Bilderpolitik

Suche

Mihai Surdu

Fotografien sammeln, Zahlen erfassen, Rom_nja verdächtigen

»Die Kamera ist Teil eines größeren Ensembles: eines bürokratisch-kirchlich-statistischen ›Informations‹-Systems. Dieses System kann als eine anspruchsvolle Form des Archivs beschrieben werden. Das zentrale Artefakt dieses Systems ist nicht die Kamera, sondern der Aktenschrank.«

Sekula, 1986, 16

Wissenschaftler_innen und Aktivist_innen sind sich einig, dass die Bezeichnung »Roma« eine große Bandbreite sehr unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen abdeckt. Diese Gruppen haben kaum einen gemeinsamen Nenner: »Diese vorgestellte Gemeinschaft hat keine gemeinsame Sprache (nur eine kleine Minderheit spricht eine der Dutzenden meist wechselseitig unverständlicher Dialekte des Romanes), keine gemeinsame Kultur, Religion, Identität, Geschichte oder gar Ethnizität« (Kovats 2003).

Dennoch beruft sich der gegenwärtige Ansatz der Roma-Inklusion im Rahmen einer »Politik der Differenz« (Epstein 2007) auf eine fotografische Repräsentation eines Roma-Kollektivs. Fotografische Repräsentationen, die ein solches Kollektiv porträtieren sollen und von internationalen Organisationen in Strategiepapieren und Webseiten gezeigt werden, zeichnen ein übervereinfachtes, stigmatisierendes und manchmal rassifizierendes Bild, während sie zugleich Armut ethnisieren (Surdu 2016). Ich untersuche im Folgenden die Repräsentation durch Fotografie und Kategorisierung in Bevölkerungszählungen als zwei eigenständige und doch verwandte Praktiken, Rom_nja als eine Gruppe zu erfassen.

Eine Roma-Bevölkerung sichtbar zu machen, ist kein neues Projekt; diese Bevölkerung stand lange Zeit im Fokus von Fachleuten. Daher möchte ich hier über dieses Ziel, Rom_nja sichtbar zu machen, nachdenken – über dessen Techniken, Vorannahmen und Begründungen ebenso wie über dessen Verhältnis zu Fachpraktiken der Erzeugung von Bevölkerungen, wie den Zensus. Mein Argument lautet folgendermaßen: Da es keine zusammenhängende Gruppe von Rom_nja gibt und persönliche Identitäten fließend sind, kann eine Roma-Gruppe als Ganzes nicht angemessen fotografisch repräsentiert werden. Nichtsdestotrotz wurden in der Vergangenheit fotografische Sammlungen erstellt mit dem Ziel, »Zigeuner« (und später Roma – oder im deutschen Kontext Sinti und Roma) als Gruppe abzubilden.

Rom_nja wurden zudem in Zensus gezählt, die in ihren modernen Anfängen als »treue« Repräsentationen des »Volkskörpers« galten. Ich argumentiere, dass trotz der irreduziblen Vielfalt dieser als Gruppe zusammengefassten Menschen eine gängige rassifizierte Vorstellung von Rom_nja, die in den Fotografien wie im Datenmaterial eingebettet ist, die Fotografie mit den Bevölkerungszählungen verknüpft: Beide fungieren als Werkzeuge zur Herstellung von »Zigeunern«/»Roma« als Gruppe.

Ich möchte anhand einiger Beispiele zeigen, dass »Roma-Fotografie« ebenso wie »Roma-Zahlen« auf polizeilichen Methoden der Identifizierung beruhen und beide mit einem Expertise-Blick einhergehen, der eine kollektive Vorstellung prägt und von ihr geprägt ist. Gemeinsames »punctum« (Barthes 1967/1964) in der Vision dieser Fotografie und Zensus ist »Rasse« – zu verstehen als »relationales Objekt«, das durch wissenschaftliche Praktiken hergestellt wird und »jenseits von Fakt und Fiktion« verortet ist (M’Charek 2013).

Fotografie begleitete die Physische Anthropologie seit den Anfängen beider Felder in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Denn sie wurde für das ideale Werkzeug gehalten, Rassifizierung zu »erfassen« und in trennbare, messbare, erkennbare und unveränderliche Typisierungen zu bringen. So wurde die Fotografie als Werkzeug der rassistischen Klassifikation genutzt, die auf anthropometrischen Messungen von Körperteilen und Hautfarben sowie kontextuellen Schlussfolgerungen nach Kleidung, berufsanzeigenden Gegenständen, Wohnsituationen und anderen Lebensaspekten beruhte.

Beispielsweise enthielt die fotografische Sammlung des Schwedischen Instituts für Rassenbiologie (SIRB) ein Album über »Zigeuner und ihre Nachkommen« als Teil eines großen (12.000 Fotografien), langfristigen, rassentaxonomischen Projekts, das drei Hauptrassen aufteilte (»nordisch«, »ostbaltisch« und »lappländisch«) und »Juden«, »Wallonen«, »Zigeuner« und »Mischlinge« als mindere Rassen enthielt (Kjellman 2014). Bildliche Methoden, die in anthropometrischen und gesellschaftsdokumentierenden Traditionen erprobt waren, wurden in diesem eugenischen Fotografieprojekt des SIRB zusammengeführt, das Kjellman (2014) zufolge bis in die späten 1950er Jahre fortgesetzt wurde. Es bestand die Überzeugung, das Fotografien eine unvermittelte Wirklichkeit lesbar machten, da Fotografie als nicht-intervenierende Technik jenseits von menschlicher Manipulation par excellence erachtet wurde (Barthes, 1967/1964; Sontag, 1978/1973).

Indes begannen wissenschaftliche Kulturen zur Jahrhundertwende, die visuellen Strategien zu vervielfältigen und der Gruppierung von Menschen in rassifizierte Gruppen Glaubwürdigkeit zu verleihen. Physische Anthropologen und Humangenetiker errichteten ihre visuellen Überzeugungsstrategien der Darstellung menschlicher Vielfalt, indem sie abstraktere Veranschaulichungen »Karten, Tabellen, Zeichnungen, Diagramme, Familien- und phylogenetische Stammbäume« hinzufügten – manchmal zusätzlich zu Fotografien (Lipphardt 2015). Dennoch wird Fotografie offenbar weiterhin als Werkzeug der mechanischen Objektivität betrachtet, obwohl Auswahl, Arrangement, Aufnahme, Zusammenstellung und Interpretation rassifizierter fotografischer Profile eine geschulte visuelle Vorstellung erfordern.

Auch das weitere Projekt der ethnisierten Gruppierung, das vom Zensus durchgeführt wurde und sich auf Zahlen beruft, um Bevölkerungsgruppen sichtbar zu machen, erforderte eine Reihe von spezifischen Tätigkeiten, bevor es »objektive« ethnische Daten lieferte: die Gezählten mussten überzeugt werden und Zählungsanleitungen, Listen von Ethnizitäten mitsamt Kodes und Erfassungsvorschriften sowie Kategorien der Kodierung und Nachkodierung verfasst werden.1

Era Trammer | Politics of Photography | Non Fiction | Österreich, Deutschland | 2018 | pho_00054 Rights held by: André Raatzsch — Erika Trammer | Licensed by: André Raatzsch — Erika Trammer | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: RomArchive The images cited in the film were kindly provided by: György Buzás Jánonsé Buzás József Buzás Sándor Buzás Palkó Lászlóné Mária Raatzsch Jürgen Raatzsch György Stalter Jánosné Turkacs Rozália Treiber Chad Evans Wyatt Burt Glinn – Agentur Focus / Magnum Photos Josef Koudelka – Agentur Focus / Magnum Photos Hungarian Film Office - Magyar Film Iroda Museum of Ethnography – Budapest Fortepan – Online Photo Archive Florian Schuh – Picture Alliance Rhein Neckar Zeitung

Trotz der Unmöglichkeit, Rom_nja fotografisch als Gruppe abzubilden (das gilt übrigens auch für irgendeine andere Bezeichnung eines gesellschaftlichen Kollektivs), sind visuelle Repräsentationen eines Roma-Kollektivs historisch präsent und real. Das zeigt sich in fotografischen Sammlungen über »Roma« oder »Zigeuner«, die aus unterschiedlichen Gründen erstellt wurden und verschiedene Arten von Expertise anwenden: u.a. kriminologisch, eugenisch, rassenanthropologisch, ethnografisch, medizinisch, journalistisch oder kommerziell.

Da Fotograf_innen, die Rom_nja als Gruppe abbilden wollten, über so viele Fachbereiche mit verschiedenen Logiken und Praktiken verstreut sind, beabsichtige ich in diesem Text nicht, tiefer auf die jeweilige Fotografie in diesen Bereichen einzugehen. Anhand von Beispielen aus der physischen Anthropologie, der forensischen Fotografie und den Zensus, problematisiere ich vielmehr bereits die rassifizierte Vorstellung der Gruppierbarkeit von Rom_nja.

Ich versuche, folgende Fragen zu beantworten: Welche Vorstellungen wurden und werden in der Zusammenstellung eines Roma-Kollektivs durch Fotografie inszeniert und in Kraft gesetzt? Im Rahmen welcher epistemischen Vorannahmen und Bedingungen der Möglichkeit entstehen fotografische Sammlungen über Rom_nja? Welche Rolle spielt der geschulte Blick für den Anschein der Objektivität von »Roma-Fotografie«? Welche Auswirkungen hat diese Fotografie?

Die Verdächtigung von Rom_nja durch Fotografie und Zensus

Polizeiliche Methoden der Identifizierung, wie sie Sacks (1972) beschreibt, beruhen darauf, von »verdächtigen Personen« auf mögliche Straftaten zu schließen. »Bevölkerungsgruppen« mit »verdächtigem Erscheinungsbild« werden von der Polizei erzeugt, indem aus deren sichtbaren Merkmalen ihr »moralischer Charakter« gefolgert wird. Entsprechend dieser Grundlegung solcher »verdächtiger Bevölkerungsgruppen« kann die Aufgabe der Polizei als die Fähigkeit beschrieben werden, »Kandidaten für ihre Ermittlungen anhand von deren Erscheinungsbild einzugrenzen« (Sacks 1972). Auch heute noch werden »verdächtige Bevölkerungsgruppen« zum Ziel polizeilicher Ermittlungen: rassifizierte Minderheiten, einschließlich Rom_nja werden in Europa deutlich häufiger von der Polizei angehalten und ihre Identität geprüft als andere Menschen (FRA 2010).

In Teilen wurzelt die rassistische, polizeiliche Profilbildung von Rom_nja in historischen Fachpraktiken des Verobjektivierens und Quantifizierens von Menschen durch Fotografie und Zensus. Rom_nja wirkungsvoll zu einer verdächtigen Bevölkerungsgruppe zu machen, erfordert allerdings auch eine kollektive Vorstellung – nicht nur die polizeiliche Expertise. Wie Sekula anmerkt, galten Fotografien, die von der Polizei in Umlauf gebracht wurden, als wichtiges Mittel in der Eindämmung krimineller »Karrieren«, indem sie eine »breitere Bevölkerung in die wachsame Arbeit der Aufdeckung« hineinzogen (Sekula 1986, 9).

In der frühen Geschichte der Fotografie, wurden Fotografien von der Polizei in ihrer Identifizierungsarbeit aufgenommen und verwendet. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde Fotografie vom Staat genutzt, um eine wachsende Zahl nicht sesshaft lebender Menschen zu dokumentieren, sie zu überwachen und zu kontrollieren (Sontag 1978/1973). 1852-53 wurde in der Schweiz womöglich erstmalig Fotografie genutzt, um diese Menschen zu einer »verdächtigen Bevölkerungsgruppe« zu machen. Diese früheste verfügbare Sammlung von Polizeifotografie, die 220 Porträts enthält, befindet sich in Obhut des Schweizer Bundesarchivs.

Fotografie wurde in diesem Kontext genutzt, um die Identität von Menschen festzuhalten, die keine Schweizer Staatsangehörigkeit hatten. Die hier von der Polizei überwachte Bevölkerungsgruppe wurde später als Jenische anerkannt (Meyer und Wolfensberger, 1998) und wird von einigen Wissenschaftler_innen und Polizeifachleuten als Teil einer Roma-Übergruppe betrachtet. Einige der Fotografien in diesem frühesten Experiment der Justiz-Fotografie zur Feststellung und Untersuchung von »Landstreichern« als Gruppe (Jäger 2011) wurde mit Beschriftungen zu Berufen (z.B. Korbflechterin, Uhrenmacher) oder zu Gegenständen bestimmter Berufe (ein Korb im Arm einer fotografierten Frau) versehen. So wurden die Personen durch die Darstellung von Berufsfelder mit Gruppen verknüpft. Hier gilt es hervorzuheben, dass sich polizeiliche Vorstellungen von einem Roma-Kollektiv und einige akademische und behördliche Praktiken des Ordnens und Zählens von Menschen sehr ähneln (Surdu 2016).

Interview Mihai Surdu | Non Fiction | 2018 | pho_00281 Rights held by: André Raatzsch — Era Trammer | Licensed by: André Raatzsch — Era Trammer | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: RomArchive The images cited in the film were kindly provided by: Simone D. McCourte / World Bank Photo Collection

Wie mein nächstes Beispiel offenbart, bedarf es nicht unbedingt der Fotografie, um anhand von Erscheinungsbildern ein Kollektiv zu konstruieren; der geschulte Blick beim Durchführen des Zensus reicht aus. Im Königreich Ungarn führten 1893 Statistiker, Demographen und Ethnographen mithilfe der Polizei die erste gesonderte Erhebung zu »Zigeunern« durch. Sie beruhte auf einer rassifizierten Vorstellung von Gleichheit und Differenz, die von rassistischer Forschung geprägt war und wiederum zu ihr beitrug. Dieser Vorstellung entsprechend, wurde der Zensus unter Anwendung beobachtender Methoden durchgeführt, was bedeutete, dass Personen, denen Ähnlichkeiten mit dem »anthropologischen Charakter« der »Zigeuner« zugeschrieben wurden, als solche erfasst wurden.

Da die Durchführenden des Zensus keine Messschieber oder anderes anthropometrisches Werkzeug mit sich führten, waren wahrscheinlich das »Rassenmerkmal« einer dunkleren Hauttönung in Kombination mit »Nomadentum« ausreichende Indikatoren, um als »Zigeuner« gezählt zu werden. Obwohl der Zensus von 1893 durch eine lang anhaltende Sorge über deren Nomadentum begründet wurde, wurden über drei Prozent mehr Menschen vom Zensus als »Landstreicher« kategorisiert denn als »Zigeuner« (Johnson, 1998; Havas, 2002). Hatten zu jener Zeit doch verschiedene Menschen Berufe, die das Reisen erforderten, die jedoch nicht als fahrend oder als »Zigeuner« bezeichnet wurden. Das äußerliche Erscheinungsbild war somit ein ausschlaggebender Punkt für den Einschluss in dieser Zensus-Kategorie.

Polizeiliche Identifizierungspraktiken und Physische Anthropologie waren miteinander verknüpfte Projekte, die von der rassistischen Forschung des 19. Jahrhunderts geprägt waren, deren Ziel die Klassifizierung von Menschen nach körperlichen Merkmalen war. Wie Sekula (1986) argumentiert, bezieht die Polizeifotografie ihre Techniken und Vorannahmen historisch aus der Physiognomie und Phrenologie, die als Quellen auch zur Fotografie der Physischen Anthropologie beitrugen. Der Polizei »Fremde« waren die »Anderen« der Anthropologie: Sie wurden vom gleichen Expertenblick auf den Körper und vor allem auf das Gesicht studiert. Neben weiteren Körpermaßen wurde die Hautfarbe weitläufig als Indikator eines rassifizierten Typus gewertet, auch von den Anthropolog_innen, die Rom_nja studierten und fotografierten. Diese Anthropolog_innen fokussierten jedoch auch stark darauf, das »Nomadenleben« (z.B. Pferde, Zelte), Kleidung und andere Kontextdetails festzuhalten (wie z.B. der Schweizer Anthropologe Eugène Pittard, zeitweise Präsident der Gypsy Lore Society, der »fahrende Zigeuner« in Rumänien fotografierte).

Parallel zu den polizeilich geführten Zählungen (z.B. der französische nationale Zensus von »Nomaden, Bohmenien und Landstreichern« und der »Zigeunerzählung« in Bayern von 1905, die Fotografien aus Polizeiakten umfassten), waren die Sammlungen der Physischen Anthropologie Teil eines langfristigen wissenschaftlichen Projektes. Auf lange Sicht basierten die polizeilichen Zählungen auf dem Fachkonsens (der damals wie heute wissenschaftlich gestützt wurde), dass Rom_nja im regulären Zensus zu wenig gezählt würden und dass weder die Selbsterklärung noch die gesprochene Sprache verlässliche Indikatoren für die Aufzeichnung von »Zigeunern« bzw. »Roma« als Gruppe sind (Surdu und Kovats 2015; Surdu 2016). Entsprechend erachteten staatliche Behörden und Wissenschaftler_innen (und einige tun das noch immer) polizeiliche Identifizierungsmethoden als zuverlässiger (z.B. Inaugenscheinnahme; Gruppierung nach Beruf, sozio-ökonomischem Status, benachteiligtem Wohnort, etc.) und trugen so zur Konstruktion von Rom_nja als verdächtiger Bevölkerungsgruppe bei, die sich hinter falschen Identitäten versteckt.

Die praktische Umsetzung der Logik des Verdachts machte es möglich, die wahrscheinlich größte Sammlung polizeilich-anthropologischer Fotografien zusammenzustellen, um die Identität »mobiler Bevölkerungen« zu Zwecken der Überwachung festzusetzen. Gemeinsam mit anthropometrischen Messungen, die in ein abgekürztes Notationssystem konvertiert wurden, das Körpermaße in Textform übertrug, wurde das sogenannte Portrait parlé (gesprochenes Porträt) genutzt. Dieses war von Bertillon zur Identifizierung von »Gewohnheitsverbrechern« konzipiert worden und wurde bis zum Ende des 19. Jahrhunderts zu einer weit verbreiteten kriminalistischen Aufzeichnungstechnik für polizeiliche Register. Bertillons anthropometrisches System sollte – in Kombination mit einem zu Klassifizierungs- und Überwachungszwecken standardisierten polizeilichen Porträtfoto (Gesicht und Profil) – eigentlich die Typisierung des Verbrechers individualisieren und dekonstruieren (Sekula 1986). Doch trotz der beabsichtigten Individualisierung trug die Bertillonage zu einer Erweiterung der polizeilichen Praktiken der Profilbildung von »Verbrechertypen« bei (Hagins 2013). Zwei Jahrzehnte nach der Einführung der Bertillonage wurde die neue polizeiliche Identifizierungsmethode genutzt, um Personen und Familien, die Wandergewerben nachgingen, als Andere auszugrenzen, sie zu identifizieren und zu überwachen.

In Frankreich wurden 1912 als Teil der Kontrolle einer mobilen, »gefährlichen Klasse« Familienausweiskarten eingeführt. Diese carnet anthropométrique d'identité, nomades sollten eine kollektive Identität belegen (gens de voyage mussten in Frankreich bis vor Kurzem spezielle Ausweispapiere mit sich führen). Polizeifotografie war ein Symbol für die Gefährlichkeit fahrender Menschen, besonders jener ohne Staatsbürgerschaft, aber auch politischer Feinde, Anarchist_innen und Revolutionär_innen, verarmter Bauernfamilien oder Menschen aus dem Proletariat, die mit Gelegenheitsbeschäftigungen die Orte wechselten. Einige der Menschen, die nach diesem französischen Gesetz von 1912 per Ausweis als nomades gekennzeichnet wurden, wurden wenige Jahrzehnte später in Arbeitslager, andere ins nationalsozialistische Deutschland deportiert. In der Tschechoslowakei erhielten so klassifizierte »Zigeuner« 1927 ähnliche spezielle Ausweispapiere; auch von ihnen wurden viele auf der Grundlage ihrer rassistischen Klassifizierung zu Opfern der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik.

Hier anzuerkennen, dass polizeiliche Vorstellungen und Kategorisierungspraktiken für die historische Formierung einer Gruppe der »Zigeuner«2 wesentlich waren, bedeutet weder, die Bandbreite an Expertise und politischer Aufmerksamkeit zu leugnen, die Rom_nja derzeit in den Fokus nimmt, noch soll die jüngere Geschichte der Gegenwart auf Distanz gehalten werden.3

Mein letztes Beispiel bezieht sich auf eine jüngere Erhebung, den rumänischen Zensus von 2011, die eine Rekordzahl an Nicht-Antworten auf die optionale Frage der Ethnizität enthielt. Ich interpretiere diese Weigerung als Widerstand gegen die Kategorisierungspraktiken des Staates, eine Weigerung, so »zu sehen wie der Staat« (Scott 1998). Im Gegensatz zu meiner Lesart, machten einige Sozialwissenschaftler_innen in Rumänien (und ein Teil der öffentlichen Kommentierung im Internet) die Ergebnisse des Zensus zu einer Gelegenheit ethnischer Markierung: Sie meinten, die 1.200.000 Menschen, die die Fragen nach der Ethnizität nicht beantworteten, seien Rom_nja gewesen, die ihre »wahre« Identität zu verbergen versuchten. Somit behandelten sie diese als ethnisch verdächtige Gruppe. Diese Fachinterpretation, die von einem politischen Fachkonsens gestützt ist, dass Roma in Zensus massiv untergezählt seien, basiert auf einer rassifizierten Vorstellung von Ethnizität (Surdu und Kovats 2015): Sichtbare Merkmale, gesellschaftlicher Status und ein benachteiligter, segregierter Wohnort sind hier die ausschlaggebenden Punkte – ganz ähnlich wie bei der polizeilichen und anthropologischen Fotografie und den polizeilich geführten Zählungen.

Schlussbemerkungen

Ich erinnere mich an ein Gespräch über Rom_nja und Fotografie mit einem Freund. Mein Freund erzählte: »Wenn ich als Kind mit meinen Eltern durch die Familienfotoalben blätterte, dann sagten sie: ›Das da ist dein Großvater.‹ Und dann sprachen sie über sein Leben und seine Persönlichkeit. Ich erinnere mich an kein einziges Mal, dass sie gesagt hätten ›Das da ist dein Roma-Großvater.‹«

In Familienalben haben Fotos von Verwandten keine ethnischen Beschriftungen. Mein Freund und sein Großvater stehen in einer Beziehung zueinander, die von keiner Form der Eingruppierung vermittelt ist außer jener, zur gleichen Familie zu gehören.

Aktuelle Roma-Identitätspolitiken vertiefen jedoch gesellschaftliche Gräben, verfestigen rassifizierte Vorstellungen von Rom_nja als Gruppe und laufen ironischerweise Gefahr, durch Diskurse und Politiken Rassismus zu nähren, die eigentlich antirassistische Absichten verfolgen (Kovats 2003; Tunali 2011).

Phelan erkennt an, dass die Schaffung von Sichtbarkeit für marginalisierte ethnisierte oder rassifizierte Gruppen keine Spaltung des politischen Lagers in Progressive und Konservative bedeutet und erkennt zugleich Stärke in der Entmarkierung von Differenz: »Es liegt wahre Macht darin, unmarkiert zu bleiben; und es gibt ernsthafte Begrenzungen von visueller Repräsentation als politischem Ziel. Sichtbarkeit ist eine Falle [...]; sie ruft Überwachung und Gesetz herbei; sie provoziert Voyeurismus, Fetischismus, den kolonialistischen/imperialen Appetit nach Besitz. Dennoch bewahrt sie einen gewissen politischen Reiz« (Phelan 2005, 6).

Ich habe zu argumentieren versucht, dass fotografische Sammlungen zur Abbildung von Rom_nja sowie die Zusammenstellung ihrer »wahren« Zahlen von Beginn an durch einen Expertenblick geprägt waren, der in verschränkten disziplinarischen Projekten zur Herstellung von Bevölkerung Anwendung fand. Fotografien von Rom_nja – oft aus fotografischen Klischees zusammengetragen und von Zahlen ergänzt – stabilisieren Identitäten, die oberflächlich und mithin fiktiv sind, wenn auch ihre gesellschaftliche Formen und Folgen wirklich sind.