Literatur

Suche

Nina Debrunner und Christa Baumberger

Das literarische Werk von Mariella Mehr Prosa und Drama

Ayse Yavas | Mariella Mehr | Fotografie | Schweiz | lit_00636 Rights held by: Ayse Yavas | Licensed by: Limmat Verlag | Licensed under: Rights of Use | Provided by: Limmat Verlag (Zurich/Switzerland)

Mariella Mehrs literarisches Werk sticht durch die Themenwahl und die Radikalität der Bearbeitung aus der Schweizer Literatur hervor. Als Angehörige der Jenischen und Betroffene der von der Schweizer Hilfsorganisation Pro Juventute durchgeführten Aktion »Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse« zeigt sie in ihrem Schreiben eine existenzielle Dringlichkeit, wie man sie in der Schweizer Literatur nicht häufig findet. Die Themen, die sie literarisch bearbeitet, sind bis heute gesellschaftspolitisch brisant und in keiner Weise definitiv aufgearbeitet. 1947 in Zürich geboren, erlangte Mariella Mehr in den 1980er Jahren internationale Bekanntheit durch ihr Engagement bei der Aufdeckung und Aufarbeitung der Aktion »Kinder der Landstrasse« – eines staatlich finanzierten Programms systematischer Wegnahme jenischer und Roma-Kinder von ihren Eltern und Adoption durch Familien der Schweizer Mehrheitsbevölkerung.

Für Mariella Mehr steht die Beschäftigung mit der jenischen Herkunft und der eigenen leidvollen Biografie am Ursprung ihrer journalistischen und schriftstellerischen Tätigkeit. In Reportagen (»Alptraum der Embryos«, 1975) und ausführlicher in ihrem ersten, unverkennbar autobiografischen Roman »Steinzeit« (1981) schildert sie ihre in einer Pflegefamilie und mehreren Heimen durchlittene Kindheit und Jugend. Bereits diese frühen Texte zeugen von Mariella Mehrs Suche nach einer adäquaten Sprache für die gewaltgeprägten Erlebnisse.

Mit der Pro-Juventute-Aktion befasste sie sich in vielen journalistischen Artikeln. Außerdem arrangierte sie die über sie angelegten Akten zu dem Dramentext »Akte M. Xenos ill. 1947 – C. Xenos ill. 1966: Ein Theaterstück«, der bei seiner Uraufführung 1986 in Bern große Reaktionen hervorrief und in Mariella Mehrs Dokumentation »Kinder der Landstrasse. Ein Hilfswerk, ein Theater und die Folgen« (1987) in Buchform veröffentlicht wurde. Bis in die 1990er Jahre behandelt sie die Problematik der Fahrenden in der Schweiz in Artikeln, Kolumnen und offenen Leserbriefen.

In Mariella Mehrs literarischen Texten besetzen die Jenischen hingegen nur einen marginalen Platz. »Heimat im Wort« etwa ist ein liebevolles Porträt von ihrem Onkel, einem Korbflechter, der kurz vor dem Tod in den Wald zurückkehrt, um in Ruhe zu sterben. Zwei weitere Kurzprosatexte sind der leidvollen Familiengeschichte gewidmet: »von der unlust der sinnlichkeit am tontaubenschiessen oder von der wollust des habichts am töten des huhnes« (1987) sowie »Phralalen, Pejalen Mama. Quante Mamera. Liebe Mutter« (1996).

Mariella Mehr | Heimat im Wort | Articles | lit_00012 Rights held by: Mariella Mehr | Licensed by: Limmat Verlag | Licensed under: Rights of Use | Provided by: Limmat Verlag – Publishing House (Zurich/Switzerland)

Mariella Mehr positioniert sich seit den Anfängen als ebenso unerschrockene wie streitbare Publizistin. Sie bezieht immer wieder Stellung zu brisanten gesellschaftspolitischen Debatten. In den 1980er Jahren ist sie Vorkämpferin für feministische Anliegen und eine polemische Kritikerin des patriarchalischen Schweizer Literaturbetriebs. In den 1990er Jahren äußert sie sich insbesondere zur Flüchtlings-, Finanz- und Kulturpolitik der Schweiz. Gesellschaftliche Konflikte beschäftigen sie sowohl als Journalistin wie als Schriftstellerin. So thematisiert sie etwa die 1980 eskalierenden Zürcher Jugendunruhen in Reportagen wie »Ich zünd mich an« (1986) und zugleich als Drama unter dem Titel »Silvia Z. Ein Requiem« (1986).

Alle ihre dramatischen Arbeiten umkreisen Einzelschicksale. Im Zentrum ihres dritten und letzten Schauspiels »Anni B. oder Die fünf Gesänge der Not« (1989) steht eine Spanienkämpferin, die nach ihrer Rückkehr in die Schweiz in die Psychiatrie eingeliefert wird. Ebenfalls mit Spanien beschäftigt sich ihr Bericht »Das Licht der Frau« (1984): Am Beispiel von Stierkämpferinnen setzt sich Mehr darin mit weiblicher Gewalt auseinander.

In Mariella Mehrs Reportagen, Nachrufen, Porträts und Literaturkritiken zeichnen sich bereits ihre Hauptthemen ab: das Spiel von Gewalt und Gegengewalt, Macht und Ohnmacht, Auflehnung und Unterwerfung. Das Verhältnis des Individuums zur Gesellschaft ist meist von Gewalt geprägt und voller Konflikte. Die Autorin rückt Außenseiter_innen, Minderheiten und subkulturelle Gruppen ins Zentrum und richtet besonderes Augenmerk auf die Zurichtungspraktiken der Psychiatrie und des Strafvollzugs. Der gewichtige Psychiatrieroman »Zeus oder der Zwillingston« (1994) schildert detailgenau und in drastischen Szenen die Vorgänge in einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt und verknüpft diese überzeugend mit Motiven der griechischen Mythologie.

Ihre Hauptwerke sind die als »Trilogie der Gewalt« bezeichneten Romane »Daskind« (1995), »Brandzauber« (1998) und »Angeklagt« (2002). Die Romane stellen nicht nur die Opfer, sondern auch die Täterinnen in den Mittelpunkt. Im ersten Roman geht es um ein fremdplatziertes Kind, das mit Sprachverweigerung auf das feindliche Umfeld reagiert, im Mittelpunkt des zweiten Romans stehen zwei Erwachsene – eine Jüdin und eine Angehörige der Fahrenden –, die von ihrer Vergangenheit eingeholt werden, und im dritten schließlich um eine Jugendliche, die sich als Brandstifterin für erlittenes Unrecht rächt. Nie gibt es ein Entrinnen aus der Gewaltspirale. Der hier zu lesende »Zellentext 1« schildert eindrücklich die Verzweiflung und Ohnmacht der Eingesperrten. Es ist der erste Monolog dieser Art von Mariella Mehr und erscheint wie eine Etüde zum furiosen Roman »Angeklagt«, in dem eine junge Täterin in der Zelle ihre Tat vergegenwärtigt.

Mariella Mehr | Daskind – Brandzauber – Angeklagt : Romantrilogie | Books | Zürich | 2017 | lit_00014 Licensed by: Limmat Verlag | Licensed under: Rights of Use | Provided by: Limmat Verlag (Zurich/Switzerland)
Mariella Mehr | Brandzauber | Articles | lit_00015 Rights held by: Mariella Mehr | Licensed by: Limmat Verlag | Licensed under: Rights of Use | Provided by: Limmat Verlag (Zurich/Switzerland)
Mariella Mehr | Zellentext I | Articles | lit_00013 Rights held by: Mariella Mehr | Licensed by: Limmat Verlag | Licensed under: Rights of Use | Provided by: Limmat Verlag (Zurich/Switzerland)

Mariella Mehrs Werke sind bewegende Dokumentationen der Politik- und Sozialgeschichte sowie der Medizin- und insbesondere der Psychiatriegeschichte. Vor allem aber sind sie einzigartige literarische Schöpfungen eigenen Rechts. Losgelöst von Biografischem und von den konkreten historischen und sozialen Umständen, fasziniert die sprachliche Gestaltung von Gewalt und Sprachlosigkeit. Auf eindrückliche Weise gelingt es Mariella Mehr darzustellen, wie Menschen, welche die Sprache als falsch, unwahr und ungerecht erleben, zu einem individuellen Ausdruck finden, und wie ein verletztes Ich, das sich nie als Ganzheit empfunden hat, über sich sprechen kann. In ihrer Prosa wie auch in ihren Gedichten entwickelt Mehr eine ganz eigene Sprache für existenzielle Erfahrungen wie Fremdheit und Zugehörigkeit, Verletzung und Schmerz.

In der Schweizer Gegenwartsliteratur nimmt Mehrs Werk in seiner thematischen und sprachlichen Radikalität und Schonungslosigkeit einen singulären Platz ein. Der Leserschaft wird dabei viel zugemutet. Hierin liegt vermutlich auch ein Grund, weshalb die aktuelle Mehr-Rezeption äußerst ambivalent ist. Einerseits wird die Autorin regelmäßig mit Preisen ausgezeichnet: Bereits 1998 wurde sie für ihr literarisches Werk und ihr unerschrockenes politisches Engagement mit der Ehrendoktorwürde der Universität Basel geehrt. Nach weiteren Preisen erhielt sie 2012 den hochdotierten ProLitteris-Preis für das Gesamtwerk, 2014 den Weiterschreiben-Preis der Stadt Bern und Anfang 2016 den Bündner Literaturpreis für ihr Lebenswerk.

Die Romane und Gedichte sind in mehrere Sprachen übersetzt worden und haben insbesondere in Italien viel Aufmerksamkeit erhalten. Andererseits war das Prosawerk im deutschsprachigen Raum lange Zeit fast vollständig vergriffen. Und die im Drava Verlag publizierten Gedichtbände, die zum Teil als zweisprachige Ausgaben auf Deutsch und Romanes (Übersetzung von Rajko Djurić und Mišo Nikolić) vorliegen, sind im Buchhandel nicht leicht erhältlich.

Trotz dieser prekären Quellenlage sind einige Forschungsarbeiten zu Mariella Mehr entstanden, darunter zwei Dissertationen (Iacovino 2004; Sälzer 2010) sowie eine Reihe von Aufsätzen zu einzelnen Aspekten ihres Werks. 2017 hat der Zürcher Limmat Verlag eine Neuauflage der »Trilogie der Gewalt« herausgebracht. Zugleich haben Christa Baumberger und Nina Debrunner im Limmat Verlag einen Text- und Essayband zu Mariella Mehr herausgegeben: »Widerworte. Geschichten, Gedichte, Reden, Reportagen« (2017). Dieser Band macht erstmals zahlreiche unveröffentlichte Texte aus Mariella Mehrs Archiv im Schweizerischen Literaturarchiv der Nationalbibliothek zugänglich.

Mariella Mehr, Christa Baumberger, Nina Debrunner | Widerworte: Geschichten, Gedichte, Reden, Reportagen | Books | Zürich | 2017, 1. November 2017 | lit_00011 Licensed by: Limmat Verlag | Licensed under: Rights of Use | Provided by: Limmat Verlag – Publishing House (Zurich/Switzerland)