Bürgerrechtsbewegung der Sinti und Roma

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Anna Mirga-Kruszelnicka

Roma-Jugendarbeit – »Wir sind die Gegenwart!«

Einleitung

Explizit werden junge Sinti und Roma seit den 1990er Jahren als Adressat_innen politischer Arbeit behandelt. Jugendliche wurden zunächst vor allem als passive Gruppe wahrgenommen – und nur in einigen Fällen als tragende Kraft von Projekten und Aktivitäten, noch seltener als gleichberechtigte Interessenvertreter_innen. Im Lauf der Zeit aber wuchs die Roma-Jugend zu einer selbstbewussten und eigenständigen Größe heran, die im Gefüge und in den Strukturen der ethnischen Mobilisierung von Sinti und Roma ihren Platz beanspruchte. Zur politischen Akteurin in eigenem Recht geworden, wandelte sich über die Jahre auch die Wahrnehmung der Roma-Jugend: Aus einer passiven Adressatin wurde eine aktive Agentin des Wechsels und des Fortschritts, die Ziele formuliert und Politik im Sinne von Sinti und Roma macht – besonders natürlich für junge Sinti und Roma.

Erfolgreich konstruierten die Jugendorganisationen und -netzwerke der Sinti und Roma eine »Roma-Jugendidentität«. Sie bildete die Grundlage für die anhaltende Mobilisierung. Gemeint sind nicht einfach politisch engagierte Sinti und Roma, die eher zufällig jung sind. Der Status als Jugendliche ist vielmehr zentral, und es geht darum, ihn aktiv anzunehmen und nicht zuletzt die Unterschiede zu den anderen involvierten Akteur_innen der Roma-Bewegung zu betonen. Gehandelt wird auf der Basis der Überzeugung, dass die Roma-Jugend »mit einer eigenen Stimme sprechen muss«. Es muss anerkannt werden, dass die politische Arbeit von und mit jungen Sinti und Roma unterschiedlichen Ansprüchen gehorcht, verschiedene Methoden erfordert und über eigene Zugänge verfügt. Bis zu einem bestimmten Punkt unterscheiden sich die Ziele und Formen eines solchen politischen Engagements von dem der Vorgänger_innen. Die politische Arbeit von jungen Sinti und Roma, die für gemeinhin sogenannte Roma-Jugendbewegung, stößt die Tür zum nächsten Kapitel der ethnischen Mobilisierung von Sinti und Roma auf.

Adam Bartosz | 4th World Romani Congress in Serock, Poland (from the left: Sait Balić, Marcel Courthiade, Rajko Djurić, Weer Rajendra Rishi, Ian Hancock and Stanislaw Stankiewicz) | Fotografie | Polen | 8. April 1990 | rom_10147 Rights held by: Adam Bartosz | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: Adam Bartosz – Private Archive

Junge Sinti und Roma als Zielgruppe

Die Roma-Bevölkerung ist relativ jung: 35,7 Prozent sind jünger als 15 Jahre. Zum Vergleich: In der gesamten EU-Bevölkerung liegt dieser Wert bei 15,7 Prozent. Das Durchschnittsalter von Sinti und Roma liegt bei 25 Jahren; das allgemeine Durchschnittsalter in der EU aber bei 40 Jahren.1

Ab den frühen 1990er Jahren verbreitete sich unter den politischen Aktivist_innen der Sinti und Roma allmählich die Einsicht, dass man in die nächste Generation investieren müsse. Es sollte versucht werden, die unterschiedlichen Probleme und Herausforderungen anzugehen, mit denen sich junge Sinti und Roma konfrontiert sehen. Parallel musste Nachwuchs für die zivile und politische Führung rekrutiert und ausgebildet werden. Auf dem vierten, von der International Romani Union organisierten Weltkongress der Sinti und Roma, der 1990 in Polen stattfand, forderte eine Gruppe jüngerer Roma-Aktivist_innen (sie waren damals Ende 30), eine sich gerade formierende Generation neuer Aktivist_innen anzuerkennen. Dazu gehörten Ágnes Daroczi, Andrzej Mirga und Rudko Kawczynski. Etwa zur gleichen Zeit stellten neu gegründete Roma-Verbände mehr und mehr gut ausgebildete junge Sinti und Roma ein. Einige dieser Organisationen, wie zum Beispiel die von Nicolae Gheorghe gegründete und geleitete Romani CRISS, entwickelten sich zu regelrechten Kaderschmieden für vielversprechende aufstrebende und zukünftige Führungspersönlichkeiten und Aktivist_innen.

Die sich gerade erst entwickelnde Roma-Bewegung steckte zu dieser Zeit selbst noch in den Kinderschuhen. Die Aktivist_innen, die sie aufbauten, lenkten das Interesse der internationalen Gemeinschaft auch auf die jungen Sinti und Roma. Beim 1994 bei der OSZE ins Leben gerufenen Contact Point for Roma and Sinti Issues (CPRSI) half das Project on Ethic Relations (PER) bei der Einrichtung eines Praktikumsprogramms für junge Sinti und Roma und finanzierte die ersten Praktikumsstellen. Zu den ersten Praktikant_innen zählten Nicolas Jimenez, Rumyan Russinov, Nicoleta Bitu und Angéla Kóczé.

Die 1995 gegründete Specialist Group on Roma / Gypsies (MG-S-ROM) des Europarats, die hauptsächlich mit Sinti und Roma besetzt war, stand dem Europarat mit Rat und Tat zur Seite und bestimmte dessen Agenda im Hinblick auf Sinti und Roma in den kommenden Jahren mit. Das MG-S-ROM wurde als Expertengremium zu einer Art Katalysator für die Anliegen von Sinti und Roma auch in anderen Bereichen des Europarats. Die ersten Arbeitspapiere der MG-S-ROM2 wurden im weiteren Verlauf als »Empfehlungen« an das Ministerkomitee angenommen. Dabei kamen ebenfalls Anliegen junger Sinti und Roma zur Sprache. Etwa zur gleichen Zeit begann das Direktorat für Jugend und Sport des Europarats, sich explizit mit jungen Sinti und Roma zu beschäftigen; ab den späten 1990er Jahren initiierte das Direktorat schließlich Aktivitäten, die sich direkt an junge Sinti und Roma richteten: Konferenzen, sogenannte »Learning Sessions« und Trainings. Die Roma-Jugend wurde zudem zentral mit der European Youth Campaign against Racism, Xenophobia and Anti-Semitism (1994–96) adressiert. Zu diesem Programm gehörte ein Einführungstraining für junge Sinti und Roma, das 1995 in der französischen Stadt Straßburg stattfand. Seitdem haben das Direktorat des Europarats sowie andere Abteilungen des Rats damit begonnen, sich auf Projekte und Veranstaltungen zu konzentrieren, die auf Jugendliche zugeschnitten sind, und diese auch finanziell zu ermöglichen. Nicht zuletzt wurde damit der zentrale Stellenwert einer jüngeren Generation betont. Eine der wichtigsten Veranstaltungen dieser Art war der First European Congress of the Gypsy Youth, der von der Spanish Romani Union und ihrem Präsidenten Juan de Dios Ramírez Heredia organisiert worden war, dem damals einzigen Rom im Europäischen Parlament. Dieser 1997 in der spanischen Stadt Barcelona abgehaltene Kongress, auf dem sich mehr als 300 Jugendliche aus ganz Europa trafen, half dabei, für mehr Unterstützung für derartige jugendorientierte Initiativen zu werben.

The Congress…, in Barcelona, brought together over 300 youth from across Europe and helped to galvanize support for other youth-oriented initiatives. (rom_10106)

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Im damals wichtigsten Entwicklungspapier, dem Aktionsplan der OSZE von 2003, kamen junge Sinti und Roma in den Bereichen Arbeit (Artikel 51) und besonders Ausbildung vor, wenngleich sie noch nicht als eigenständige Adressaten fungierten.3 Die EU förderte in den späten 1990er Jahren zwar eine Reihe von Projekten4, die sich an junge Sinti und Roma richteten, zu spezifisch zugeschnittenen Angeboten sollte es aber erst später kommen.

Im Jahr 2000 wurde auf Anregung von älteren Roma-Anführer_innen die Initiative Pakiv European Roma Fund gegründet. Pakiv (auf Romanes heißt das »Vertrauen« oder »Respekt«) wurde später zum Pakiv European Network, einem Netzwerk, das von der Weltbank, der Freudenberg Foundation und anderen gefördert wurde. Im Rahmen von Pakiv sollten 20 junge Sinti und Roma aus Bulgarien, Ungarn, Rumänien und der Slowakei5 für Führungsaufgaben trainiert werden, um konkret an lokalen Projekten für Arbeitsplätze und bessere Bezahlung mitzuwirken. Über die Jahre bildete Pakiv eine ganze Reihe junger Roma-Aktivist_innen aus. Allmählich entstand so ein eigenes Netzwerk.

2005 wurde die Decade of Roma Inclusion 2005–2015 auf den Weg gebracht. Eines der zentralen Anliegen dieses Programms war die Einrichtung des Roma Education Fund (REF), der es sich zum Ziel gesetzt hatte, daran zu arbeiten, die Kluft zu schließen, die junge Sinti und Roma in Sachen Bildung von Nicht-Rom_nja trennt. Mit seinem Stipendienprogramm trug der REF dazu bei, die Zahl der Sinti und Roma an den Universitäten zu erhöhen. Viele der heutigen jungen Aktivist_innen hatten einmal eines dieser REF-Stipendien.

Als eine weitere Initiative, die sich an junge Sinti und Roma wandte, ließe sich noch die DiploFoundation anführen, die es jungen Roma-Absolvent_innen in den Jahren 2005 bis 2006 ermöglichte, ein einjähriges Diplomatie-Programm zu absolvieren.6 Von den insgesamt 25 Teilnehmer_innen des Projekts, zu denen beispielsweise Gabriela Hrabanova, Valery Novoselsky und Ibrahim Ibrahimi gehörten, sollten viele später wichtige Positionen in der sogenannten Roma-Bewegung bekleiden.

All diese Initiativen versuchten, zukünftige politische Akteur_innen und Vertreter_innen für Sinti und Roma zu schulen. Es handelte sich dabei um ausgewählte junge Sinti und Roma, die im Großen und Ganzen aus gut integrierten Familien stammten und eine gute Ausbildung genossen hatten. Sie besaßen moderne Ziele und beherrschten verschiedene Fremdsprachen. Ihnen wurde nun die Gelegenheit gegeben, direkt an Prozessen politischer Meinungsbildung zu partizipieren. Jenseits dieses Kernanliegens – ebensolche Möglichkeiten bereitzustellen und einzelnen jungen Sinti und Roma eine derartige Ausbildung zuteil werden zu lassen – hatten diese Initiativen den Nebeneffekt, dass sie mit ihrem Fokus auf junge Sinti und Roma diese als eigenständige Gruppe sichtbar machten.

Über die Jahre entwickelte sich die Roma-Jugend so zu einer speziellen Zielgruppe, die besondere Aufmerksamkeit bedarf, um die Probleme und Herausforderungen anzugehen, mit denen sie sich konfrontiert sehen. Noch wichtiger aber ist, dass die Jugend als eigenständige Gruppe erkannt wurde, die dazu aufgefordert werden sollte, sich an der gesellschaftlichen und politischen Arbeit zu beteiligen. Denn auch wenn es verschiedene Fortbildungsprogramme, Praktika und Workshops gab, um junge Sinti und Roma zu adressieren, so wurden sie doch meist nur als Empfänger_innen von Zuwendungen angesehen, bestenfalls als Ausführende eines Projekts oder anderer Aktivitäten – aber nur sehr selten als gleichberechtigte Interessenvertreter_innen mit einem Mandat zum politischen Agenda-Setting.

One of most important events was the First European Congress of the Gypsy Youth, organised by the Spanish Romani Union in 1997, by its president, Juan de Dios Ramirez Heredia, at that time the only Roma Member of the European Parliament.

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Die Entstehung von Stimmen der Roma-Jugend

Die gewachsene Aufmerksamkeit gegenüber jungen Sinti und Roma wie auch die vermehrte Förderung jugendorientierter Initiativen sorgten dafür, dass junge Sinti und Roma aus Europa den Raum bekamen, sich gemeinsam zu treffen, ihre Erfahrungen austauschen und zusammen Ideen zu entwickeln. Im Laufe der Zeit entwickelten junge Sinti und Roma so ihre eigene artikulierte Stimme. Mehr und mehr forderten sie ihren Platz innerhalb der Strukturen der Roma-Bewegung. Sie setzten sich nun als gleichberechtigte und wichtige Interessenvertreter_innen an den Verhandlungstisch und repräsentierten dort den jüngeren Teil der Roma-Bevölkerung. Roma-Jugendorganisationen, besonders solche mit internationaler Reichweite und Agenda, spielten bei dieser Entwicklung eine entscheidende Rolle.

Agnieszka Południak | Roma Youth Movement - The Rationale | Non Fiction | Polen | 2017 - 2018-01 | rom_10182 Licensed by: Anna Mirga-Kruszelnicka| Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: RomArchive

Das Forum of European Roma Young People (FERYP)

Im Nachgang eines ersten Ausbildungskurses für junge Sinti und Roma, den der Europarat 1995 organisiert hatte, entstand die Idee für ein paneuropäisches Netzwerk, in dem sich junge Roma-Aktivist_innen zusammentun könnten. Schon 1996 begannen junge Sinti und Roma aus ganz Europa zunächst in Form eines informellen Netzwerks an der Gründung des Forum of European Roma Young People (FERYP) zu arbeiten. Dazu gehörten unter anderem Alexandra Raykova, Demetrio Gómez und Emilian Niculae (der spätere erste Präsident des Forums). 1997 bis 1998 fanden zwei erste Treffen der Koordinatoren des FERYP in Valencia und Straßburg statt. Seitdem hat das FERYP mit der Unterstützung des Europarates eine Reihe von Ausbildungskursen und Veranstaltungen organisiert.

unknown | Roma Youth participants during the training course in Strasbourg in 1998 | Fotografie | Frankreich | 1998 | rom_10127 Rights held by: Demetrio Gómez | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: Demetrio Gómez - Private Archive

Formal wurde das FERYP dann 2002 in Straßburg als European Roma Youth Association registriert. Das FERYP will informieren, junge Sinti und Roma bei der Ausbildung unterstützen und ihre Teilhabe fördern. Seit 2009 ist das FERYP im Jugendbeirat des Europarats vertreten und ist Mitglied des 2004 gegründeten European Roma and Traveller Forum (ERTF).

Heute zählt das FERYP eine Wählerschaft von über 20 Roma-Jugend-NGOs und über 50 individuelle Mitglieder aus über 18 europäischen Ländern. Auch wenn viele FERYP-Mitglieder nicht per se als Jugendorganisationen einzustufen sind, so war das FERYP für Jahre doch die einzige sichtbare Einrichtung, die die Interessen junger Sinti und Roma symbolisch repräsentierte und sich für die Berücksichtigung der Perspektive der Jugend in allen möglichen Roma-Themen einsetzte.

Trotzdem gelang es dem FERYP allein nicht, einen Paradigmenwechsel im Umgang mit jungen Sinti und Roma durchzusetzen – einen Paradigmenwechsel im Hinblick auf die Wahrnehmung der Roma-Jugendorganisationen als gleichberechtigte Partner, die einen wertvollen Beitrag zu politischen Entscheidungen und Prozessen leisten können. Langsam aber sicher erreichte die Zahl der Roma-Jugendorganisationen und -Aktivist_innen allerdings eine kritische Masse – was dazu beitrug, die Rolle von jungen Sinti und Roma als kreativen Akteur_innen und politischen Interessenvertreter_innen zu bekräftigen.

Junge Sinti und Roma als aktive Akteure und Interessenvertreter

Agnieszka Południak | Roma Youth Networks | Non Fiction | Polen | 2017 - 2018-01 | rom_10186 Licensed by: Anna Mirga-Kruszelnicka| Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: RomArchive

ternYpe International Roma Youth Network

Nach und nach nahm die Entwicklung besonders seit 2010 dank des dynamischen Auftretens eines weiteren Akteurs an Fahrt auf: dem ternYpe International Roma Youth Network.

Die Idee zu ternYpe entstand während einer Reihe von Diskussionen zwischen jungen Sinti und Roma und Nicht-Rom_nja, die 2009 an einem Kontaktseminar in Berlin teilgenommen hatten, das von Roma Active Albania und Amaro Drom, zwei Roma-Jugendorganisationen, veranstaltet worden war. Es kamen dort 50 junge Führungskräfte aus 20 Roma-(Jugend-)Organisationen aus insgesamt 17 Ländern zusammen. Eine kleinere Gruppe von Leuten aus acht Ländern – darunter Karolina Mirga, Hamze Bytyci, Israel Ramírez, Adriatik Hasantari, Jonathan Mack, Julianna Orsós, Maryana Borisova, Graziano Halilovic – entdeckten dort einige Gemeinsamkeiten und entschieden sich dafür, ein längerfristiges Projekt anzugehen. 2010 schlossen sie sich als Gruppe zusammen, unterzeichneten eine Absichtserklärung und gründete ein informelles Netzwerk, das ternYpe - International Roma Youth Network.

Israel Ramírez | Empowerment & Mobilisation of Roma Youth | Non Fiction | Deutschland | 5. Mai 2009 - 10. Mai 2009 | rom_10028 Rights held by: Israel Ramírez | Licensed by: TernYpe — International Roma Youth Network I Licensed under CC-BY-NC-ND 4.0 International I Provided by: TernYpe — International Roma Youth Network

Die Unterzeichnung der Erklärung fand im April 2010 in Cordoba während des von ternYpe organisierten European Roma Youth Summit statt. Über 60 junge Roma-Aktivist_innen aus ganz Europa kamen dort zusammen. Zeit und Ort waren nicht zufällig gewählt – so fand in Cordoba doch zeitgleich der EU Roma Summit statt. Da die Jugendvertreter_innen nicht zum Summit eingeladen worden waren, beschlossen sie, sich anders Gehör zu verschaffen. Am Tag des Gipfels organisierten die jungen Sinti und Roma einen hochgradig wirkungsvollen Flash Mob direkt vor dem Eingang zum Veranstaltungsort. Alle hochrangigen Offiziellen mussten dort vorbei. TernYpe verwendete klare und eindeutige Statements (zum Beispiel »Ich sehe euch, könnt ihr mich sehen?«) und protestierte damit gegen den Ausschluss der Jugendvertreter_innen von der Veranstaltung. Die Aktion hatte eine sofortige Reaktion zur Folge, und schon am zweiten Tag wurde eine kleine TernYpe-Gruppe für ein kurzes Treffen mit Vertreter_innen des Gipfels eingeladen. Diese Einladung war eine symbolische Anerkennung der Roma-Jugendaktivist_innen als gleichberechtigte Interessenvertreter_innen und Dialogpartner_innen. Und sie markiert den Beginn einer paradigmatischen Bewegung hin zu jungen Sinti und Roma.

unknown | Roma and non-Roma youth, participants of the First European Roma Youth Summit | Photographie | Spanien | 8. April 2010 - 9. April 2010 | Rom_10038 Licensed by: TernYpe — International Roma Youth Network I Licensed under CC-BY-NC-ND 4.0 International I Provided by: ternYpe — International Roma Youth Network

Mit einer Reihe von Aktionen, Protesten und Statements forderte ternYpe immer wieder die Mitberücksichtigung der Roma-Jugend ein. Sie sind eben nicht nur Empfänger_innen von Zuwendungen, sondern gleichberechtigte Interessenvertreter_innen. Während der OSCE 2010 Review Conference forderte ternYpe in einem Statement beispielsweise »ein deutliches Zugeständnis der OSZE, ihrer Mitgliedsstaaten und anderer relevanter Teilnehmer zur Einrichtung eines Kommunikationskanals mit der Jugend und der Einrichtung eines Bereichs für die Jugend in ihren Programmen und Richtlinien. Diese Richtlinien sollen auf Basis eines gemeinsamen Dialogs zwischen Jugendlichen und den Entscheidungsträgern entwickelt werden.«

Roma-Jugendarbeit heute

Seit 2010 haben beide Jugendnetzwerke durch eine Reihe von Aktionen nicht nur erreicht, dass in den relevanten Policy Papers für Sinti und Roma gesonderte Elemente für junge Menschen enthalten sind. Sie haben aber darüber hinaus auch zur gestiegenen Wahrnehmung der Roma-Jugendarbeit und der Anliegen junger Sinti und Roma beigetragen. Heute gibt es eine Vielzahl von jugendorientierten Initiativen – mehr als je zuvor! Ihre Form verdanken sie der aktiven Beteiligung junger Roma-Aktivist_innen, ihren Organisationen und Netzwerken. Die Roma-Jugend ist nicht nur zu einer spezifischen politischen Kategorie in eigenem Recht geworden. Sie hat sich im Lauf der Zeit zudem vom einer passiven Zielgruppe zu einem aktiven Träger der Veränderung gemausert. Momentan sind Roma-Jugendorganisationen in weit größerem Ausmaß als jemals zuvor in (nationale und internationale) Policy-Prozesse involviert. Im Europarat7 haben Roma-Jugendteilnehmer_innen mitgeholfen, den 2011 ratifizierten Roma Youth Action Plan (RYAP) zu entwickeln. Im Nachgang der Straßburger Deklaration organisierte das Youth Department in enger Zusammenarbeit mit FERYP und ternYpe im September 2011 eine Roma-Jugendkonferenz, zu der 60 Roma-Führungskräfte eingeladen wurden. Auf der Konferenz wurden verschiedene thematische Felder behandelt, Prioritäten gesetzt und Aktivitäten diskutiert, die in die Jugendarbeit aufgenommen werden sollten. Nach dieser Konferenz wurde die Informal Contact Group on Roma Youth (ICG)8 am Europarat geschaffen.

Bei der OSZE wurde dem Potenzial und der Wichtigkeit junger Sinti und Roma ebenfalls mehr und mehr Beachtung geschenkt; seit 2013 wird Jugendlichen, Kindern und Frauen unter Sinti und Roma besondere Aufmerksamkeit zuteil. Entsprechend organisierte das OSZE-ODIHR im Dezember 2014 in enger Zusammenarbeit mit Roma-Jugendorganisationen eine internationale Konferenz in Belgrad mit dem Titel »Roma and Sinti Youth: Activism, Participation and Security«. Es bleibt anzumerken, dass die Konferenzdiskussionen auf der Grundlage von Forschungen und Untersuchungen junger Roma-Aktivist_innen und -Akademiker_innen stattfanden. Auf EU-Ebene widmen sich viele EU-geförderte Projekte Roma-Jugendorganisationen oder werden von diesen umgesetzt, besonders innerhalb des Rahmens von Youth in Action (2007–13) und dem aktuellen Programm Erasmus+ (2014–20) – und das, obwohl das EU Roma Framework die Roma-Jugend weder explizit erwähnt noch die jüngere Generation als spezielle Zielgruppe darstellt. Roma-Jugendorganisationen genießen inzwischen mehr Sichtbarkeit und haben direktere Teilhabe. So bot zum Beispiel die letzte, von Roma-Organisationen mitorganisierte EU Roma Week 2017 Raum für eine ganze Reihe von Diskussionen zur Lage der jüngeren Generation.

Die dynamische Entwicklung des Roma-Jugendaktivismus hat auch andere Teilnehmer_innen dazu veranlasst, jungen Sinti und Roma mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Die Open Society Foundation hält beispielsweise seit 2011 die Barvalipe Roma Pride Summer Camps ab.

Über die Jahre ist die RGRI stetig gewachsen und hat sich in Sachen Reichweite und Aktionen immer weiter ausgedehnt. Am 70. Jahrestag des 2. August, dem Tag der Liquidierung des »Zigeunerlagers« in Auschwitz, brachte ternYpe mehr als 1.000 junge Sinti und Roma wie auch Nicht-Rom_nja aus 25 Ländern zusammen – eine der bislang größten Gedenkveranstaltungen zum Roma-Holocaust überhaupt..

Auf lokalem Niveau versuchen mehr und mehr Initiativen, die Aufklärung über den Holocaust und den Gedanken an ihn zu fördern. Junge Roma-Aktivist_innen engagierten sich beispielsweise federführend im Free Lety Movement, das sich dafür einsetzte, dass eine Schweinefarm, die sich auf dem früheren Gelände des Roma-Holocaust im tschechischen Lety u Písku befand, geräumt wird.

Das Engagement junger Sinti und Roma für mehr Aufmerksamkeit für den Roma-Holocaust hat zu einigen vorzeigbaren Resultaten geführt. So hat das Europäische Parlament eine Resolution akzeptiert, die zur Anerkennung des 2. August als Gedenktag für den Roma-Holocaust aufruft. Junge Sinti und Roma waren darüber hinaus als Beitragende an Publikationen über den Roma-Holocaust beteiligt9.

Hauptanliegen der Roma-Jugendarbeit

Roma-Jugendaktivist_innen arbeiten aktiv an zahlreichen wichtigen Anliegen. Dennoch gibt es sowohl auf nationaler wie auf internationaler Ebene eine Reihe bestimmender und zentraler Themen.

Die Erinnerung an den Roma-Holocaust

Der Kampf um die Anerkennung des Roma-Holocaust bildete seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine der zentralen Anliegen und Triebkräfte für den Roma-Aktivismus. Auch für die heutige Roma-Jugend stellt der Holocaust ein wichtiges Element ihrer Identität dar. Roma-Jugendorganisationen haben dazu eine Reihe von Initiativen gestartet. Die Initiative »Dikh he na bister« (Schau hin und vergiss’ nicht), die The Roma Genocide Remembrance Initiative (RGRI) gestartet hat und die seit 2010 vom ternYpe International Roma Youth Network organisiert wird, ist ein solches Beispiel. Diese Initiative, die jedes Jahr in Krakau und in Auschwitz-Birkenau rund um den 2. August abgehalten wird, verfügt über ein zugkräftiges Narrativ, da es ihr nicht nur um darum geht, sich an die Geschehnisse der Vergangenheit zu erinnern, sondern – und das ist noch wichtiger – diese mit der Gegenwart zu verbinden und die Jugend dazu zu bringen, selbst aktiv zu werden.

  • ternYpe – International Roma Youth Network | Booklet of 2014 Roma Genocide Remembrance Initiative "Dikh h na bister!" | Druckerzeugnisse | Polen | 2014-07 | Rom_10009 Licensed by: TernYpe — International Roma Youth Network I Licensed under CC-BY-NC-ND 4.0 International I Provided by: ternYpe — International Roma Youth Network
  • Artur Čonka | Roma Holocaust surviviors during 2014 Roma Genocide Remembrance Initiative "Dikh he na bister" | Photographie | Polen | 2. August 2014 | Rom_10015 Rights held by: Artur Čonka | Licensed under: CC-BY-NC 4.0 International
  • Márton Neményi | Roma Holocaust surviviors during 2014 Roma Genocide Remembrance Initiative "Dikh he na bister" | Photographie | Polen | 2. August 2014 | Rom_10016 Rights held by: Márton Neményi I Licensed under CC-BY-NC-ND 4.0 International I Provided by TernYpe International Roma Youth Network

Antiziganismus und Menschenrechtserziehung

Europäische Sinti und Roma im Allgemeinen und junge Sinti und Roma im Speziellen haben mit diversen Spielarten eines manifesten Antiziganismus zu kämpfen, von Hate Speech und Hate Crimes bis zu institutionellen und strukturellen Mechanismen der Diskriminierung. Den negativen Effekten dieses Antiziganimus entgegenzuwirken, zählt von Anbeginn zu den Kernanliegen von Jugendinitiativen. Mit Trainings, Seminaren und Workshops möchten Roma-Jugendorganisationen andere Jugendliche (aus der Perspektive der Menschenrechte) über ihre Rechte aufklären und ihnen Strategien an die Hand geben, wie diese Rechte eingefordert und durchgesetzt werden können. Diese Aktivitäten zielen nicht selten auf die negativen Folgen von Diskriminierungserfahrungen – auf Phänomene wie Selbststigmatisierung, schwaches Selbstbewusstsein oder das Verstecken der eigenen Identität. Oftmals geht es dabei um die Vermittlung einer positiven Einstellung (einen Diskurs um ethnisches Selbstbewusstsein beispielsweise oder eine Bejahung der eigenen Identität) wie auch um die Vermittlung von Wissen darüber, was unternommen werden kann. Roma-Jugendorganisationen betreiben zudem aktiv Lobbyarbeit für die Anerkennung von Antiziganismus als einer speziellen, explizit gegen Sinti und Roma gerichteten Form des Rassismus.

So hat das Romano Centro beispielsweise mit Phiren Amenca die First International Roma Youth Conference über Antiziganismus organisiert (Wien, 2014). Im Rahmen des RYAP des Europarats wurde zudem in enger Partnerschaft mit Roma-Jugendorganisationen10 eine Reihe von Publikationen entwickelt, wie beispielsweise das ebenfalls von Phiren Amenca herausgegebene »The European Boogie Man Complex: Challenging Antigypsyism through Non-Formal Education«.

Partizipation von Jugendlichen und Community-Organisation

Mehr und mehr konzentrieren sich junge Sinti und Roma heute auf die Teilhabe an Communities und auf den Aufbau der Community an der Basis. Mit unterschiedlichen Aktionen versuchen Jugendorganisationen lokale Communities zu beleben und transnationale Bewegungen wieder auf ihre Wurzeln zurückzuführen. Ziel ist es, mehr Strategien für die Teilhabe von jungen Sinti und Roma im politischen Prozess auf allen Ebenen zu entwickeln. So argumentiert ternYpe in einem Strategiepapier aus dem Jahr 2011 etwa wie folgt:

»Als internationales Netzwerk haben wir gelernt, uns nicht nur auf Projektmanagement auf internationaler Ebene zu konzentrieren, sondern zu versuchen, unsere Anstrengungen auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene zu verstärken. Teilnehmer_innen am internationalen Austausch und an Trainingskursen kehren oft mit fantastischen Anregungen nach Hause zurück, aber solange es keine Strukturen wie ein Jugendnetzwerk oder Möglichkeiten zur Selbstorganisation gibt, finden sie dort oft nicht die Möglichkeiten vor, sich zu engagieren oder Verantwortung zu übernehmen.«

Auf lokaler Ebene streben Roma-Jugendorganisationen deshalb nach stärkerer Teilhabe an den Communities. So hat sich beispielweise die Organisation Romano Avazi in Mazedonien das Ziel gesetzt, bestimmte Wahlkreise zu mobilisieren und die Teilhabe an den Communitys zu verstärken.

Phiren Amenca annual report 2015 | Books | Budapest | 2016 | rom_10131 Licensed under: Open Access I Provided by: Phiren Amenca

Die Roma-Jugendbewegung auf lokalem und internationalem Niveau

Junge Sinti und Roma haben dafür gesorgt, dass es in der Roma-Bewegung eine »Jugend-Identität« gibt, um die herum sie sich und ihre Mitstreiter_innen organisieren können. Parallel überschreiten junge Sinti und Roma immer weiter Grenzen – sie überbrücken verschiedene Bewegungen und etablieren solidarische Beziehungen zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Kämpfen. Wie intersektional ihre Identitäten und ihr Aktivismus organisiert sind, zeigt sich, wenn man die individuellen Biografien der Jugendaktivist_innen und konkrete Initiativen betrachtet. Junge Sinti und Roma engagieren sich ebenso zentral in der sich bildenden Roma-LGBTIQ-Bewegung, sie tragen zu Frauenbewegung und feministischen Anliegen bei, sie schmieden Allianzen mit anderen Jugendlichen (zum Beispiel »Europe of Diasporas«11), sind ein Teil der lebendigen zeitgenössischen Roma-Kunstszene oder forcieren die Entwicklung von Critical Romani Studies zu einem eigenständigen akademischen Fach. Sie schließen sich auch mehr und mehr einer allgemeinen Jugendbewegung an, indem sie sich etwa in Jugendräten engagieren.

Die Jugendorganisationen stärken Partizipation auch durch Werbung für mehr Freiwilligenarbeit und die Zusammenarbeit von Sinti und Roma mit Nicht-Rom_nja. Das Netzwerk Phiren Amenca ist ein gutes Beispiel für derartige Anstrengungen. Unter Verwendung von verfügbaren Mitteln des European Voluntary Service (EVS) organisiert Phiren Amenca hauptsächlich in Roma-Organisationen Möglichkeiten zur Freiwilligenarbeit für junge Sinti und Roma und Nicht-Rom_nja. Auf diese Weise binden sie die Interessen junger Sinti und Roma an die allgemeinen Anliegen einer jüngeren Generation und der Jugendbewegung an sich zurück. Mit diversen Partnern zusammen organisiert Phiren Amenca auch »So Keres, Europa?!«, das Roma Youth Social Forum 2017.

Auf lokaler Ebene streben Roma-Jugendorganisationen deshalb nach stärkerer Teilhabe an den Communities. So hat sich beispielweise die Organisation Romano Avazi in Mazedonien das Ziel gesetzt, bestimmte Wahlkreise zu mobilisieren und die Teilhabe an den Communitys zu verstärken.

Agnieszka Południak | Roma Youth Activism: Perspectives for the Future | Non Fiction | Polen | 2017 - 2018-01 | rom_10185 Licensed by: Anna Mirga-Kruszelnicka| Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: RomArchive