Bürgerrechtsbewegung der Sinti und Roma

Suche

Anna Mirga-Kruszelnicka und Elżbieta Mirga-Wójtowicz

Die Roma-Bewegung in Polen

Einführung

Die Rom_nja haben in Polen den Status einer ethnischen Minderheit. Bei der Volkszählung von 2011 gaben 16.723 polnische Staatsbürger_innen an, Rom_nja zu sein.1 Inoffiziellen Schätzungen zufolge leben aber an die 25.000 Rom_nja in Polen.2 Sie teilen sich in fünf größere Gruppen ein: Polska-Rom_nja, Karpatische Rom_nja (auch Bergitka-Rom_nja genannt), Kalderasch a, Lovari und Sinti_ ze.

Die Polska-Rom_nja und die Bergitka-Rom_nja spielten über die Jahre eine besonders wichtige Rolle beim Aufbau eines bürgerschaftlichen Selbstbewusstseins. Bis in die 1960er Jahre waren die Rom_nja im sozialen und politischen Raum Polens zahlreichen Restriktionen und behördlichen Zwangsmaßnahmen ausgesetzt.

Heute entwickelt sich die Roma-Bewegung in Polen beständig weiter. Die gesellschaftlichen Eliten der Rom_nja haben sich organisiert und treten selbstbewusst und konsequent für die Belange der Minderheit ein, sowohl was die Lebensbedingungen als auch was die gesellschaftliche Teilhabe angeht.

Nach sind vor allerdings sind die Entfaltung der Roma-Kultur sowie die Integration und der Aufstieg der Roma-Intellektuellen in Polen von negativen sozioökonomischen Prozessen begleitet. Exklusion und Marginalisierung sind nicht überwunden, ebenso wenig Stereotype und Vorurteile, und die Zahl der Gewalttaten und Fälle von Hate Speech gegen Rom_nja hat sogar zugenommen. Unter allen ethnischen und nationalen Minderheiten in Polen befinden sich die Rom_nja auch heute in der verletzlichsten Position. Die Wortführer_innen und Aktivist_innen der Rom_nja versuchen diese Probleme zu lösen.

Historischer Hintergrund – vom Mittelalter bis zum Holocaust

Die ersten Belege für die Anwesenheit von Rom_nja in Polen stammen aus dem frühen 15. Jahrhundert.3 Archivmaterialien legen nahe, dass die Rom_nja aus dem südlicheren und westlicheren Europa nach Polen kamen – die Bergitka-Rom_nja aus den Karpaten und von der ungarischen Ebene; die Polska-Rom_nja auf der Flucht vor Verfolgung in Deutschland im 16. Jahrhundert; die Kalderascha und Lovari aus Siebenbürgen und der Walachei.

Seit Mitte des 17. Jahrhunderts behandelten die polnischen Herrscher_innen die Roma-Gruppen als steuerpflichtige Gemeinschaften und bestimmten sogenannte »Zigeuner-Könige« oder »Oberherren«, um ihre Bewegungen und Aktivitäten zu überwachen. Die beiden frühesten bekannten »Oberherren« waren selbst Roma, später jedoch wurden sie vorwiegend aus den Reihen des polnischen Adels ernannt.4

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Tradition der »Zigeunerkönige« wiederbelebt, diesmal durch die von der Familie Kwiek aus der Kalderascha-Gruppe ausgerufene Monarchie. 1930 verkündete Michał Kwiek, er sei »König aller Zigeuner«, und 1937 wurde Janusz Kwiek von orthodoxen Priestern mit einer Zeremonie im Stadion der polnischen Armee in Warschau, bei der auch Regierungsvertreter_innen anwesend waren, zum »König der Zigeuner« ernannt.5

unknown | Program of coronation celebrations of the Polish King of Gypsies (1937) | Druckerzeugnisse | Polen | 1937 | Rom_10086 Licensed by: Adam Bartosz | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: Adam Bartosz – Private Archive

Doch trotz dieser offiziösen Weihen repräsentierte die Kwiek-Monarchie weder die Rom_nja in Polen, noch wurde sie von ihnen anerkannt.

Bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhundert nahmen die Rom_nja am etablierten Wirtschaftsleben kaum teil, oft aus Furcht vor Zwangsansiedlung und Verfolgung, die durch diskriminierende Gesetzgebung verstärkt wurde. Die Verfolgung der Rom_nja erreichte ihren Gipfel im nationalsozialistischen Deutschland, nachdem die »Nürnberger Gesetze« von 1935 die Sinti und Roma ebenso wie die Juden zur völligen Vernichtung bestimmt hatten.6 Sie wurden in ganz Europa zusammen mit der jüdischen Bevölkerung in den Ghettos eingesperrt, in Lagern gefangen gesetzt und in Gaskammern ermordet. Viele Sinti und Roma wurden auch bei Massenerschießungen getötet, so wie in Szczurowa7 oder Borzęcin Dolny.8

Im nationalsozialistischen Todeslager Auschwitz-Birkenau wurde 1943/44 ein spezielles »Zigeunerlager« eingerichtet. Die dort registrierten 23.000 Sinti und Roma wurden fast alle in Auschwitz-Birkenau und anderen Lagern ermordet. In der Nacht des 2. August 1944 wurde die letzte Gruppe von etwa 3.000 Sinti und Roma in den Gaskammern getötet. Heute gilt der 2. August als Gedenktag an den Holocaust an den Sinti und Roma.

Da sie keinen eigenen Staat hatten und auch über keine andere institutionalisierte gesellschaftliche Interessenvertretung verfügten, waren die Sinti und Roma außerstande, nach dem Krieg Opferzahlen vorzulegen oder Reparationsforderungen zu erheben. Die Gesamtzahl der von den Nationalsozialist_innen ermordeten Sinti und Roma wird auf 300.000 bis 500.000 geschätzt. Laut Adam Bartosz wurden von rund 50.000 Rom_nja, die vor dem Krieg in Polen lebten, etwa 35.000 ermordet – also 70 Prozent der Roma-Bevölkerung Polens.9

Agnieszka Południak | Situation of Roma communities under communism | Non Fiction | Polen | 2017 | rom_10045 Licensed by: Anna Mirga-Kruszelnicka| Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: RomArchive

Zwangsansiedlungen in der Zeit des Kommunismus

Nach dem Krieg wurde die polnische Gesellschaft mobilisiert, das Land im neuen kommunistischen Rahmen wieder aufzubauen: Die sogenannte »Produktivisierung« und Arbeit für das Gemeinwohl sollten die gesamte Bevölkerung einbeziehen.

Adam Bartosz | Roma from Tarnów on a Labour Day march, circa 1990 | Photographie | Polen | 1. Mai 1990 | Rom_10085 Rights held by: Adam Bartosz I Licensed by: Adam Bartosz | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: Adam Bartosz – Private Archive

1952 erließ das Regierungspräsidium ein Gesetz (Nr. 452/52), benannt W sprawie pomocy ludności cygańskiej przy przechodzeniu na osiadły tryb życia (»Der Zigeunerbevölkerung helfen, sich ans sesshafte Leben anzupassen«), und leitete damit den Prozess der Zwangsansiedlung von Rom_nja als Teil der sogenannten »Roma-Produktivisierung« ein. In der frühen Nachkriegszeit lebten mehr als 75 Prozent der Rom_nja in Polen nomadisch.

Anfangs war die Ansiedlungspolitik nicht sehr wirksam. Nach der Veröffentlichung des Berichts O sytuacji ludności cygańskiej (»Zur Situation der Zigeunerbevölkerung«) im Jahr 1964 griffen die Behörden zu Polizeimethoden und Zwangsmaßnahmen, um die Rom_nja von ihrer nomadischen Lebensweise abzubringen. Doch erst Ende der 80er Jahre verschwanden die Roma-Wohnwagen aus der polnischen Landschaft.10 Das erwähnte Gesetz von assimilationistischem und paternalistischem Charakter, das die polnische Roma-Politik bis Mitte der 80er Jahre prägte, stempelte die Rom_nja als gesellschaftliches Problem ab.

In die Zeit des Kommunismus fielen aber auch die Anfänge der Roma-Bewegung. Die frühen Roma-Organisationen legten ihren Schwerpunkt auf Kultur und Bildung und hatten keine politischen oder bürgerschaftlichen Ambitionen (oder durften sie nicht haben). Als erste Organisation der Rom_nja in Polen wurde 1951 in Wałbrzych das Komitet Cygański (»Zigeuner-Komitee«) gegründet, unterstützt von den örtlichen Behörden und mit Andrzej Siwak als Vorsitzendem. 1952 wurde das Komitee umbenannt in Wojewódzki Zarząd Stowarzyszenia Cyganów Osiadłych w Wałbrzychu (»Provinzausschuss des Verbands angesiedelter Zigeuner in Wałbrzych«).

Die Gründung einer zweiten Roma-Organisation in Polen, ebenfalls mit behördlicher Unterstützung, folgte 1963 auf Initiative der in der Stadt Tarnów angesiedelten Rom_nja – unter ihnen Andrzej Siwak, der mit seiner Familie dorthin umgezogen war. Der Cygańskie Stowarzyszenie Kulturalno-Społeczne (»Soziokultureller Zigeuner-Verband«) ist die am längsten bestehende Roma-Organisation Polens. 1984 änderte sie – unter der Leitung Józef Kamińskis und nach wie vor mit Sitz in Tarnów – ihren Namen zu Stowarzyszenie Kulturalno-Społeczne Romów (»Soziokultureller Roma-Verband«) und den ihres Sitzes zu Dom Kultury Romów (»Roma-Kulturhaus«).11 Die Änderung der Bezeichnung von »Zigeuner« zu Rom_nja war, als Zeichen eines erstarkenden ethnischen Selbstbewusstseins der Verbandsmitglieder, ein einschneidender symbolischer Akt.

unknown | Chronicle of the Gypsy Cultural-Educational Association"Novo Drom" ("New Life") in Tarnów, by the Roma Association in Tarnów | historisches Dokument | Polen | 1963 - 1982 | Rom_10087 Rights held by: Roma Association in Tarnów | Provided by: Adam Bartosz – Private Archive

Vor allem in seiner Zusammenarbeit mit dem Ethnologen und Romologen Adam Bartosz spielte der Verband eine Vorreiterrolle bei der Ausprägung eines gesellschaftlichen Bewusstseins für Kultur und Geschichte der Rom_nja in Polen. Aus dieser Kooperation ging im Mai 1979 auch die erste polnische Roma-Ausstellung im Bezirksmuseum Tarnów hervor, betitelt »Cyganie w kulturze polskiej« (›Zigeuner in der polnischen Kultur‹). Die Schau war ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur ersten Dauerausstellung über die Rom_nja, die 1990 aus Anlass des vierten Weltkongresses der Rom_nja in Serock12, im neueröffneten Ethnologischen Museum eingeweiht wurde.

Seit den späten 1970er Jahren wurden weitere Roma-Verbände gegründet, in Olsztyn, Żyrardów, Andrychów und Płock – ein Zeugnis der wachsenden kulturellen und organisatorischen Aktivität von Rom_nja in Polen. Großen Anteil an dem Prozess hatte die katholische Kirche. In den 1980er Jahren rief der Priester Edward Wesołek die Rom_nja zu Pilgerfahrten zu Marienheiligtümern auf, vor allem zum Kloster von Jasna Góra, wo es ihm am 8. Dezember 1981 gelang, Vertreter_innen sämtlicher polnischer Roma-Gruppen zusammenzuführen und damit den Austausch zwischen den Gruppen entscheidend zu fördern. Der 8. Dezember wurde dann zum jährlichen Pilgerdatum der polnischen Rom_nja erklärt.

Seit 1979 gab Edward Wesołek auch die erste Roma-Zeitschrift Polens heraus, sie trug den Titel »Dewel Sarengo Dad« (›Gott, Vater aller‹). Die Themen waren überwiegend religiös, doch das Anliegen, die Romani-Sprache zu pflegen, wurde ebenfalls hochgehalten. 1986 begründete der Priester Stanisław Opocki die Tradition der Roma-Pilgerfahrten zum Marienheiligtum in Limanowa, die bis heute Bestand hat.

Adam Bartosz | Romani pilgrimage to Limanowa | Photographie | Polen | 1992 | Rom_10081 Rights held by: Adam Bartosz | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: Adam Bartosz – Private Archive

In Zeiten der Krise oder des politischen Umbruchs in Polen mussten die Rom_nja immer wieder als Sündenböcke für soziale Unzufriedenheiten herhalten. Vom Anstieg der Feindseligkeiten und Aggressionen gegen Rom_nja in Polen zeugen die Vorfälle in Łuków und Kłodawa 1976, in Konin und Oświęcim 1981 und in Mława 1991. Nach den Gewalttaten gegen Rom_nja in Oświęcim erlaubte ihnen die Regierung die Ausreise nach Schweden und Westdeutschland mit sogenannten »Wolftickets« (Fahrkarten ohne Rückkehrrecht). Die erste Gruppe Rom_nja reiste am 13. Dezember 1981 nach Schweden aus – dem Tag, an dem in Polen das Kriegsrecht verhängt wurde.

Agnieszka Południak | Anti-roma pogroms during communism | Non Fiction | Polen | 2017 | rom_10046 Rights held by: Anna Mirga-Kruszelnicka | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: RomArchive

Übergangszeit – Rom_nja im demokratischen Polen

Die politische Transformation von 1989 versetzte die Roma-Gemeinschaft sowohl kulturell als auch politisch in Aufbruchstimmung – zum einen wegen der neuen Gestaltungsmöglichkeiten innerhalb eines demokratischen Systems und zum anderen infolge der Kontakte zur internationalen Roma-Bewegung. Mehrere polnische Rom_nja, unter ihnen Andrzej Mirga, Stanisław Stankiewicz und Józef Kamiński, hatten schon beim dritten Weltkongress der Rom_nja 1981 mitgewirkt.

Der vierte Kongress wurde 1990 bei Warschau abgehalten, in Zusammenarbeit mit Stanisław Stankiewicz aus Białystok. Es war der erste Weltkongress, an dem Rom_nja aus dem gesamten Ostblock beteiligt waren. Bei der Gelegenheit wurde die Zeitschrift »Rrom p-o Drom« gegründet, herausgegeben von Stankiewicz, der auch zum Vizepräsidenten der International Romani Union gewählt wurde.

Agnieszka Południak | Transformation period – importance of democracy for Roma | Non Fiction | Polen | 2017 | rom_10047 Rights held by: Anna Mirga-Kruszelnicka | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: RomArchive
Adam Bartosz | 3rd World Roma Congress in Göttingen | Photographie | Deutschland | 16. Mai 1981 - 20. Mai 1981 | Rom_10080 Rights held by: Adam Bartosz | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: Adam Bartosz – Private Archive

Ein tödlicher Autounfall löste 1991 in Mława ein Pogrom gegen Rom_nja aus. Dieser Vorfall gab den Anlass zur Schaffung des Stowarzyszenie Romów w Polsce (»Verband der Rom_nja in Polen«) der die Gemeinschaft im internationalen Rahmen vertreten sollte. Die Initiative zur Gründung des Verbands ging von Andrzej Mirga, einem Vertreter der Bergitka-Rom_nja, und Roman Kwiatkowski aus der Gruppe der Polska-Rom_nja aus. Nicht zufällig wurde der Registereintrag des Verbands in Oświęcim vorgenommen. Der Stowarzyszenie Romów w Polsce war die erste polnische Roma-Organisation mit offenkundig politischer Stoßrichtung.

Dabei achtete sie aber auch die Tradition – ihre Gründung erfolgte mit der vollen Zustimmung des Šero Rom als traditionell höchster Autorität der Polska-Rom_nja.13 Als seine Ziele legte der Verband fest, die volle gesellschaftliche Teilhabe der polnischen Rom_nja zu sichern, einen rechtlich abgesicherten Minderheitenstatus für die Rom_nja zu erreichen und für den Schutz und die Förderung der Traditionen, Sprache und Kultur der Roma einzutreten (wofür zum Beispiel die seit 1995 publizierte Vierteljahresschrift »Dialog-Pheniben« steht).

Die Organisation spielte eine entscheidende Rolle bei der Aufarbeitung des Holocausts an den Sinti und Roma (Porrajmos) und beim Streben nach Entschädigung für die Opfer. Zu ihren Unterstützer_innen zählten wichtige Figuren der polnischen Politik, wie Lech Wałęsa und Jacek Kuroń. Auch Papst Johannes Paul II. bekundete dem Einsatz des Verbands für die Rechte der Sinti und Roma in Polen und Europa seinen symbolischen Beistand.14

Agnieszka Południak | Setting up the Association Of Roma In Poland (Stowarzyszenie Romów w Polsce) | Non Fiction | Polen | 2017 | rom_10049 Rights held by: Anna Mirga-Kruszelnicka | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: RomArchive

Politische Aktivität: Wahlen

Die Übergangsphase und die aufkeimende polnische Demokratie eröffneten für die Rom_nja neue Möglichkeiten der Teilhabe am politischen und gesellschaftlichen Leben. 1991 kandidierten Andrzej Mirga und Stanisław Stankiewicz als erste Roma für das polnische Parlament, aufgestellt von der Partei der Deutschen Minderheit.

1993 trat Andrzej Mirga dann für die Unia Demokratyczna (»Demokratische Union«) an, abermals erfolglos. In Krakau hatte er gemeinsame Wahlkampfauftritte mit wichtigen polnischen Politiker_innen wie Jan Maria Rokita oder Hanna Suchocka (polnische Premierministerin von 1992 bis 1993). Seither haben allerdings keine weiteren Roma-Vertreter_innen bei polnischen Parlamentswahlen kandidiert.

Agnieszka Południak | Participation in the parliamentary elections | Non Fiction | Polen | 2017 | rom_10048 Rights held by: Anna Mirga-Kruszelnicka | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: RomArchive

Auf lokaler Ebene, also in Stadt- und Gemeinderäten, amtierten einige Rom_nja, wie etwa Ryszard Rzepka von 1998 bis 2002 im Stadtrat von Czarny Dunajec. Einen Sonderfall der Teilhabe von Rom_nja am politischen Leben bilden die Ämter als Bevollmächtigte für nationale und ethnische Minderheiten. Elżbieta Mirga-Wójtowicz hatte diese Funktion von 2008 bis 2014 in der Provinz Małopolskie inne, und Justyna Matkowska amtiert seit 2016 auf dem gleichen Posten in der Provinz Dolnośląskie.

Unia Demokratyczna (Democratic Union Poland) | Andrzej Mirga's Electoral Flyer 1993 | Flyer | Polen | 1993 | Rom_10042 Licensed by: Andrzej Mirga | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: Andrzej Mirga — Private Archive

Das Gedenken an den Holocaust als Element der Identität und Solidarität unter den Rom_nja

Den Holocaust an den Sinti und Roma aufzuarbeiten war ein Grundanliegen der Roma-Bewegung in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg. Dass die Verfolgungen der Sinti und Roma in den Kriegsjahren als rassistisch motiviert anerkannt und der Opfer gedacht werden sollte, zählte zu den Hauptzielen der ersten Roma-Organisationen. Der in Oświęcim ansässige Verband der Rom_nja in Polen initiierte ab 1992 eine Reihe von Aktionen, um die bis dahin vorherrschende Art des Gedenkens zu erweitern, die sich auf Veranstaltungen von Romani Rose und den deutschen Sinti_ze auf dem Gelände des Todeslagers Auschwitz-Birkenau beschränkten.

Den Gedenkveranstaltungen wurden neue Aspekte hinzugefügt: politische, dank der Mitwirkung von Vertreter_innen der polnischen Regierung sowie der Botschafter_innen der USA, Deutschlands, Israels und weiterer Staaten; gemeinschaftsübergreifende, weil verstärkt auch Sinti und Roma aus anderen Ländern als Deutschland einbezogen wurden; und identitätsstiftende, indem die Arbeiten der Dichterin »Papusza« (Bronisława Wajs) aus der Gemeinschaft der Polska-Rom_nja gewürdigt wurden.

Die Feierlichkeiten zum fünfzigsten Jahrestag der Auflösung des »Zigeunerlagers« in Auschwitz-Birkenau waren von besonderer Bedeutung. Ihnen gingen 1993 eine Publikation des Auschwitz-Museums mit dem Titel »Księga Pamięci: Cyganie w KL Auschwitz-Birkenau« (›Gedenkbuch: Zigeuner im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau‹) sowie ein Festakt mit Jan Kanty Pawluśkiewicz’ Vertonungen von Gedichten Papuszas voraus. Das Gedenkbuch wurde 1994 beim offiziellen Vatikan-Besuch des Verbands der Rom_nja in Polen, an dem Karl Stojka teilnahm, auch Papst Johannes Paul II. überreicht.

Agnieszka Południak | Commemorating the Roma Holocaust | Non Fiction | Polen | 2017 | rom_10050 Rights held by: Anna Mirga-Kruszelnicka | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: RomArchive

Der Komponist Pawluśkiewicz verknüpfte einige seiner Vertonungen zu einem sinfonischen Gedicht, betitelt »Harfy Papuszy« (›Papuszas Harfe‹), das 1994 als Teil der Gedenkveranstaltungen zum Holocaust an den Sinti und Roma im Krakauer Błonia-Park uraufgeführt wurde.15 10.000 Zuschauer_innen waren bei der von Krzysztof Jasiński inszenierten Premiere anwesend. Das Bühnenbild stammte von Władysław Hasior, und neben der amerikanischen Opernsängerin Gwendolyn Bradley wirkten Elżbieta Towarnicka, Bożena Zawiślak-Dolny und Andrzej Biegun mit. Die Aufführung wurde im polnischen Fernsehen übertragen. Der spektakuläre Erfolg und die Reichweite dieser Veranstaltung trug nicht nur unter den Rom_nja zu einem gesteigerten historischen Bewusstsein bei, sondern vor allem bei der polnischen Mehrheitsgesellschaft und bei den Repräsentant_innen des Staates.

1997 führten die fortgesetzten Bemühungen des Verbands, unterstützt von den deutschen Sinti_ze, insbesondere Romani Rose, zur Eröffnung der Dauerausstellung zum Holocaust an den Sinti und Roma unter der nationalsozialistischen Herrschaft im Block 13 des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau.

1996 riefen Adam Andrasz, Vorsitzender des Roma-Verbands Tarnów, und Adam Bartosz vom Tarnówer Bezirksmuseum die »Internationale Roma-Karawane der Erinnerung« ins Leben, die bis heute jährlich stattfindet: als Rekonstruktion einer Wanderkarawane, an der Rom_nja und Nicht-Rom_nja mitwirken und die Stätten des Leidens und der Massenmorde während des Holocausts an den Sinti und Roma besucht. Im Rahmen der zwölften Internationalen Roma-Karawane der Erinnerung wurde das von der Roma-Künstlerin Małgorzata Mirga-Tas entworfene Mahnmal des Holocausts an den Sinti und Roma in Borzęcin Dolny enthüllt.16

Auf Initiative von Roma-Mitgliedern der »Gemeinsamen Kommission von Regierung und nationalen und ethnischen Minderheiten« in Polen erklärte der Sejm der Republik Polen im Jahr 2011 den 2. August zum Gedenktag des Holocausts an den Sinti und Roma. Präsident Bronisław Komorowski hielt ehrenhalber die Schirmherrschaft über den ersten Gedenktag.

Heute bildet die Erinnerung an den Holocaust ein wichtiges konstitutives Element der Roma-Identität. Die Ereignisse des Holocausts an den Sinti und Roma werden dem Vergessen entrissen und ein Narrativ des kollektiven Gedächtnisses und der Solidarität formt sich aus. Dazu trägt auch das Gedenken an wichtige Figuren der Roma-Geschichte bei, wie etwa Alfreda Markowska, deren Roma-Name Noncia war. Die polnische Romni Alfreda Markowska überlebte auf wundersame Weise ein Pogrom und rettete in den Kriegsjahren an die 60 Roma- und jüdische Kinder vor der Deportation und Ermordung. 2006 ehrte Präsident Lech Kaczyński sie mit dem Orden Polonia Restituta, »für Heldenmut und außerordentliche Tapferkeit und ihren besonderen Beitrag zur Bewahrung menschlichen Lebens«.

Auch für die jüngeren Generationen ist das Gedenken an den Holocaust an den Sinti und Roma von herausragender Bedeutung. Seit 2010 hält das internationale Roma-Jugendnetzwerk ternYpe am 2. August Begegnungstage in Krakau und Auschwitz ab. 2014, zum siebzigsten Jahrestag, versammelte ternYpe mehr als 1.000 junge Europäer_innen aus 25 Ländern.

ternYpe – International Roma Youth Network | Booklet of 2014 Roma Genocide Remembrance Initiative "Dikh h na bister!" | Druckerzeugnisse | Polen | 2014-07 | Rom_10009 Licensed by: TernYpe — International Roma Youth Network I Licensed under CC-BY-NC-ND 4.0 International I Provided by: ternYpe — International Roma Youth Network

Repräsentation und Organisationen der Rom_nja in Polen

Das Ende des Kommunismus und der Wandel von 1989 erlaubten es den Rom_nja in Polen, aktivere politische Rollen einzunehmen. Allein in den 90er Jahren wurden mehrere Dutzend neuer Roma-Organisationen gegründet. Neue Wortführer_innen traten hervor und erhoben Anspruch auf Teilhabe am politischen und bürgerschaftlichen Leben. Die Rom_nja etablierten einen Austausch mit Regierungsvertreter_innen und setzten einen gesellschaftlichen Dialog über Themen wie den Holocaust an den Sinti und Roma oder auch die traditionelle Sozialstruktur der Roma-Gemeinschaften in Gang – ein Beispiel ist das Treffen des Šero Rom Kozłowski mit Jacek Kuroń nach dem Pogrom von Mława. Der polnische Staat schuf einen politischen und institutionellen Rahmen zur Unterstützung von Minderheitenaktivitäten.

Ein Beispiel für die neuen Organisationen und ihre Wortführer_innen, die die polnische Roma-Bewegung entscheidend vorangebracht haben, ist die im Jahr 2000 gegründete Związek Romów Polskich (Polnische Roma-Union) mit ihrem Vorsitzenden Roman Chojnacki. Die Roma-Union hat einen Sitz in der »Gemeinsamen Kommission« und ist im Rahmen des 2004 aufgelegten Regierungsprogramms für die Roma-Gemeinschaft in Polen unter anderem dafür zuständig, Roma-Student_innen für Stipendien auszuwählen. Bei der Aufarbeitung des Holocausts an den Sinti und Roma legt die Union einen Schwerpunkt auf die Konzentrationslager und andere Mordstätten in Zentral- und Nordpolen – etwa mit einem Roma-Denkmal in Treblinka.

Das Gesetz über nationale und ethnische Minderheiten und Regionalsprachen

Gegen Ende der kommunistischen Epoche in Polen wurde die Frage nach den Menschenrechten zu einem Grundthema der Dissident_innen, die für die Demokratie in Polen kämpften. Als die Demokratie dann eingeführt wurde, waren die Menschenrechte ein konstitutives Element des neuen Staatsmodells, und dies umfasste auch die Minderheitenrechte.

Seit Anfang der 1990er Jahre arbeitete das Sejm-Komitee zu nationalen und ethnischen Minderheiten – das, von Jacek Kuroń geleitet, bereits am 31. Juli 1989 per Sejm-Beschluss gegründet worden war – an einem Minderheitengesetz. Erste Entwürfe wurden 1993 und 1994 eingebracht. An den Debatten um den Zuschnitt dieser Regelung der Minderheitenrechte in Polen waren Vertreter_innen der Roma-Organisationen beteiligt.

Piotr Wójcik | Meeting between Sero Rom, Henryk Kozłowski and the Minister of Labour and Social Policy, Jacek Kuroń | Photographie | Polen | 19. Oktober 1992 | Rom_10052 Rights held by: Piotr Wójcik | Licensed by: Gazeta Wyborcza/Agora | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: Gazeta Wyborcza/Agora (Poland)

Verabschiedet wurde das Gesetz über nationale und ethnische Minderheiten und Regionalsprachen am 6. Januar 2005. Es definiert die Rom_nja als eine ethnische Minderheit und wurde – ein wichtiger symbolischer Akt – auch in die Romani-Dialekte der Polska-Rom_nja und der Bergitka-Rom_nja übersetzt. Das Gesetz etablierte die Gemeinsame Kommission der Regierung und der nationalen und ethnischen Minderheiten als ein der/dem Ministerpräsidentin/en zugeordnetes meinungsbildendes und beratendes Gremium. Der Kommission gehören Vertreter_innen der beiden größten polnischen Roma-Gruppen, also der Polska- und der Bergitka-Rom_nja, an. Die 22 Mitglieder der »Arbeitsgruppe Rom_nja« innerhalb der Kommission sind Rom_nja aus allen Teilen Polens.

Agnieszka Południak | Towards legal recognition of Roma as a minority | Non Fiction | Polen | 2017 | rom_10051 Licensed by: Anna Mirga-Kruszelnicka| Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: RomArchive

Programme für die Roma-Gemeinschaft

Auf eine gemeinsame Initiative der polnischen Regierung mit den Roma-Aktivist_innen Andrzej Mirga, Marian Gil, Zenon Bołdyzer, Adam Andrasz, Janusz Kamiński, Tadeusz Gabor, Paweł Becherowski, Krystyna Gil, Sylwester Szczerba und anderen hin konnte von 2001 bis 2003 das »Pilotprojekt für die Roma-Gemeinschaft in der Provinz Małopolskie« verwirklicht werden.

2005 legte der Roma-Bildungsverband Harangos eine Evaluation zum Bildungsbereich des Projekts vor, die das 2003 vom Ministerrat beschlossene landesweite »Programm für die Roma-Gemeinschaft in Polen« positiv hervorhob. 2011 folgte eine unabhängige Bewertung im Auftrag des Innenministeriums. Der dabei vorgelegte Report sowie weitere Anträge und Empfehlungen, EU-Richtlinien, die Entscheidung des Rats der Europäischen Union zur nationalen Integration der Sinti und Roma, strategische Überlegungen und der Austausch mit Vertreter_innen der polnischen Rom_nja flossen in die Gestaltung des neuen Programms für die Jahre 2014 bis 2020 ein.

Entwicklung und Förderung der Roma-Kultur

Das demokratische Polen bot viele Möglichkeiten und Methoden, um Kunst und Kultur der Rom_nja zu fördern und weiterzuentwickeln. In den 90er Jahren gründeten Rom_nja zahlreiche Gesangs- und Tanzensembles: Besonders bekannt wurden Kałe Bała, die sich unter der Leitung der Dichterin, Komponistin und Sängerin Teresa Mirga 1992 in Czarna Góra formierten, und Don Vasyl (Vasyl Schmidt), ein veritabler polnischer Popstar.17

Auch zahlreiche Festivals und Konzertreihen wurden ins Leben gerufen. Bereits 1989 wurde auf Betreiben des Musikvirtuosen Edward Dębicki in Gorzów Wielkopolski das »Internationale Gypsy-Band-Festival Romane Dyvesa« gegründet. Jedes Jahr seit 1997 wird das »Internationale Roma-Kultur- und Liederfest in Ciechocinek« abgehalten und vom polnischen Fernsehen übertragen.

Der Bildhauer, Maler und Schriftsteller Karol Parno Gierliński, 2001 mit dem Preis für herausragende Kulturleistungen und 2011 mit dem Goldenen Verdienstkreuz geehrt, war eine besonders wichtige Gestalt, in der sich politischer Aktivismus und künstlerische sowie pädagogische Ambitionen vereinten.

Seit den 90er Jahren, insbesondere seit das Minderheitengesetz in Kraft ist, widmen sich die Roma-Organisationen verstärkt der Förderung von Roma-Kultur und -Identität. Davon zeugen sowohl diverse Veröffentlichungen von Roma-Autor_innen wie auch die wachsende Zahl von Festivals und Konferenzen zur Kultur und Kunst der Rom_nja.

2007 legte Karol Parno Gierliński die »Roma-Fibel« vor, ein Lehrbuch in den Romani-Dialekten der Polska- und der Bergitka-Rom_nja. 2009 veröffentlichte Jan Mirga ein Wörterbuch Polnisch-Romani. Teresa Mirga, Izolda Kwiek, Edward Dębicki und Stanisław Stankiewicz publizierten Gedichtbände, weitere Autor_innen Erzählungen und Kinderbücher.

Die Gruppe Romani Art, 2007 gegründet, bringt Künstler_innen von Roma-Herkunft zusammen. Seit 2010 wird die Internationale Open-Air-Residenz »Jaw Dikh!« angeboten, initiiert von der Roma-Künstlerin Małgorzata Mirga-Tas.

Die Roma-Bewegung in Polen heute

Der Prozess der ethnischen Selbstermächtigung in Polen ist in vollem Gange und zeigt neue Wege für die kulturelle und gesellschaftliche Entfaltung der Rom_nja auf. Heute arbeitet eine große und vielfältige Gruppe von selbstbewussten, gut ausgebildeten und kompetenten Rom_nja in den Bereichen Bildung und Kultur, aber auch an der Bewahrung von Tradition und Identität. Zusammen schaffen sie ein Gemeinschaftsbewusstsein – über Generationsgrenzen und traditionelle Zugehörigkeitsgefühle hinweg – und zeigen eine solidarische Kooperatio als den besten Weg in die Zukunft auf. Die diversen Migrationswellen polnischer Rom_nja stärken die internationale Zusammenarbeit und erweitern die politische Kultur der Rom_nja im In- und Ausland.

Gegenwärtig sind rund 120 Roma-Organisationen in Polen registriert, unter ihnen zahlreiche Frauenorganisationen und viele, die von Aktivist_innen der jungen Generation angeführt werden.