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Lorely French und Paola Toninato

Roma-Literatur in den USA und Kanada

In die USA emigrierten im Zuge der Einwanderungsbewegungen aus Süd- und Osteuropa ab den 1880er Jahren Rom_nja aus Serbien, Russland und Österreich-Ungarn. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Jahre 1914 kam es zu Einschränkungen der Einwanderung, die den Zuwanderungsstrom eindämmten (Salo und Salo 1986).

Fotos von Carlos de Wendler-Runaro aus den Jahren 1920 bis 1975, die heute in der »Gypsy Research Collection« in der Smithsonian Institution in Washington, D.C. aufbewahrt sind, dokumentieren etliche Roma-Gruppen, unter anderem Kalderasch aus Gebieten in Russland, Mačvaja aus Serbien, Ludar aus Nordwestbosnien, Romanichals aus England, sogenannte »Black Dutch«, die auch als »Chikkeners« bezeichnet wurden (ein Wort aus dem Pennsylvania-Deutschen, das vom deutschen Wort »Zigeuner« abstammt), und Rom_nja aus Ungarn.

Circa eine Million Menschen mit Roma-Hintergrund wohnen in den Vereinigten Staaten. Größere und kleinere Gemeinschaften gibt es sowohl in den meisten dicht besiedelten Städten – New York, Chicago, Los Angeles, San Francisco, Boston, Atlanta, Dallas, Houston, Seattle und Portland (Oregon) – wie auch in den ländlichen Gebieten in Texas und Arkansas.

Roma-Literatur in den USA ist in den letzten zwei Jahrzehnten sichtbarer geworden. Autor_innen und Dichter_innen schreiben und veröffentlichen meistens auf Englisch.

Ian Hancock, Professor an der University of Texas at Austin, hat das »Romani Archives and Documentation Center« erstellt und ist sehr aktiv in der Förderung der Roma-Kultur. Seine Liste beachtenswerter Rom_nja im Buch »We Are the Romani People / Amen sam e Rromane džene« (2002) enthält berühmte Amerikaner_innen, unter anderem die Schauspieler_innen Charlie Chaplin, Rita Hayworth und Freddie Prinze sowie den ehemaligen Präsidenten Bill Clinton.

Im Bereich der Lyrik ist das Werk von Nadia Hava-Robbins herausragend. Hava-Robbins ist in Prag geboren, emigrierte in die USA und begann mit dem Schreiben von Lyrik, um die Herkunft ihrer Gemeinschaft zu erkunden. In ihrem Werk als Performancekünstlerin und Geschichtenerzählerin verbindet sie Poesie, Musik und Tanz auf originelle Weise. Sie ist Mitglied der International Society of Poets und ihre Gedichte sind in den Anthologien der National Library of Poetry veröffentlicht worden.

Die amerikanische Schriftstellerin Cecilia Woloch ist Autorin von »Tsigan: The Gypsy Poem« (2002), einem Gedichtband, der der Erforschung ihrer Roma-Wurzeln gewidmet ist. Sie hat etliche Gedichtbände veröffentlicht, die in mehrere Sprachen übersetzt wurden.

Glenda Bailey-Mershon ist Dichterin, Essayistin, Romanautorin, Historikerin und Menschenrechtsaktivistin. In ihrem Debütroman »Eve’s Garden« (2014) wird aus den Perspektiven von drei Generationen von Frauen mit Roma-Herkunft zwischen den 1920er und 1980er Jahren in einem ländlichen Gebiet in Georgia erzählt. Die jüngste Figur, Eve Gates, rekonstruiert ihre eigene Geschichte, indem sie den Gesprächen zwischen ihrer Mutter und ihrer Großmutter lauscht, wenn diese versuchen, sich vor den örtlichen Vorurteilen zu schützen.

Jessica Reidy ist Schriftstellerin und Lehrbeauftragte für Anglistik am LIM College in New York, USA. Ihre Kurzgeschichte »We Rise Up« (›Wir …

Schriftsteller_in

Jessica Reidy ist eine Schriftstellerin mit Sinti-Wurzeln und sowohl Autorin von Gedichten, Kurzgeschichten und einem Roman (siehe ihre Textproben »Why the Pyres are unlit«, »Murder and tradition« und »We rise up«) wie auch Aktivistin und produktive Verfasserin digitaler Literatur. Ihre Schriften stellen vielfältige kulturelle Traditionen und Gebräuche dar, die Reidy von ihrer Großmutter gelernt hat, die von Europa in die USA emigrierte, um der nationalsozialistischen Verfolgung zu entgehen. Die Ich-Erzählerin in den meisten ihrer Schriften schildert Konfrontationen mit Stereotypen und Diskriminierung und berichtet von historischen und aktuellen Ereignissen.

»American Gypsy« ist eine Autobiografie von Oksana Marafioti, einer Schriftstellerin, klassisch ausgebildeten Pianistin und Bildregiesseurin armenischer und russischer Herkunft. Kurz vor dem Zerfall der Sowjetunion zog sie als Fünfzehnjährige mit ihrer Familie nach Los Angeles. Ihr humorvolle und reflektierte Autobiografie über das Erwachsenwerden schildert eine Jugendliche im Spannungsfeld zwischen ihren Erinnerungen an die Auftritte mit ihrer Musikerfamilie in den ländlichen Regionen der UdSSR und ihren Hoffnungen, Träumen und Kämpfen als Immigrantin. Ohne sentimental zu werden, stellt sie eine amerikanische Roma-Gemeinschaft dar, die gleichzeitig ihre Gebräuche bewahren und sich assimilieren möchte.

Oksana Marafioti ist eine amerikanische Schriftstellerin
armenischer und russischer Roma-Herkunft und die Autorin von »American Gypsy: A Memoir« …

Andere amerikanische Schriftsteller_innen mit Roma-Herkunft sind unter anderen Diana Norma Szokolyai, Caren Gussoff und Will Stenberg. Szokolyai ist eine ungarisch-amerikanische Roma-Schriftstellerin und Performancekünstlerin, die in ihrer Masterarbeit von 2007 Roma-Dichter_innen analysiert und mit ihren Gedichtbänden »Parallel Sparrows« (2012) und »Roses in the Snow« (›Rosen im Schnee‹, 2008) Preise gewonnen hat. Gussoff ist gemischter Herkunft (Kalderasch, Russin und Ashkenazi). Ihr Science-Fiction-Buch »Three Songs for Roxy« (2015) erzählt drei zusammenhängende Geschichten, die um die Figur Kizzy kreisen, welche von Aliens als Findelkind bei einer Roma-Familie in Seattle gelassen wurde. Stenberg ist Sohn der amerikanischen Roma-Aktivistin Anna Marie Stenberg und Dichter, Songwriter und Musiker.

Kanada

In Kanada leben ungefähr 80.000 Rom_nja. Das Roma Community Centre in Toronto veranstaltet regelmäßig kulturelle Feste und Lesungen, unter anderem eine Buchpräsentation von Cynthia Levine-Raskys 2016 erschienenen historischen Werk über die Einwanderung von Rom_nja nach Kanada.

Der in Kanada geborene Wissenschaftler und Schriftsteller Ronald Lee hat ausführlich über die Geschichte und Sprachen der Rom_nja geschrieben und unter anderem ein Wörterbuch für Romanes (2010) herausgegeben. Sein autobiografischer Roman »Goddam Gypsy« (Erstausgabe 1971) wurde in mehrere Sprachen übersetzt und 2009 unter dem Titel »The Living Fire/E Zhivindi Yag« neu aufgelegt.

Ronald Lee wurde im Jahr 1934 in Montreal, Kanada geboren. Er ist kanadischer Rom, Autor und Aktivist. Nachdem er seine Entwicklungsjahre in …

2017 erschien die Anthologie »A Romani Women’s Anthology: Spectrum of the Blue Water«, mit Gedichten, Aufsätzen, Kurzgeschichten und Kunstwerken aus einem breiten Spektrum von Beitragenden, die die verschiedenartigen Stimmen der Romnja in Kanada präsentieren.