Bürgerrechtsbewegung der Sinti und Roma

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Angéla Kóczé und Soraya Post

Die Grundbausteine der Roma-Frauenbewegung in Europa

Die Geschichte des politischen Aktivismus der Sinti und Roma wird traditionell aus einer heterosexuell-männlichen Perspektive erzählt, wobei die Rolle der Männer überhöht wird, während die Leistungen von Frauen oder Menschen anderer Gender eher kleingeredet, wenn nicht unsichtbar gemacht werden. Heute ist Gender ein wichtiges Analysewerkzeug, um die Mitwirkung von Roma-Frauen bei politischen Aktivitäten und in der Bürgerrechtsbewegung speziell zu untersuchen.

In jeder Entwicklungsphase des politischen Aktivismus der Sinti und Roma lassen sich Gender, Ethnizität, Schichtzugehörigkeit und Sexualität als überlappende systemische Formen der Ungleichheit erkennen, die den Aktivismus und seine Außendarstellung strukturell beeinflussen – in Ergänzung zu den Modellen sozialer Vor- und Nachteile, die Gruppen anhand ihrer Position in der Gesellschaft definieren. In diesem konzeptuellen Rahmen sind nicht alle Sinti und Roma gleichermaßen unterdrückt und nicht alle Roma-Aktivist_innen gleichermaßen anerkannt. Vielmehr werden Sinti und Roma innerhalb einer multidimensionalen sozialen Ordnung verortet. Es geht uns darum, das Engagement und den Anteil vom Romnija und LGBTQIA-Aktivist_innen am politischen Denken zu würdigen, indem wir die Dokumentation ihrer Mitwirkung beim Kampf um die Emanzipation der Sinti und Roma überprüfen.

Ein Bericht aus dem frühen 20. Jahrhundert belegt, wie sich weibliche »Gypsies« im britischen Birmingham im Oktober 1904 wütend gegen Zwangsräumungen zur Wehr setzten, indem sie Kinder vor die Pferde und Wohnwagen stießen und die Fahrer_innen sogar »herausforderten, sie zu zertreten«.1

Zu jener Zeit wurden Roma-Organisationen kaum je von Frauen gegründet oder geleitet. Im Narrativ von der politischen Emanzipation wurden die Frauen entweder ausgelassen oder »vor der Geschichte versteckt«, weil die Autor_innen des Narrativs sie für unbedeutend hielten.2

Früher Aktivismus von Roma-Frauen

Die Schwerpunkte des politischen Roma-Aktivismus der 1920er und 30erJahre lagen in Rumänien und Polen. In Rumänien versuchten 1933 zwei politische Organisationen die Rom_nja im Land zu vereinen: Der Generalverband der Zigeuner in Rumänien und die Generalunion der Rom_nja in Rumänien.

Die Generalunion besetzte einige wichtige Posten mit Frauen – so wählte ihre Zweigstelle in Sibiu eine Frau zur Vizepräsidentin ehrenhalber.3

In Bukarest hielt die Generalunion am 8. Oktober 1933 unter Leitung von Gheorge A. Lăzăreanu-Lăzurică einen Kongress mit mehr als 200 Teilnehmer_innen ab, auf dem ein eigener weiblicher Zweig der Union vorgeschlagen wurde: Er sollte sich speziell der Ausbildung und Unterstützung von Romnija widmen.4

Zudem forderten die Delegierten für die Zukunft die Regelung, dass des Lesens und Schreibens kundige Frauen im Ältestenrat dieselben Rechte haben sollten wie Männer.5

Dieses Ansinnen galt seinerzeit als sehr progressiv, auch im Kontext der Gleichberechtigungsbestrebungen in ganz Europa. In Rumänien wurde das allgemeine Wahlrecht für Frauen erst 1946 eingeführt.

Ilona Klímová-Alexander führt auch – allerdings auf unsicherer, spekulativer Quellengrundlage – aus, dass die einzige unabhängige Roma-Organisation, die in der Zwischenkriegszeit in Europa gegründet wurde, der Panhellenische Kulturverband Griechischer Zigeuner sei, den 1939 zwei Romnija gegründet haben sollen.6

Roma-Frauen während des Holocausts (1939–45)

Warum ist es relevant, die Erfahrungen von Roma-Frauen im Holocaust separat zu betrachten? Die nationalsozialistische Ideologie richtete sich sowohl gegen jüdische als auch gegen Roma-Gemeinschaften. Manche der »Aktionen« hatten aber speziell Frauen zum Ziel.

Deutsche Mediziner_innen missbrauchten jüdische und Roma-Frauen für Zwangssterilisierungen und andere unethische Experimente.7

Anna Szász hat Einzelberichte von Roma-Frauen über ihre Erfahrungen im Holocaust und ihre verschiedenen Formen des Widerstands analysiert. Sie fasst zusammen:

»Der Überlebenswille, der die Bewahrung der Gemeinschaft in den Mittelpunkt stellte, bildete die Grundlage des Widerstands. [...] Ihr Widerstand war nicht nur ein Kampf ums Überleben, sondern umfasste auch kleine Aktivitäten, motiviert von der bewussten Entscheidung, den Nazis zu trotzen und nicht zuzulassen, dass sie die ›Zigeuner‹ ihrer Menschenwürde beraubten.«8

Die österreichische Romni Ceija Stojka (1933–2013) überlebte den Holocaust, doch die traumatischen Erfahrungen wurden zum vorherrschenden Narrativ ihrer künstlerischen Arbeit als Schriftstellerin, Malerin und Musikerin. Die polnische Romni Alfreda Noncia Markowska (geboren 1926) rettete im Holocaust etwa fünfzig jüdische und Roma-Kinder vor der Ermordung.

Roma-Frauen: Aktivismus und Widerstand zwischen 1945 und 1989

Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb die Entwicklung des politischen Aktivismus der Sinti und Roma fragmentiert. Nur sehr wenige Frauen traten in diesem äußerst männerdominierten Feld sichtbar hervor.

Ungarn war eines der Länder, in denen Romnija als Leiterinnen von Organisationen agierten. Michael Stewart hebt hervor, Ungarn sei das einzige Land im sozialistischen Mitteleuropa gewesen, dass eine Beteiligung von Roma-Vertreter_innen bei der Entwicklung politischer Maßnahmen zur Verbesserung der Lebensumstände der Rom_nja vorsah.9

1957 wurde Mária László (1909–1989) als erste Roma-Frau von der Regierung beauftragt, eine Organisation zu gründen – den Magyar Cigányok Kulturális Szövetsége (»Kulturverband der Ungarischen Zigeuner« MCKS).

Zwar hatte László nur kurz die Leitung des Verbands inne (1957/58), doch in dieser Zeit arbeitete sie tatkräftig und sehr erfolgreich daran, die wenigen Roma-Kooperativen (die vor allem in der Stahl- und Nagelproduktion tätig waren) politisch, ökonomisch und administrativ zu unterstützen.

Nachdem László den MCKS als Rechtsvertretung der ungarischen Rom_nja etabliert hatte, wurde sie zum Opfer ihres eigenen Erfolgs: Unter einem Vorwand enthob die Regierung sie ihres Amtes.

Doch sie hatte schon den Weg für die Roma-Emanzipation bereitet und blieb ein großes Vorbild für die Roma-Intellektuellen, die seit den 1970er Jahren in Ungarn gegen den rassistischen Diskurs über die Rom_nja und gegen die Politik des Staatssozialismus aufbegehrten.

Ágnes Daróczi (geboren 1954) zählte zu den führenden Oppositionellen zur Zeit des Staatssozialismus und wurde zu einer Ikone im Kampf der Rom_nja um Anerkennung. Beschränkte sich Mária Lászlós Einfluss auf Ungarn, so gelang es Daróczi, ein grenzüberschreitendes Netzwerk der Roma-Solidarität zu knüpfen.

Der ungarischen Öffentlichkeit wurde sie 1972, als 17-Jährige, bekannt: In der Talentshow Ki mit Tud? trug sie ein Gedicht des Roma-Lyrikers Károly Bari auf Romani vor und konnte damit in einer Zeit, als Rom_nja im öffentlichen Diskurs nur als »gesellschaftliches Problem« vorkamen, ein Fanal der Roma-Identität und des politischen Selbstbewusstseins setzen.10

Später engagierte sich Daróczi in der internationalen Roma-Politik und wurde 1981 zum Dritten Roma-Weltkongress nach Göttingen eingeladen – als eine von sehr wenigen Frauen unter den 300 Delegierten aus 22 Ländern.11

Lajos Nadorfi | A Photograph of Agnes Daroczi in 1972 | Fotografie | Ungarn | 1972 | rom_20013 Rights held by: Lajos Nadorfi | Licensed by Lajos Nadorfi I Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International I Provided by: Àgnes Daròczi /Janos Barsony - Private Archive

In dieser Phase traten auch in anderen europäischen Ländern Romnija öffentlich in Erscheinung und wurden zu Vorbildern für nachfolgende Generationen.

Die russische Ethnologin Nadezhda Demeter legte 1988 ihre Doktorarbeit vor. Zwar fußte ihre Forschung auf einem sowjetischen Ansatz der Ethnologie und einem beschränkten Diskurs, der die Rom_nja in zwei Gruppen – assimiliert und nomadisch – einteilte.12 Doch dass Demeter als Romni in der sowjetischen Akademia reüssieren konnte, ist schon eine enorme Leistung.

Katarina Taikon-Langhammer (1932–1995) war eine schwedische Roma-Bürgerrechtsaktivistin, Schriftstellerin und Schauspielerin aus einer Kalderasch-Familie. Als 1953 das von der schwedischen Regierung verhängte 60-jährige Einwanderungsverbot für Rom_nja endete, wurde Taikon zur Fürsprecherin von Rom_nja, die in Schweden Zuflucht suchten.

Zugleich erkannte sie, dass der einzige Weg, um die Vorurteile gegen Rom_nja in Schweden zu überwinden, darin lag, junge Leute aufzuklären, und so begann sie, eine erfolgreiche Kinderbuchreihe zu schreiben, die auf ihren eigenen Kindheitserinnerungen beruhte. Die Bücher dienten auch als Vorlage für die schwedische Fernsehserie »Katitzi« aus dem Jahr 1979.

Kämpfe für die Rechte von Roma-Frauen (1989–2005)

Nach dem Ende des sogenannten Kalten Krieges brachten die frühen 1990er Jahre neue Hoffnung und Perspektiven für die Frauenrechte allgemein. Die Forderung nach Gleichberechtigung und feministische Konzepte wurden jedoch vor allem in den postkommunistischen Staaten heftig angefeindet.13

Diese Ideen, Theorien und Praktiken waren in den westeuropäischen Ländern schon in den frühen 70er Jahren entwickelt worden, doch Auswirkungen auf den Aktivismus von Roma-Frauen zeigten sie erst in den 90ern.

Die Gitanas-Bewegung, ab 1990 als Aktionsbündnis spanischer Roma-Frauen tätig, war das früheste Beispiel. Die Gitanas grenzten sich nicht nur von der männlich dominierten spanischen Roma-Bewegung ab, sondern wahrten auch Distanz zur Mainstream-Frauenbewegung in Spanien, die sie integrieren wollte.

Zum einen traten die Gitanas an, den Machismo und patriarchale Strukturen zu dekonstruieren, zum anderen gingen sie gegen den historisch verwurzelten, gegenderten Antiziganismus vor, dem die Gitana/o-Gemeinschaft seit Jahrhunderten ausgesetzt war.14

Zwar waren spanische Romnija wie Rosa Vázquez oder Adelina Jiménez schon vorher als Bürgerrechtlerinnen und politische Aktivistinnen hervorgetreten, doch als erster Verband von Roma-Frauen in Spanien wurde 1990 in Granada die Asociación de Mujeres Gitanas Romí gegründet.

Im Juni desselben Jahres organisierte Romí ein erstes Seminar zur Situation der Roma-Frauen in Spanien. Der Gitanas-Bewegung gehören gleichermaßen Aktivistinnen wie Akademikerinnen an, zum Beispiel Ana Giménez Adelantado, die erste Romni, die in Spanien Hochschulprofessorin wurde.15

Zur gleichen Zeit nahm der politische Aktivismus der Rom_nja in den postsozialistischen Ländern vor allem durch bürgerschaftliches und parteipolitisches Engagement Fahrt auf, speziell durch Rom_nja, die bei nationalen Wahlen kandidierten.

Eine der ersten Roma-Frauenorganisationen in Mittel- und Osteuropa war der 1991 in Ungarn gegründete Verband der Zigeuner mütter unter der Leitung von Ilona Zambo.16 Sie erklärt:

»Die Idee entstand, als ich bei einer Roma-Tanzgruppe mitwirkte. [...] Ich war überrascht, von der traditionellen Unterdrückung zu hören, mit der Roma-Frauen leben mussten. Damals bildeten sich viele Roma-Organisationen, aber keine für Frauen [...].

Bela Osztojkan, ein bekannter Roma-Aktivist, nannte mich die erste feministische Gypsy, weil ich für die Rechte der Roma-Frauen eintrat. Er meinte das nicht als Kompliment.«17

Ähnlich wie Ilona Zambo in Ungarn leistete Sylvia Dunn in Großbritannien Pionierinnenarbeit, indem sie 1994 die National Association of Gypsy Women (NAGW) gründete. Der Verein bot Gypsy- und Traveller-Frauen Hilfe gegen polizeiliche und behördliche Schikanen. Sylvia Dunn betonte, ihr Anliegen sei es, die Widerstandskraft der Frauen zu stärken:

»Sie denken, dass sie uns in Häuser stecken können und fertig. Da sollten sie besser noch mal darüber nachdenken. Wir gehen in keine Häuser. Warum Familien zerstören, indem unsere Männer ins Gefängnis wandern und unsere Kinder in Pflege kommen? Wir werden kriminalisiert, weil wir Gypsies sind. Das ist ethnische Säuberung. Es macht die Frauen rasend.«18

Sylvia Dunn setzte sich gegen die diskriminierende britische Gesetzgebung zur Wehr und trat für Gendergleichheit bei der internationalen Repräsentation der Sinti und Roma ein. Auf dem Fünften Roma-Weltkongress 2001 in Prag schlug sie vor, aus jedem Land einen Mann und eine Frau zu entsenden, anstatt, wie bisher, nur einen – zumeist männlichen – Delegierten.19

Neben dem Engagement in Nichtregierungsorganisationen waren es in den 90er Jahren auch Parlamentswahlen, die Roma-Frauen sichtbar machten. So wurden in der Tschechoslowakei 1990 mehrere Romnija als Abgeordnete gewählt.

Zu ihnen zählten von 1990 bis 1992 Klára Samková, die sich zwar selbst nicht als Romni identifizierte, aber sich als Anhängerin der Partei Roma-Bürgerinitiative (ROI) bezeichnete20 und Anna Koptová für die Partei Menschen gegen Gewalt (VPN).

Nachdem sich die Tschechoslowakei 1993 aufgelöst hatte, zog 1998 mit Monika Horáková eine Vertreterin einer neuen Generation politischer Roma-Aktivistinnen für die Freiheitsunion (US) ins tschechische Abgeordnetenhaus ein.

In Ungarn saßen nach den ersten demokratischen Wahlen von 1990 zwei Rom_nja für die Liberale Partei im Parlament. Eine von ihnen war Antónia Hága.

Auch in einigen Regierungen hatten Romnija hohe Ämter inne. So war Klára Orgovánová von 1991 bis 1993 als Beraterin der slowakischen Regierung tätig und wurde später, 2001, zur Generalbevollmächtigten für Roma-Angelegenheiten ernannt.

In Ungarn war Éva Hegyesiné Orsós die erste und letzte Roma-Präsidentin des Büros für nationale und ethnische Minderheiten, einer Regierungsinstitution, die von 1995 bis 1998 bestand. Von 2002 bis 2004 gehörte Judit Berki als stellvertretende Staatssekretärin für die Roma-Integration der ungarischen Regierung an.

Einen Durchbruch für die feministische Roma-Bewegung markierte der Primer Congreso Gitano de la Unión Europea (Erster Roma-Kongress der Europäischen Union), abgehalten in Sevilla vom 18. bis 21. Mai 1994. Es gelang den Roma-Frauen, die Dringlichkeit ihrer Anliegen und Interessen in den Mittelpunkt des Kongress zu stellen.21

Eine Gruppe von 29 Romnija aus sieben Ländern veröffentlichte eine gemeinsame Schlusserklärung, das Manifest der Roma-Frauen, zu den spezifischen Problemen von Rom_nja und möglichen Lösungswegen.

Eine Reaktion auf das Manifest der Roma-Frauen war eine Anhörung im Europarat in Straßburg vom 20. bis 30. September 1995. Bei der Anhörung bekräftigte das Parlament die Rechte der Romnija und die Wichtigkeit der Gender-Gleichberechtigung in Entwicklungsprogrammen für die Rom_nja.

Der Europarat war damit eine der ersten internationalen Organisationen, die ein öffentliches Bewusstsein für das Anliegen der Gleichberechtigung von Roma-Frauen auszuprägen halfen.22

An den vom Europarat initiierten Schulungen waren mehrere Feministinnen von der schon erwähnten spanischen Asociación de Mujeres Gitanas Romí beteiligt – unter ihnen Amara Montoya Gabarri und Carlota Santiago Camacho – ebenso wie Romnija aus Mittel- und Osteuropa, wie etwa Angéla Kóczé, die später zur Vorreiterin einer Theorie des Roma-Feminismus wurde.

Hinter diesen Schulungen für junge Roma-Führungskräfte stand die Jugendabteilung des Europarats. Ein Resultat war die Einrichtung des Forums junger europäischer Sinti und Roma (FERYP). Gegründet 1998, war das FERYP die erste internationale Roma-Organisation, die von einer Frau geleitet wurde: Alexandra Raykova.

Im Juni 1998 richtete das Netzwerk der Soros-Stiftungen (Open Society Foundations) im Rahmen seines Roma-Teilhabeprogramms in Budapest die Erste Internationale Roma-Frauenkonferenz aus.23 Im Anschluss an die Konferenz richteten das Roma-Teilhabeprogramm und das Frauenprogramm ein gemeinsam bezahltes Praktikum ein.

Liliana Kovatcheva aus Bulgarien war im Januar 1999 die erste Praktikantin und legte eine Datenbank von Roma-Aktivistinnen an. Gleichzeitig vergab das Programm ein Stipendium an Nicoleta Bitu, das es ihr ermöglichte, an einer Führungskräfteschulung für Frauen teilzunehmen.

Später im gleichen Jahr sprach Bitu vor der Expertengruppe Sinti und Roma des Europarats über Genderthemen und andere Anliegen der Roma-Gemeinschaften. Bitus von der Expertengruppe unterstützter Bericht über Roma-Frauen war ein weiterer Meilenstein der feministischen Roma-Bewegung.24

All diese Ereignisse hatten das zunächst informelle Netzwerk der Romnija gestärkt. Ebenfalls noch 1999 nahm es erste formelle Gestalt an, mit einer horizontal organisierten Leitung, bestehend aus Nicoleta Bitu, Azbija Memedova und Enissa Eminova.

Die Romani Women’s Initiative (RWI) existierte von 1999 bis 2006, ermöglicht und großzügig unterstützt von der feministischen Historikerin Debra Schultz, Gründungsdirektorin des Frauenprogramms der Open Society Foundations.

Rückblickend nennt Schultz die Zusammenarbeit bei der Gründung der RWI »eine beispiellose kooperative Erfahrung in grenzüberschreitender feministischer Praxis, die sich auf lokalen, nationalen und transnationalen Ebenen abspielte«.25

Neben dem Europarat wurde auch die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) zur Fürsprecherin der Roma-Frauenrechte. Am 14./15. Juni 1999 hielt sie in Wien außerordentliche Sitzungen zu Gender-Themen ab.

Bei ihrem Supplementary Human Dimension Meeting on Gender Issues im September 1999 in Wien beschloss die OSZE dann, das Thema Gender auch auf die Agenda der nächsten regulären Sitzung zu nehmen.

Unterstützt von internationalen Organisationen nahmen Romnija in den folgenden Jahren an bedeutenden Konferenzen teil – so beim Peking-plus-Fünf-Treffen 2000 in New York und bei der UN-Weltkonferenz gegen Rassismus in Durban, Südafrika, 2001, wo Romnija über Themen wie Zwangssterilisierung sowie strukturelle und häusliche Gewalt referierten.

Bei der Konferenz in Durban organisierte zudem das Center for Women’s Global Leadership (CWGL) der Rutgers University eine Anhörung zu ethnischer und sexueller Unterdrückung, um die Stimmen der Frauen und die intersektionale feministische Analyse in die globale Debatte über Rassismus einzubringen.26

Die serbischen Roma-Aktivistinnen Slavica Vasić und Vera Kurtić kommen im vom CWGL produzierten Video »Women at the Intersection of Racism and Other Oppressions: A Human Rights Hearing« ausführlich zu Wort (12:13-15:20 video footage).27

Vera Kurtić erklärt in dem Video: »Die internationale Gemeinschaft ignoriert die Fakten über Vergewaltigungen von Romnija im Kosovo und zum Frauenhandel, dessen Opfer zum großen Teil Romnija sind.«

Wenigen Frauen »rund um den Globus«, so argumentiert sie weiter, werde nach einer Vergewaltigung die nötige Unterstützung und Gerechtigkeit zuteil. Stattdessen herrsche die Tendenz vor, die Opfer noch zu beschuldigen. »Nun können Sie sich vorstellen, in was für einer Lage eine vergewaltigte Roma-Frau sich befindet.«28

Am 28./29. November 2002 hielt die in Wien ansässige EU-Agentur Europäische Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit (EUMC) ein Meeting zum Thema Zugang von Romnija zum Gesundheitssystem ab.

In der Folge dieses Treffens legten das OSZE-Hochkommissariat für nationale Minderheiten, die Abteilung für Migration und Rom_nja des Europarats und die EUMC 2003 den gemeinsamen Bericht »Breaking the barriers – Romani Women and Access to Public Health Care« vor.

Im Februar 2003 gründeten Roma-Aktivistinnen mit Unterstützung des Europarats das Internationale Roma-Frauennetzwerk (IRWN), dessen Leitungsebene – etwas älter und traditioneller strukturiert als bei der schon erwähnten Roma-Fraueninitiative RWI – Ágnes Daróczi, Leticia Mark und Miranda Vuolasranta angehörten.

Die Gründerinnen wählten einen vorläufigen Koordinierungsausschuss und verabschiedeten eine Satzung. Zur Präsidentin des IRWN wurde die schwedische Sinti-Aktivistin Soraya Post gewählt.29 Von 2004 bis Ende 2007 war das IRWN Ziel der wichtigsten europäischen Dachorganisation für Frauenrechte, der European Women’s Lobby. Leticia Mark gründete in Zusammenarbeit mit Enikő Vincze 2009 eine wegweisende feministische Zeitschrift der Roma mit dem Titel Nevi Sara Kali.

Nach den Europawahlen 2004 zogen zwei ungarische Romnija als Abgeordnete ins Europäische Parlament ein: Lívia Járóka über einen Listenplatz der rechtspopulistischen Fidesz-Partei und Viktória Mohácsi als Nachrückerin auf einem vakant gewordenen Parlamentssitz.

Angéla Kóczé | Nevi Sara Kali | Katalog | Ungarn | 2009 | rom_20016 Rights held by: FEMROM (publisher) / Angela Kocze (photo) | Licensed by Eniko Vincze I Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: Angela Kocze - Private Archive

Die Roma-Frauenbewegung im Jahrzehnt der Roma-Inklusion (2005–15)

Am 29. Juni 2003 tagte in Budapest das Roma-Frauenforum. Organisiert vom Frauenprogramm des Open Society Institute (OSI), brachte es über 100 Roma-Aktivistinnen, Stifterinnen, internationale Menschenrechtsaktivistinnen und Regierungsvertreterinnen aus Europa und den USA zusammen.

Die Romnija erläuterten auf dem Forum ihre umfassende politische Agenda vor hochrangigen regionalen Regierungsbeamt_innen und internationalen Verbänden. Passenderweise fand das Forum genau am Vortag der zweitägigen Konferenz Roma in an Expanding Europe: Challenges for the Future statt, auf der das »Jahrzehnt der Roma-Inklusion« (2005–15) angekündigt wurde.

Leider war das Forum offiziell nicht Teil der größeren Konferenz, die von der ungarischen Regierung ausgerichtet und von der Weltbank, dem Open Society Institute und der Europäischen Kommission unterstützt wurde.

Weltbankpräsident James Wolfensohn pries bei der Sitzung der Ministerpräsident_innen von neun aspirierenden EU-Beitrittsstaaten zwar die Führungsstärke von Roma-Frauen und -Jugendlichen. Doch Roma-Aktivistinnen wurden weder auf Augenhöhe behandelt noch an Entscheidungen auf höherer Ebene beteiligt.

Um sicherzustellen, dass die speziellen Anliegen der Romnija im Jahrzehnt der Roma-Inklusion Berücksichtigung fanden, legte Nicoleta Bitu den Ministerpräsident_innen eine Zusammenfassung der Agenda des Roma-Frauenforums vor.

Die RWI hoffte, sich durch die internationale Unterstützung und Sichtbarkeit als wichtige Akteurin zu etablieren, als die Roma-Gemeinschaft zusammen mit Stifter_innen und politischen Entscheidungsträger_innen die Strategie für das Jahrzehnt der Roma-Inklusion entwarf.

Das Network Women’s Program (NWP) veröffentlichte unter dem Titel »A Place at the Policy Table« einen Bericht über das Roma-Frauenforum, um die auf dem Forum entwickelten Konzepte zu verbreiten.30

Während die Bestrebungen, den Gender-Aspekt in das Jahrzehnt der Roma-Inklusion einzubinden, mühsam und stockend verliefen, gelang es den Romnija-Initiativen, die Anliegen der Roma-Frauen und ihre Forderung nach Gleichberechtigung zum Thema der globalen Diskussion um soziale Gerechtigkeit zu machen.

2005 und 2006 trugen Romnija ihre Belange bei der Frauenrechtskommission der Vereinten Nationen zum 10. Jahrestag des Pekinger Aktionsprogramms, bei den Anhörungen der UN-Kommission zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau (CEDAW) und bei der Anhörung des Europäischen Parlaments zu Roma-Frauen vor.

Bei der 49. Sitzung der UN-Frauenrechtskommission versuchten Roma-Aktivistinnen weitere Fortschritte zu erzielen. Die in Rumänien geborene und in den USA lebende Alexandra Oprea brachte die praktischen und konzeptuellen Hindernisse zur Sprache, die der Artikulation von Romnija-Themen auf politischen Foren im Weg standen.

Oprea rief zu einem intersektionellen Ansatz auf: Statistische Daten zu Rassismus und Gender sollten kombiniert werden, um die Situation der Roma-Frauen angemessen bewerten zu können.

Im Juni 2006 verabschiedete das Europaparlament seine historische erste Resolution zur Situation der Romnija in der EU. In dieses wegweisende Dokument floss alle Forschung ein, die Roma-Akademikerinnen, - Aktivistinnen und -Politikexpertinnen bis dahin vorgelegt hatten.

Zu diesem Zweck arbeitete die RWI mit Lívia Járóka (Ungarn), der ersten Romni, die als Abgeordnete ins Europäische Parlament gewählt worden war, zusammen.

Ebenfalls 2006 beschloss die Leitung des Open Society Institute, das bisherige Programm Frauennetzwerk (RWI) und das Roma-Teilhabeprogramm (RPP) zur Joint Roma Women’s Initiative (JRWI) zusammenzuführen. Dem Leitungsteam der JRWI gehörten Nicoleta Bitu, Enisa Eminova sowie Isabela Mihalache (Rumänien) vom RPP an.

Zwar bedeutete diese strategische Entscheidung des OSI leider das Ende der RWI, zugleich aber verstärkte der Europarat, unterstützt von einer Reihe seiner Mitgliedsstaaten, seine Bemühungen, die Anliegen von Roma-Frauen und -Mädchen sichtbarer zu machen.

Im September 2007 wurde in Stockholm, unterstützt von der schwedischen Regierung, die Erste Internationale Roma-Frauenkonferenz abgehalten. Die Zweite Internationale Roma-Frauenkonferenz fand, unterstützt von der griechischen Regierung, im Januar 2010 in Athen statt, und die Dritte Internationale Roma-Frauenkonferenz, unterstützt von der spanischen Regierung, im Oktober 2011 in Granada.

Im September 2013 war Helsinki Austragungsort der Vierten Internationalen Roma-Frauenkonferenz, unterstützt von der finnischen Regierung. Im Oktober 2015 ging in Skopje die Fünfte Internationale Roma-Frauenkonferenz über die Bühne, geleitet von Mabera Kamberi und unterstützt von der mazedonischen Regierung. Die Sechste Internationale Roma-Frauenkonferenz wurde 2017 in Straßburg abgehalten.

Zahlreiche neue Netzwerke gingen aus diesen internationalen Konferenzen hervor. 2010 formierte sich in Italien das Roma Women Network Italy (Rowni), und 2013 wurde im Vorfeld der Vierten Internationalen Roma-Frauenkonferenz Phenjalipe (»Schwesternschaft«) gegründet.

Einige Romnija konnten indessen wichtige Positionen auf internationaler Ebene einnehmen. So wurde 2011 Rita Izsák-Ndiaye vom UN-Menschenrechtsrat als unabhängige Expertin für Minderheitenfragen berufen. Ebenso wie die EU-Parlamentsabgeordnete Lívia Járóka wurde sie von der rechtsgerichteten Fidesz-Partei unterstützt.

2014 wurde die Roma-Feministin und vormalige Leiterin des IRWN Soraya Post als Abgeordnete der schwedischen Partei Feministische Initiative ins Europaparlament gewählt.

Mirjam Karoly war von 2013 bis 2017 leitende Beraterin für Roma-Fragen beim Büro für demokratische Institutionen und Menschenrechte der OSZE. Und seit 2016 hat Miranda Vuolasranta als erste Frau die Präsidentschaft des European Roma and Travellers Forum inne.

Mehrere Roma-LGBTIQ-Aktivist_innen haben sich das »Queering« der Roma-Frauenbewegung zur Aufgabe gemacht. Zu den Vorreiter_innen zählt Vera Kurtić, die 2013 ihr Buch »Džuvljarke: Roma Lesbian Existence« veröffentlichte.

Die Erste internationale Roma-LGBTIQ-Konferenz fand im August 2015 in Prag statt, als Teil des Prague-Pride-Festivals. Organisiert wurde sie von dem in Prag ansässigen Roma-Kulturverein ARA ART.31 Die Konferenz umfasste eine Aufführung des Theaters der Unterdrückten und eine öffentliche Diskussion unter dem Titel »Hot Chocolate International – the situation and experiences of Roma LGBT in the World«.