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Paola Toninato

Roma-Literatur in England und Australien: ein Überblick

Die Anwesenheit von Rom_nja auf den Britischen Inseln ist seit Anfang des 16. Jahrhunderts bezeugt (Fraser 1992). Von hier aus emigrierten Roma-Gruppen später nach Nordamerika oder Australien und wurden Teil der weltweiten Roma-Diaspora. Heute gibt es in Großbritannien mehrere unterschiedliche ethnische Minderheitengruppen, die den »Travellers« oder »Rom_nja« zuzurechnen sind: English Romanichals, Welsh Kale, Scottish Travellers und Irish Travellers – hinzu kommt eine vergleichsweise geringe Zahl von Rom_nja, die erst in jüngster Zeit aus Mittel- und Osteuropa eingewandert sind. Einige der Gruppen sprechen ihre eigene Form des Romanes, doch die meisten benutzen das sogenannte Anglo-Romani (Matras 2010).

Roma-Literatur in Großbritannien

Von alters her besitzen die Rom_nja und Travellers eine reiche mündliche Tradition (Groome 1899, Sampson 1930, Briggs 1970). Eine Zunahme der schriftlichen Roma-Literatur ist in Großbritannien erst seit einiger Zeit zu beobachten und umfasst verschiedene Genres: Memoiren, Transkriptionen mündlich überlieferter Erzählungen, autobiografische Romane, Kurzgeschichten und Gedichtbände.

In den letzten Jahrzehnten erschienen mehrere Autobiografien und Memoiren von englischen und walisischen Rom_nja, aber auch von schottischen und irischen Travellers wie zum Beispiel Sylvester Gordon Boswell (1970), Nan Joyce (1985), Nan Donohoe (1986), Betsy Whyte (1992, 2004), Jess Smith (2002), Maggie Smith-Bendell (2009) und vielen anderen.

Zu den Roma-Dichter_innen und -Autor_innen Großbritanniens gehören Ray Smith mit seinem Gedichtband »One Hand Clapping« (›Einhand-Klatschen‹, 1995), aber auch der Dichter und Bürgerrechtsaktivist Eli Frankham (1928–2000, siehe auch Sieben Jahrzehnte Roma-Bürgerrechtsbewegung in Großbritannien) sowie Josie Townley, Lucy Ann Adams, Tom Odley und Hester Hedges.

Kathleen Cunningham (1939–2008) veröffentlichte zwei Gedichtbände: »A Moving Way of Life« (›Eine mobile Lebensweise‹, 1997) und »Jel Akai Chavvies« (›Kommt her, Kinder‹, 2004) sowie die Geschichte ihrer eigenen Familie unter dem Titel »The Great Romany Showman« (›Der große Roma-Entertainer‹, 2007).

Charlie Smith (1956–2005, siehe ebenfalls Roma-Bürgerrechtsbewegung in Großbritannien) war ein Roma-Autor, Politiker und Aktivist und wurde in Rochford, Essex geboren. Sein Werk erfuhr internationale Beachtung – er war ein Mitglied der International Romani Writers Association (IRWA).

Seine schriftstellerische Tätigkeit begann in den frühen 1980er Jahren, die ersten Gedichte veröffentlichte er 1986 in der Anthologie »Gavvered All Around« (wörtlich ›Rundum verpolizeit‹). Es folgten zwei Gedichtbände: »The Spirit of the Flame« (›Der Geist der Flamme‹, 1990) und »Not all Waggons and Lanes« (›Nicht alle Wagen und Wege‹, 1995). Smith war ein führender Roma-Aktivist, außerdem Mitglied und schließlich Vorsitzender des National Gypsy Education Council, einer Organisation, die sich für verbesserte Schulbedingungen für Roma-Kinder in England einsetzt. 2004 trat er als erster Rom der Commission for Racial Equality (CRE) bei.

Damian James Le Bas, der Sohn des bekannten britischen Künstlerehepaars Damian und Delaine Le Bas, beendete seine Studien an der Oxford University 2006. Er ist Dramatiker, Filmemacher und Herausgeber der »Traveller’s Times«. Er veröffentlichte wissenschaftliche Aufsätze und gab 2010 zusammen mit Thomas Acton »All Change: Romany Studies through Romani Eyes« (wörtlich ›Bitte alle umsteigen: Roma-Studien aus der Perspektive der Rom_nja‹) heraus.

Louise Doughty besitzt Roma-Vorfahren und verfasste 2003 das Buch »Fires in the Dark« (›Feuer im Dunkeln‹), einen historischen Roman über die Verfolgung der Rom_nja durch die Nazis in der ehemaligen Tschechoslowakei, der international Aufmerksamkeit erregt hat. Diesem Werk folgten 2006 »Stone Cradle« (›Wiege aus Stein‹), 2010 »Whatever You Love« (›Egal, was du liebst‹), 2013 der Bestseller »Apple Tree Yard« (›Apfelbaumgarten‹), der mit Emma Watson in der Titelrolle von der BBC verfilmt wurde, und 2016 »Black Water« (›Schwarzes Wasser‹).

David Morley, ein Dichter, Literaturkritiker und Literaturwissenschaftler, ist Professor für kreatives Schreiben an der University of Warwick. Er veröffentlichte mehrere Gedichtbände, unter anderem »Clearing a Name« (›Namenslöschung‹, 1998), »Enchantment« (›Verzauberung‹, 2010), »The Gypsy and the poet« (›Der Zigeuner und der Poet‹, 2013), »The Invisible Gift: Selected Poems« (›Das unsichtbare Geschenk: Ausgewählte Gedichte‹, 2015), »The Death of Wisdom Smith, Prince of Gypsies« (›Der Tod von Wisdom Smith, Prinz der Zigeuner‹, 2016) und »The Magic of What’s There« (›Der Zauber dessen, was ist‹, 2017).

Roma-Literatur in Australien

Zu den bekanntesten Roma-Autor_innen Australiens gehören Jimmy Storey, Marie Olaussen, Lee Fuhler und Norman Talbot, dessen Lyrik auch in italienischer Übersetzung vorliegt.

Jimmy Storey wurde in England geboren. Er veröffentlichte zahlreiche Artikel und ist Autor der Gedichtsammlung »Over There« (›Dort drüben‹, 1983). Er schreibt mit seinen Gedichten gegen die »Zigeunermythen« und Stereotype über die Rom_nja an und möchte sie durch eine neue respektvolle Haltung ihnen und ihrer Kultur gegenüber ersetzen. Storey setzt sich für Rom_nja nicht nur literarisch ein, er war auch der erste Präsident der Romani Association of Australia (RAA), die 1990 als Unterorganisation der International Romani Union (IRU) gegründet wurde.