Klassische Musik

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Michael Beckerman und Petra Gelbart

Echos der Rom_nja in der Rezeption der Uhrovska-Sammlung

Die Uhrovska-Sammlung und ihre Interpretationen liefern ein vielschichtiges Beispiel dafür, wie Sinti und Roma und die von ihnen gespielte Musik ignoriert, karikiert, idealisiert und für unzählige kommerzielle oder psychologische Zwecke genutzt worden sind.

Eine Handschrift und eine Aufnahme

Das aus den 1730er-Jahren stammende Uhrovska-Manuskript wurde nach einer slowakischen Stadt benannt und enthält eine Reihe von Tanzstücken in der Notation für Violine. Es ist eine Melodiensammlung, die für Primasse – oder Leiter – von Ensembles in Ungarn, der Slowakei und darüber hinaus nützlich gewesen wäre. Debatten über die Urheberschaft oder den Einfluss von Roma an diesen Musikstücken stehen beispielhaft für die historiografische Herausforderung, das kreative Schaffen der Roma aus gängigen Vorstellungen vom »Zigeunertum« herauszulösen.

Diese Debatte wurde in der modernen Aufführungspraxis mit Aufnahmen wie »Telemann: The Baroque Gypsies« des Ensembles Caprice unter der Leitung von Matthias Maute reflektiert. Im Begleittext des Albums wird behauptet, die Uhrovska-Sammlung repräsentiere gewissermaßen die musikalische Praxis der »Zigeuner« beziehungsweise »gypsies« (in der englischen Textfassung wird »gypsies« in potenziell de-ethnisierender Weise kleingeschrieben).

Die Bilder, die man sich von dieser vermeintlichen Unabhängigkeit von der Obrigkeit gemacht hat haben fast immer mehr über die jeweiligen Nicht-Roma-Autor_innen verraten als über die von ihnen dargestellten Menschen.

Als Menschen sind Roma-Musiker_innen für Wissenschaftler_innen, Veranstalter_innen und sogar Zuhörer_innen im Lauf der Geschichte weitgehend unsichtbar geblieben. Ihre Musik ist gehört und nicht selten fälschlicherweise mit dem Etikett »von Zigeunern« oder »nicht von Zigeunern« versehen worden, doch ihre persönliche Identität und ihre kompositorische Arbeit sind von Außenstehenden häufiger imaginiert als tatsächlich wahrgenommen und verstanden worden.

Die Uhrovska-Sammlung und ihre Interpretationen liefern ein vielschichtiges Beispiel dafür, wie Sinti und Roma und die von ihnen gespielte Musik ignoriert, karikiert, idealisiert und für unzählige kommerzielle oder psychologische Zwecke genutzt worden sind.

Projektionen von Nicht-Roma Wünschen

Obwohl Sinti und Roma allein aufgrund ihrer Herkunft teilweise Opfer von staatlich sanktionierter Sklaverei, Sondersteuern oder der Todesstrafe wurden, sieht der Wissenschaftler James Scott in ihnen zu Recht eine der Gruppen, die sich mitunter der Autorität des Staates entzogen haben.

Die Bilder, die man sich von dieser vermeintlichen Unabhängigkeit von der Obrigkeit gemacht hat – in Bezug auf die Gesetze von Staat, Religion oder Kultur –, haben fast immer mehr über die jeweiligen Nicht-Roma-Autor_innen verraten als über die von ihnen dargestellten Menschen.

Das Ensemble Caprice präsentiert eine entfesselte Version von Barockmusik, inspiriert von dem, was man für Roma-Kultur halten könnte, auch wenn die derzeit nachweisbaren Roma-Elemente sich auf Aspekte wie den Bogenansatz und raue Saitenklangfarben beschränken, die ebenfalls nicht exklusiv den Sinti und Roma zuzuschreiben sind.

Das »Zigeunerklischee«: ein komplexes Reich aus überdrehter Fantasie, in denen Sinti und Roma zu Träger_innen für all das werden, was sich die umgebende Kultur zu intensivieren wünscht oder sich nicht eingestehen kann. Meist, aber nicht immer, hat dies zu tun mit Sexualität und widersinnigen Vorstellungen von Freiheit.

Dennoch, trotz der Bestimmtheit des Ensembles Caprice über das »Zigeunerhafte« der Uhrovska-Sammlung, fehlt in einem jüngeren ausführlichen Beitrag über die Sammlung jegliche Erwähnung der Roma. Stattdessen wird darüber spekuliert, ob die Handschrift die slowakische oder ungarische Kultur repräsentiere.

Verfolgen und jagen der Roma-Geister

Die einführenden Essays zum Faksimile geben auch nicht mehr Aufschluss über das Thema. Heißt das, der Einfluss der Roma auf die Uhrovska-Sammlung – oder ihr kompositorischer Anteil daran – ist reine Fantasie?

Um sich dieser Frage zu nähern, muss man verstehen, dass es vier grundlegende Aspekte gibt, unter denen sich Sinti und Roma in die Geschichte einfügen. Der erste lässt sich als eine Art Vakuum beschreiben. Da Sinti und Roma oft nicht schriftkundig waren (obwohl es Ausnahmen gab), sind nahezu all ihre tatsächlichen Äußerungen bis zum 20. Jahrhundert – abgesehen von Liedtexten – verlorengegangen. Was erhalten blieb, taucht fast ausschließlich in Dokumenten anderer auf und wurde somit von Außenstehenden festgehalten.

Die zweite Form ist die der Kontroverse: Ungar_innen, Slowak_innen, Russ_innen, Tschech_innen und Spanier_innen streiten darum, ob bestimmte Beiträge (von Zymbalstücken bis hin zu Flamenco) die Musiktradition der Roma repräsentierten oder ob sie Abbilder eines lokalen beziehungsweise nationalen Stils seien, die von Roma wiedergegeben und mitunter »verfälscht« würden.

Wir wissen nicht wirklich, welche Rolle Sinti und Roma in der Entwicklung der sogenannten »westlichen gängigen Musikpraxis« gespielt haben, doch die meisten, die sich eingehend mit der Materie beschäftigt haben, gehen von einer bedeutenden Verbindung aus.

Die dritte Form, das »Zigeunerklischee«, ist vielen vertraut: ein komplexes Reich aus überdrehter Fantasie, in denen Sinti und Roma zu Träger_innen für all das werden, was sich die umgebende Kultur zu intensivieren wünscht oder sich nicht eingestehen kann. Meist, aber nicht immer, hat dies zu tun mit Sexualität und widersinnigen Vorstellungen von Freiheit.

»Beobachten durch Wegschauen«

Hier zeigt sich eine Variante der typischen Beziehung zwischen dominanten und untergeordneten Gruppen, und als solche beinhaltet diese dritte Form paradoxerweise etwas, das man als »Beobachten durch Wegschauen« bezeichnen könnte. Das heißt, die Erfinder_innen des »Zigeunerklischees« wollen die Wahrheit über Sinti und Roma oder das, was »die dort« machen, im Grunde gar nicht wissen.

Schließlich gibt es noch eine vierte, unschöne Form, die sich in jüngster Zeit anhand von Zerrbildern wie der Fernsehserie »My Big Fat Gypsy Wedding« zeigt und verunglimpfende Darstellungen von Sinti und Roma beinhaltet.

Ob zum Guten oder Schlechten – wie jede_r Historiker_in weiß, ist Glaube ein unvermeidbarer Bestandteil der Geschichtsschreibung. Wir wissen nicht wirklich, welche Rolle Sinti und Roma in der Entwicklung der sogenannten »westlichen gängigen Musikpraxis« gespielt haben, doch die meisten, die sich eingehend mit der Materie beschäftigt haben, gehen von einer bedeutenden Verbindung aus. So stand eine Gruppe, die stets eine diskursive Peripherie bildete, tatsächlich zu bestimmten Zeiten und für bestimmte historische Figuren im Zentrum der Aufmerksamkeit. Die Uhrovska-Sammlung enthält einen eindeutigen Hinweis auf Rom_nja. Eine kurze Passage mit der Katalognummer 230 ist als »Czigany« (»Zigeuner«-...) gekennzeichnet.

Für Außenstehende ist es ein plumpes Stück – vielleicht so kurios, dass es vom Ensemble Caprice übersehen wurde. Es ist nicht klar, was die Kennzeichnung bedeutet – ob es ein Stück mit dem Titel »Der Roma-Tanz« ist oder ob es von der Person, die die Sammlung zusammenstellte, niedergeschrieben wurde, nachdem sie eine_n Roma-Musiker_in spielen hörte. Es ist schwierig, die Sinti und Roma im 18. Jahrhundert musikologisch zu verorten, doch ohne Zweifel haben sie schon damals den musikalischen Mainstream mitge

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