Voices of the victims

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Estland

Veronika Patočková

Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion wurde aus den eroberten baltischen Staaten Litauen, Lettland und Estland sowie Teilen Weißrusslands das »Reichskommissariats Ostland« gebildet. Im Juli 1941 übernahm Hinrich Lohse als Reichskommissar die deutsche Zivilverwaltung. Ihm unterstellt war der Generalkommissar für Estland, Karl-Siegmund Litzmann. Eine von diesem in Auftrag gegebene Statistik vom Dezember 1941 verzeichnete 743 estnische Roma – 399 lebten in Städten, die übrigen auf dem Land.

Politik der deutschen Besatzer

Die grundlegende Entscheidung, die Roma in Estland zu verfolgen und schließlich zu ermorden, ging von den deutschen Besatzern aus. Bei der Umsetzung dieser Politik war die Mitwirkung von estnischen Behörden aber nicht unbedeutend. Im Sommer 1941 verfolgten die deutschen Dienststellen in Estland allerdings noch keine systematische Vernichtungspolitik gegenüber den Roma, während sie zur gleichen Zeit die jüdische Gemeinschaft in Estland ausnahmslos ermordeten. Oft entsprachen die Terrormaßnahmen gegen die Roma in Estland daher lokaler Willkür. So ordnete der Präfekt der estnischen Sicherheitspolizei in Viljandi im September 1941 auf deutschen Befehl an, alle Roma in seinem Bezirk zu inhaftieren. Laut Zeugenaussagen wurden sie durch die Omakaitse – die estnische »Selbstschutz«-Organisation – erschossen. Ab September 1941 unterlagen estnische Roma polizeilicher Überwachung und wurden zur Zwangsarbeit herangezogen.

Registrierung aller Roma

Hinrich Lohse ordnete schließlich im Dezember 1941 an, »nicht sesshafte« Roma seien genauso »wie Juden zu behandeln« – also zu ermorden. Zur Begründung führte er die Übertragung von Krankheiten, generelle Unzuverlässigkeit, »Arbeitsscheu« und potentielle Spionagegefahr an. Allerdings grenzte er die Begriffe »sesshaft« und »fahrend« nicht deutlich voneinander ab, was erneut große Handlungsspielräume für die Besatzungstruppen und die örtliche estnische Polizei eröffnete. Die Zuordnung zu diesen beiden Kategorien erfolgte ausschließlich aus der rassistischen Perspektive der Verfolger. Auf Grundlage des Lohse-Erlasses begann im Januar und Februar 1942 eine groß angelegte Registrierung der Roma. Viele als »fahrend« bezeichnete Roma wurden im Rahmen einer »Zigeuneraktion« am 19. Februar 1942 verhaftet und in lokale estnische Gefängnisse verschleppt. Kinder und Jugendliche bis 17 Jahre wurden von den Familien getrennt und in Kinderheime beziehungsweise in das »Arbeits- und Erziehungslager« in Laitse eingewiesen. Im Frühling 1944 wurden Kinder und Jugendliche aus diesem Lager erschossen.

Von der Verhaftung bis zur systematischen Ermordung

Die Grundlage für die Ermordung eines Großteils der estnischen Roma bildete allerdings ein weiterer Erlass Lohses vom Juli 1942, laut dem nunmehr auch als »sesshaft« bezeichnete Roma ermordet werden sollten. Daraufhin wurden unter anderem im Konzentrationslager Harku insgesamt 243 Roma erschossen.

Im Januar und Februar 1943 wurden schließlich auf Befehl von Martin Sandberger Kommandeur der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes in Estland, während der einzigen systematischen landesweiten Aktion Roma verhaftet und ins Zentralgefängnis in Tallinn beziehungsweise in das »Arbeits- und Erziehungslager Reval« verschleppt. Deren genaue Anzahl ist nicht bekannt. Im März 1943 wurden einige nicht arbeitsfähige Roma, darunter zahlreiche Kleinkinder, in das Lager Jägala gebracht und im nahegelegenen Waldgebiet Kalevi-Liiva erschossen. Im Mai 1943 änderte Lohse in einem neuen Erlass seine Politik erneut – alle noch arbeitsfähigen Roma sollten interniert, jedoch nicht erschossen werden. Eine Rolle spielte dabei offensichtlich der Einsatz von Roma zur Zwangsarbeit. Dies ermöglichte es einigen Roma, bis zum Sommer 1944 zu überleben. Die verbleibenden estnischen Roma – zwischen 150 und 200 Menschen – wurden dann im Sommer 1944 ins Arbeitslager Murru im Landkreis Padise gebracht und offenbar kurz nach ihrer Ankunft erschossen. Bis zum Rückzug der Wehrmacht im Oktober 1944 überlebten 31 Roma in Tallinn und 15 in Laitse.

Fast vollständige Auslöschung der estnischen Roma

Die genaue Anzahl der Opfer ist wahrscheinlich nicht mehr festzustellen. Nach Schätzungen wurden 800 bis 1.000 Roma ermordet, nur fünf oder sechs Prozent der estnischen Roma haben überlebt. 2007 wurde in Kalevi-Liiva ein Denkmal für die ermordeten Roma eingeweiht. Dort wird die Opferzahl 2.000 genannt.