Tanz

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Rosamaria E. Kostic Cisneros

Indische Sammlung

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Kalbeliya Dance. Desert Dancer both arms up

unknown | Kalbeliya Dance. Desert Dancer both arms up | Photographie | Indien | 2015 | dan_00036 Licensed by: De Kulture Music | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 Interantional | Provided by: De Kulture Music (Rajasthan/India)

Rajasthan in Indien gilt als die alte, angestammte Heimat der Roma.1 2010 wurde der dortige Tanz Kalbeliya von der UNESCO in die Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. In den vergangenen drei Jahrzehnten wurde eine Reihe von Dokumentarfilmen produziert, in denen Darsteller_innen aus Rajasthan mitwirken, die, wie Ayla Joncheere und Iris Vandevelde argumentieren, die öffentliche Wahrnehmung der kulturellen Darstellung von »Zigeunern« stark prägen und eine Identitätspolitik der Einheit von »Zigeunern« artikulieren (Joncheere und Vandevelde, 2016). Der Film »Latcho Drom« (Frankreich, 1993) des Regisseurs Tony Gatlif wird von Michael Beckerman als eine Form des »Film-Gedichts« bezeichnet, dessen Thema die Musik ist und bei dem das Visuelle das musikalische Erlebnis aufwertet (Malvini 2004).

Latcho Drom | fil_00227_m1_i1 Rights held by: Tony Gatlif | Licensed by: KG Productions | Licensed under: Rights of Use | Provided by: KG Productions (Montreuil/France)

Während eine Reihe von Filmen in kleinerem und größerem Maßstab produziert wurden, die die kommunikative Essenz der Roma-Musik und ihre Beziehung zum Körper zeigen, haben wir uns dazu entschlossen, zwei kleinere Sammlungen zu kuratieren. Diese beiden Sammlungen kommen von unterschiedlichen Produktionsfirmen, der De Kulture mit Sitz in Indien und dem von Melitta Tchaicovsky geleitete Artnetwork Productions in den USA. Beide Firmen haben den Ruf, respektvoll mit der Roma-Community in Indien zusammenzuarbeiten und beschäftigen sich mit dem Kalbeliya-Tanz, den diversen nomadischen Communities und die von den Gruppen verwendeten Instrumente. Von De Kulture und Artnetwork Productions stellen Videos und Standbilder zur Verfügung.

De Kulture

Mohini Devi: Kalbeliya-Tanz

De Kulture Music möchte die authentische Musik Indiens durch die Entwicklung lokaler Praktiken des Musikmachens bewahren. De Kultur ist eine Künstleragentur, Plattenfirma und produziert zudem Festivals und vertritt Folk- und Sufi-Musiker_innen und indigene Künstler_innen in Indien. Zu diesen gehört die Gruppe Mohini Devi, die ein bekannter Vertreter des heutigen Kalbeliya-Tanzes sind. Das Ensemble setzt sich aus mehreren Musikern zusammen, die nicht formal ausgebildet wurden, sondern ab einem frühen Alter diese Musik von ihrem Guru Kalunath Kalbeliya gelernt haben. Die Gruppe Mohini Devi ist international bekannt geworden, und viele der Tänzerinnen sind international mit Kalbeliya-Tänzen aufgetreten und lehren den Tanz auch im Ausland. Die Gruppe führt zudem zahlreiche andere Tänze wie Bhavai, Chari, Ghummar oder Terah Taali auf, und ihre Aufführungen umfassen häufig auch Feuershows und akrobatische Darbietungen.

Die Kalbeliyas sind ein nomadische Gemeinschaft von Roma, beheimatet in den Regionen Barmer, Jodhpur, Ajmer und Jaipur in Rajasthan; traditionell sind sie Schlangenbeschwörer und handeln mit Schlangengift. Ihre Vorfahren faszinierten Mitglieder von königlichen Familien mit ihren Schlangendarbietungen, und dies führte in der Folge zu öffentlichen Shows auf Märkten und Basaren. Die Tanzform, die diese Schlangenbeschwörer im Laufe der Zeit entwickelt haben, ist eng mit ihrem Lebensstil und ihrer Geschichte verbunden, was die gewundenen, reptilischen Bewegungen, die sie charakterisieren, das Musikinstrument und die hypnotische Aufführung betrifft.

Die Been (auch als Pungi bekannt), ein indisches Holzblasinstrument, dessen Klang sowohl klagend als auch verführerisch sein kann, ist ein Synonym für Schlangenbeschwörung, und auf ihm wird die typische Musik gespielt, zu der die Tänzerin ihre Bewegungen vollführt. Das Been wird von den Rhythmen des Dhap oder Dafli – einem flachen, tellerartigen Schlaginstrument, das mit Fingern und Handflächen gespielt wird – begleitet.

Traditionell tragen die Tänzerinnen ein schwarzes Ensemble, bestehend aus einem knöchellangen, mit Filigran geschmückten schwarzen Rock, einem mittellangen Oberteil und einem Dupatta (einem breiten, fließenden Schal), der an ihren Köpfen festgesteckt ist. Schmuck aus winzigen mattierten Perlen und silbernen Gehängen setzt sich wunderschön von der schwarzen Kleidung ab. Mehrere Troddeln aus geflochtenen Fäden und buntem Stoff sind an Ellbogen, Taille und Rücken befestigt, und wenn die Tänzerin sich in einem fast unglaublichem Tempo immer wieder dreht, stehen die Troddeln horizontal von ihrem Körper ab und verleihen dem Tanz noch mehr Reiz und Dynamik. Sexuell aufgeladene und dennoch elegante Hüft- und Taillenschwünge sind für diesen Tanz typisch. Zahlreiche geradezu akrobatische Bewegungen, die die Beweglichkeit und Gewandtheit der Tänzerin betonen, werden ebenfalls eingesetzt. Die mystischen, eindringlich prägnanten Töne der Been bleiben auch nach dem Ende der Aufführung lange im Gedächtnis.

Die De Kulture-Sammlung umfasst fünfzehn Bilder und einen Film, der eine Live-Aufführung des Kalbeliya-Tanzes der Mohini Devis beim Brave Festival 2013 in Polen dokumentiert.

Artnetwork Productions

Artnetwork Productions konzentriert sich darauf, Videos zu produzieren und in Umlauf zu bringen, die das Verständnis und die Wertschätzung der Kunst, Kultur und Traditionen von Menschen auf der ganzen Welt fördern. Die Kunst öffnet die Tore zu den höheren Dimensionen des Bewusstseins und der Psyche der Menschheit. Artnetwork Productions betrachtet die Erde als ein Kunstwerk und möchte die Weltsicht artikulieren, die das Leben auf der Erde und den Kosmos als ein sich kontinuierlich entwickelndes kreatives Bewusstsein betrachtet. Artnetwork präsentiert die Arbeit der Filmemacherin und Fotografin Melitta Tchaicovsky und fördert die Veröffentlichung von Beny Tchaicovskys multimedialem Kunstbuch (externer Link), das von Last Gasp veröffentlicht wurde und in dem das künstlerische Vermächtnis dieses überaus produktiven Künstlers präsentiert wird.

Die Sammlung enthält acht kurze Auszüge aus längeren Filmen. Ein Ausschnitt aus »Jaisalmer Ayo! Gateway of the Gypsies« (Indien, 2004) erzählt vom Leben und den Reisen nomadischer Gemeinschaften, die, so glaubt man, eine gemeinsame Abstammungslinie mit den Sinti und Roma haben. Der Film zeigt die offenen Straßen der Wüste zu den temporären Lagern und folgt den Kasten der Bhopas (Geschichtenerzählern), Jogis (Schlangenbeschörern), Kalbeliyas (Tänzerinnen), Banjaras (Salzhändlern), Gadolya Lohars (Metallverarbeitern) und Manganiars (Musikern).

Die Sammlung enthält zudem noch weitere kürze Ausschnitte, in denen Angehörige der oben beschriebenen Kasten entweder singen oder ihre Blas- beziehungsweise Schlaginstrumente spielen. Der bemerkenswerte Soundtrack der Rajasthani-Musik verschmilzt mit den Bildern einer uralten Welt, während die Lebensart, die Tänze und Rituale der letzten Generation von noch in dieser Region lebenden Nomad_innen gezeigt werden.

Melitta Tchaicovsky | COBRA GYPSY: KALBELYAS THE GYPSIES FROM RAJASTHAN | Non Fiction | Indien | dan_00143 Rights held by: Melitta Tchaicovsky | Licensed by: Art Networks Production | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: Art Networks Production (Oakland/USA)

Synopse des Films »Jaisalmer Ayo! Gateway of the Gypsies«

»Jaisalmer Ayo! Gateway of the Gypsies« (Indien, 2004, Regie: Pepe Ozan und Melitta Tchaicovsky) ist ein wunderschöner und farbenfroher Film über eine verschwindende Nomadengemeinschaft in der Wüste Thar im indischen Rajasthan. Dieser Film vermittelt Einblicke in die Wurzeln der europäischen Roma und Sinti, unter Verwendung von sehr emotionaler rajasthanischer Musik.

Von den offenen Straßen der Wüste bis zu ihren temporären Lagern folgt die Kamera Schlangenbeschwörern, Geschichtenerzählern, Musikern, Metallverarbeitern, Salzhändlern und Tänzerinnen, die von Dorf zu Dorf reisen und irgendwie zu überleben versuchen. Aus dem Off werden minimale Erklärungen der Komplexität des hinduistischen Kastensystems und des Heiratens innerhalb des eigenen Stamms gegeben. Viele der im Film gezeigten Sitten und Traditionen haben eine gemeinsame Abstammungslinie mit europäischen Sinti und Roma2 und der Migration von Sinti und Roma aus Indien.

In dem Dokumentarfilm vorgestellte nomadische Gemeinschaften

Es gibt heute ungefähr siebzehn aktive nomadische Gemeinschaften in Rajasthan, und jede von ihnen gehört innerhalb des komplizierten und strengen Kastensystems einer eigenen Kaste an (Khotari 2003).

Sieben Monate reiste ich mit Melitta Tchaicovsky und Pepe Ozan (1939–2013) von den offenen Straßen der Wüste zu den temporären Lagern mit den Gemeinschaften, die vom Aussterben bedroht sind, wie die Gadolya Lohars (Schmiede), Jogis (Schlangenbeschörern), Kalbeliyas (Tänzerinnen), Banjaras (Händler_innen), Bhopas (Geschichtenerzähler_innen), Manganiars (Musiker) und Nats (Akrobaten), und wir zeichneten ihre Lebensweise, ihre Musik, ihren Tanz, ihre Hochzeiten und ihre Rituale auf.

Kalbeliyas und Jogis

Die traditionelle Arbeit von Mitgliedern der Kaste der Kalbeliyas ist es, Schlangen zu fangen und sie dressieren, zum Klang der Pungi zu tanzen, weshalb sie auch sapera heißen – Schlangenbeschwörer. Heutzutage besteht diese charismatische Kaste hauptsächlich aus Tänzer_innen, Musiker_innen und Sänger_innen.

Die Kalbeliyas betrachten sich als Nachkommen von Guru Kanipath und Guru Gorakhnath, dem Nachkommen des Gottes Shiva. Sie praktizieren immer noch arrangierte Kinderehen. Die Frauen komponieren die Lieder der Kaste und gelten als die besten Tänzerinnen der Wüste. Sie tragen traditionelle schwarze Kleidung (Kale), und ihre Tanzbewegungen erinnern an die Bewegungen von Schlangen.

Gadolya Lohars

Die Gadolya Lohars sind umherfahrende Schmiede, die keine festen Behausungen haben. Sie stellen Werkzeuge und Utensilien aus Eisen her und reisen in Wagen von einem Dorf zum nächsten. Ihr Name leitet sich aus gadya, den ausgefeilten Ochsenkarren, und lohars für Schmiede ab.

Banjaras

Die Banjaras sind eine verbreitete nomadische Gemeinschaft von Händler_innen. In Rajasthan ist ihr Hauptgeschäft der Verkauf von Salz, aber sie handeln auch mit anderen Produkten. Die Frauen tragen wunderschön geschmückte Kleidung und Schmuck.

Bhopas

Die Bhopas, farbenfrohe Geschichtenerzähler und Musiker, ziehen durch die Wüste und erzählen Heldengeschichten aus der Zeit der Mogule (von Paburathore, Prinz Pabuji und anderen). Die Aufführungen vor den Dorfbewohner_innen finden vor einer gemalten Kulisse statt, die als ein Leitfaden für die Geschichte eingesetzt wird. Sie singen auch Balladen und rezitieren Gedichte und reisen dafür von Dorf zu Dorf.

Langas/Manganiars

Die Langas/Manganiars, die sich als die Nachfahr_innen der Rajputen betrachten, sind dafür bekannt, dass sie die schönste Musik in der Wüste machen. Ihre Lieder werden von Generation zu Generation weitergegeben, was sie gewissermaßen zu den Hüter_innen der Geschichte der Wüste macht. Sie singen Lieder über Alexander den Großen, über Geschichten der Maharadschas und über Schlachten, die in der Gegend stattgefunden haben.

Manganiars leben seit Jahrhunderten von Mäzenatentum und Unterstützung durch wohlhabende Händler in Wohnwagenstädten, insbesondere in Jaisalmer, wo sich heute eine wichtige sesshafte Gemeinschaft befindet. Bei Geburten, Hochzeiten oder anderen Familienfesten sind die Manganiars-Musiker dabei, um mit Liedern über die Wüste und vielen speziell komponierten Liedern, die den Mäzen und seine Familie loben, für die richtige Stimmung zu sorgen.