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Petra Gelbart

Gibt es so etwas wie Roma-Musik?

Sinti und Roma als Interpret_innen vermischen auf äußerst gekonnte Weise historisch eigenständige Genres, und zwar aus Gründen, die über das häufig erwähnte »Zigeunernomadentum« weit hinausgehen.

Die Zurna (eine Art Schalmei), gepaart mit einer großen Trommel genannt Davul oder Tapan, ist zentral für die Art der Musik, die nahezu ausschließlich von Roma gespielt wird.

Licensed by: Metropolitan Museum of Art – MMA | Licensed under: CC-0 1.0 Universal | Provided by: Metropolitan Museum of Art – MET (New York/USA) | Part of: The Crosby Brown Collection of Musical Instruments (1889) | Archived under: 89.4.395 More at: The Metropolitan Museum of Art & Terms and Conditions

Sofern wir nicht die zirkuläre Definition von »Musik, die von Sinti und Roma gespielt beziehungsweise ihnen zugeschrieben wird« heranziehen, gibt es aus musikwissenschaftlicher Sicht kein Genre, das die gesamte Musik der Sinti und Roma umfassen würde. Zu den höchst unterschiedlichen Stilen, die sie dargeboten, historisch ausgebildet und fortwährend neu geprägt haben, zählen Flamenco, Jazz Manouche, russische »Romanzen«, Balkanmusik (ganz zu schweigen von orientalischer Musik), ungarischer Csárdás sowie Verschmelzungen mit Jazz, Hip-Hop, abendländischer Kunstmusik und zahlreichen nationalen Folklore-Genres.

Es gibt keine »Zigeunertonleiter«, keine rhythmischen Muster, keine Harmonik, die alles verbinden würde, und oft haben diese Musikstile untereinander weniger gemein als mit der Musik einer bestimmten geografischen Region (man vergleiche zum Beispiel nur die Musik ungarischer Roma mit der Musik spanischer Gitanos).

Warum also finden Zuhörer_innen, Plattenläden wie auch Sinti und Roma den Ausdruck »Zigeunermusik« so unwiderstehlich? Eine Antwort liegt in der Art und Weise, auf die Sinti- beziehungsweise Roma-Musiker_innen dazu neigen, selbst diejenigen Stile zu transformieren, mit deren Ursprüngen sie wenig oder gar nichts zu tun hatten. Dies ähnelt vielleicht der Vorgehensweise, auf die afroamerikanische Künstler_innen bei der Entwicklung des Jazz mit europäischen Stilen gearbeitet haben. Virtuosität, rhythmisches Interesse, Tempowechsel, veränderte Tonstufen und eine komplexere Harmonik zählen zu den Elementen, die Sinti und Roma häufig an bestehende Musik herantragen.

Ebenso wichtig ist es, dass Sinti und Roma als Interpreter_innen auf äußerst gekonnte Weise historisch eigenständige Genres vermischen, und zwar aus Gründen, die über das häufig erwähnte »Zigeunernomadentum« weit hinausgehen. Ein roter Faden, der sich durch etliche Roma-Stile zieht und sich bis zum indischen Subkontinent zurückverfolgen lässt, findet sich in der Verwendung perkussiver Singsilben. In der Tat sind »oral bass« und »oral percussion« das Markenzeichen des Stils, der den Sinti und Roma am unstrittigsten zu eigen ist: ungarische Vlach-Roma-Musik (zum Beispiel Kali Yag).

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Eine andere Tradition, die einen Großteil der »Roma-Musik« verbindet, ist der Tanz; einige seiner Elemente lassen sich ebenfalls oft bis in Länder östlich von Europa zurückverfolgen. Selbst Roma-Gruppen, die (Unterschieden in Dialekten, Musik und Überzeugungen nach zu urteilen) jahrhundertelang nicht in Kontakt zueinander standen, entdecken zuweilen, dass sie bestimmte Tanzbewegungen und Liedtexte auf Romanes miteinander gemein haben.

Von zunehmender Bedeutung sind, zu guter Letzt, auch Künstler_innen, die »Pan-Roma«-Repertoires spielen, wobei sie gängige Stile sogenannter »Roma-Musik« auswählen, mischen und neu bearbeiten.