizismus« (Deleuze und Guattari 2012, 27). Roma-Autor_innen fühlen sich zum Schreiben gedrängt, weil sie die Lage ihrer Gemeinschaft verbessern wollen. Für sie ist Romanes eine wichtige Grundlage der kollektiven Identität, und sie erkunden leidenschaftlich das literarische Potenzial des Romanes im Vergleich zu den Mehrheitssprachen und -literaturen.

Eines der wichtigsten Themen der Roma-Literatur ist herauszufinden, wie ein Gemeinschaftsgefühl gebildet werden kann, welches auf Ereignissen der Vergangenheit beruht. Im Mittelpunkt steht die literarische Verarbeitung des vergessenen Holocausts der Rom_nja. In gewisser Hinsicht teilen die Roma-Autor_innen Walter Benjamins in »Über den Begriff der Geschichte« im Jahre 1942 geäußerte Ansicht, wonach eine Gemeinschaft ihre Zukunft auf den Erinnerungen an die Gräueltaten der Vergangenheit gründen sollte (Benjamin, »Theses on the Philosophy of History« 1999, 245-255).

Zusammenfassung

Literatur von Rom_nja erweist sich als wichtiges Mittel im politischen Kampf um die Anerkennung der Rom_nja als ethnische Gruppe. Sie bildet die Lebensbedingungen von Rom_nja realistisch ab und sensibilisiert eine Öffentlichkeit dafür. Dadurch gelangen Rom_nja betreffende Fragen und Probleme inzwischen auf die internationale politische Agenda, und obwohl die Anerkennung der Rom_nja als eigene ethnische Gruppe vielerorts noch aussteht, werden Verletzungen der Menschen- und Bürgerrechte von Rom_nja heute immer öfter verurteilt und bestraft. Alles hängt davon ab, wie und ob Roma-Autor_innen die politischen Agenden beeinflussen können. Noch speist sich diese Literatur aus einer vergleichsweise kleinen Elite von Roma-Aktivist_innen. Die große Mehrheit der Rom_nja kennt diese Autor_innen nicht und verhält sich einer Elite gegenüber skeptisch, die behauptet, in ihrem Namen zu sprechen. Der Einfluss politischer Veröffentlichungen von Roma-Autor_innen wird dadurch erschwert, dass die traditionellen Intellektuellen noch immer die Mündlichkeit bevorzugen und sich gegen eine sprachliche Kodifizierung des Romanes wehren, während eine jüngere Generation von Intellektuellen keine Vorbehalte gegen die schriftliche Anwendung hegt und intensive Kontakte zu Nicht-Rom_nja unterhält. Dennoch ist vielversprechend, wie sehr die bisherige politisch engagierte Literatur aus Händen der Rom_nja die Aufmerksamkeit für die mangelnde politische Legitimation und demokratische Beteiligung durch die Rom_nja bereits geschärft hat.