Online-Ausstellung »Rewriting the Protocols: Naming, Renaming, and Profiling«

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Suzana Milevska

Rewriting the Protocols: Naming, Renaming, and Profiling

Zusammenfassung/kurze Beschreibung

Das Konzept des Projekts »Rewriting the Protocols: Naming, Renaming, and Profiling« (›Neuschreiben der Protokolle: Benennen, Umbenennen und Profilerstellung‹, 2017) antwortet auf die dringende Notwendigkeit von Kritik und Veränderung der langen Geschichte ethnischen »Profilings« und der Stereotypisierung von Sinti und Roma auf Grundlage diverser gesetzlicher und kultureller Verfahren, Regeln und Dokumente. Diese politischen und sozialen Phänomene sind leider nach wie vor am Werk. Und sie tragen dazu bei, neue Konventionen zu etablieren, auf deren Grundlage Sinti und Roma – Einzelne wie ganze Gruppen – abgestempelt und diskriminiert werden, und zwar über stereotype ethnische Darstellungen, herabsetzende Bezeichnungen und erzwungene Gemeinsamkeiten.

Die ausgewählten Künstler_innen (Sead Kazanxhiu, Nihad Nino Pušija, RJSaK, Selma Selman und Alfred Ullrich) möchten diesen Teufelskreis durchbrechen. In ihrem künstlerischen Tun sprechen sie Probleme und soziale Phänomene entschlossen und konkret an und verwenden dabei ganz verschiedene Medien, finden unterschiedliche Ausdrucksformen und führen diverse Aktionen durch (Fotografie, Video, Live Art, digitale Kunst, öffentliche Performance oder aktivistische Interventione). Mit ihren Projekten nehmen diese Künstler_innen den Kampf mit der etablierten gesellschaftlichen »Ordnung« auf und animieren dazu, die Wahrnehmung, Selbstwahrnehmung und Repräsentation von Sinti und Roma zu ändern. Sie schlagen konkrete Gegenstrategien vor, beispielsweise eine Umschrift der Kunstgeschichte, die Reformulierung identitärer Politiken mit den Mitteln von Umbenennung, Überidentifikation, Ironie oder andere Ansätze aus dem Repertoire zeitgenössischer Kunst.

Selma Selman | You Have No Idea | Fotografie | Serbien | 2016 | vis_00229_5 Rights held by: Selma Selman | Licensed by: Selma Selman | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: Selma Selman – Private Archive

Das Projekt »Rewriting the Protocols: Naming, Renaming, and Profiling« zielt daher zum einen darauf ab, die verborgenen Mechanismen der Kolonisierung und Unterwerfung sichtbar zu machen. Zum anderen aber sollen Gegenbewegungen zu diesen Mechanismen hervorgehoben werden, ebenso der Versuch, neue, widerständige und gegenläufig ausgerichtete Subjektivitäten für Sinti und Roma zu skizzieren; dazu kommt die Forderung nach Solidarität vor dem Hintergrund von Differenz und notwendiger Dekolonisierung, statt die gegenwärtige Situation einfach nur passiv hinzunehmen und zu akzeptieren.

Einführung/Kuratorisches Konzept

Das Konzept des Projekts »Rewriting the Protocols: Naming, Renaming, and Profiling« antwortet auf die dringende Notwendigkeit von Kritik und Veränderung der langen Geschichte ethnischen »Profilings« und der Stereotypisierung von Sinti und Roma auf Grundlage diverser gesetzlicher und kultureller Verfahren, Regeln und Dokumente. Diese politischen und sozialen Phänomene sind leider nach wie vor am Werk. Und sie tragen dazu bei, neue Konventionen zu etablieren, auf deren Grundlage Sinti und Roma – Einzelne wie ganze Gruppen – abgestempelt und diskriminiert werden, und zwar über stereotype ethnische Darstellungen, herabsetzende Bezeichnungen und erzwungene Gemeinsamkeiten. Es gibt immer noch eine große Menge Menschen (ob nun mit Bürgerrechten oder ohne), die unsichtbar gemacht, isoliert und deren grundlegende Menschenrechte missachtet werden, um sie mundtot zu machen. Auch wenn es wohl nie möglich sein wird, Rassismus gänzlich hinter sich zu lassen (daher ist ein Konzept wie das einer postrassistischen Gesellschaft auch nicht vertretbar) oder sich von sämtlichen übernommenen Formen und Spielarten der Repräsentation zu verabschieden, so sollte man doch Verantwortung übernehmen und seine Stimme gegen Ungerechtigkeit und Diskrimination erheben.

So beliebig der Begriff »Sinti und Roma« auch sein mag – es handelt sich dabei um eine der ersten breitenwirksam anerkannten politischen Entscheidungen und Aktionen in der Geschichte des Sinti-und-Roma-Aktivismus. Man könnte diesen Umstand als Beweis für die Ausbildung transversaler Anliegen von Sinti und Roma werten, in deren Zuge etablierte Verfahren und Konventionen infrage gestellt und neu formuliert werden. Doch auch wenn der Gebrauch der Bezeichnung »Sinti und Roma« (anstelle einer der verschiedenen Spielarten von »Zigeuner«) seit dem internationalen Treffen von Sinti und Roma in Orpington (nahe London/Großbritannien) im Jahr 1971 – dem ersten Welt-Roma-Kongress – von einem Großteil der Teilnehmenden und der Beobachter_innen unterstützt wird, um damit – ganz im Sinne einer bewussten politischen Entscheidung – verschiedene Gruppierungen, Communitys und kulturelle Phänomene zu bezeichnen, die mit Sinti und Roma zu tun haben, so ist der Ausdruck »Zigeuner« nach wie vor als herabsetzende Bezeichnung und rassistisches Schimpfwort in Gebrauch.

Duldung Deluxe Passport, On the “toleration” and deportation of Roma youth and young adults in Germany | Photographie | unbekannt | vis_00192_4 Rights held by: Nihad Nino Pušija | Licensed by: Nihad Nino Pušija | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: Nihad Nino Pušija – Private Archive
Sead Kazanxhiu | 8 per 8 Prillin 2013 | Installation | Albanien | 2013 | vis_00198_2 Rights held by: Sead Kazanxhiu | Licensed by: Sead Kazanxhiu | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: Sead Kazanxhiu – Private Archive
Monica Diener | GLAM Intervention | Fotografie | unbekannt | 2014 | vis_00193_4 Rights held by: Roma Jam Session art Kollektiv | Licensed by: Monica Diener | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: Roma Jam Session art Kollektiv – RJSaK (Zurich/Switzerland)
Monica Diener | Basic Roma | Fotografie | Schweiz | 15. September 2015 | vis_00194_3 Rights held by: Roma Jam Session art Kollektiv | Licensed by: Monica Diener | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: Roma Jam Session art Kollektiv – RJSaK (Zurich/Switzerland)

Es gibt immer noch eine große Menge Menschen (ob nun mit Bürgerrechten oder ohne), die unsichtbar gemacht, isoliert und deren grundlegende Menschenrechte missachtet werden, um sie mundtot zu machen. Auch wenn es wohl nie möglich sein wird, Rassismus gänzlich hinter sich zu lassen (daher ist ein Konzept wie das einer postrassistischen Gesellschaft auch nicht vertretbar) oder sich von sämtlichen übernommenen Formen und Spielarten der Repräsentation zu verabschieden, so sollte man doch Verantwortung übernehmen und seine Stimme gegen Ungerechtigkeit und Diskrimination erheben. Jenseits all der schwerwiegenden Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten auf politischer, gesellschaftlicher und ökonomischer Ebene verwenden beispielsweise viele Restaurants für ihre Gerichte einschlägige Namen, um daran bestimmte Gewürze oder eine besondere Schärfe hervorzuheben; westliche Musiker_innen verwenden die gleichen Bezeichnungen, um auf die angeblich exotische Herkunft dieser oder jener Rhythmen oder eines bestimmten Tempos in ihrer Arbeit hinzuweisen; und Modedesigner_innen kommen immer wieder auf diese Namen zurück, wenn sie in neuen Kollektionen Fransen und Flicken verwenden.

Doch damit nicht genug: Abbildungen von Wohnwagen, Rädern und ähnlichen Symbolen bestimmen nach wie vor auch die Bildsprache vieler Roma-Programme in Kunst und Kultur – eine bestimmte exotische visuelle Symbolik für den unterstellten stereotypen Lebensstil der »Zigeuner« und deren vermeintliche Reiselust; ja, selbst die Flagge der Sinti und Roma zeigt ein 16-speichiges Chakra [Rad], das eine angebliche Vorliebe für einen nomadischen Lebensstil unterstreicht – auch wenn Sinti und Roma stets auch ebenso sesshaft waren und sind.

Auch wenn die Verwendung des Begriffs »Zigeuner« nicht immer rassistisch motiviert ist oder gemeint ist, so hilft seine beständige Verwendung sowie die Verbreitung und Weitergabe entsprechender stereotyper Bilder zweifelsohne, unbewusst und bewusst rassistische Verhaltensmuster zu perpetuieren.

  • RR Marki | Gelem Gelem | Gemälde | unbekannt | 2007 | vis_00197_3 Rights held by: Roma Jam Session art Kollektiv | Licensed by: Mustafa Asan | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: Roma Jam Session art Kollektiv (Zurich/Switzerland)
  • RR Marki | Gelem Gelem | Gemälde | unbekannt | 2007 | vis_00197_1 Rights held by: Roma Jam Session art Kollektiv | Licensed by: Mustafa Asan | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: Roma Jam Session art Kollektiv (Zurich/Switzerland)
  • RR Marki | Gelem Gelem | Gemälde | unbekannt | 2007 | vis_00197_2 Rights held by: Roma Jam Session art Kollektiv | Licensed by: Mustafa Asan | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: Roma Jam Session art Kollektiv (Zurich/Switzerland)
  • RR Marki | Gelem Gelem | Gemälde | unbekannt | 2007 | vis_00197_4 Rights held by: Roma Jam Session art Kollektiv | Licensed by: Mustafa Asan | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: Roma Jam Session art Kollektiv (Zurich/Switzerland)

Die ausgewählten Künstler_innen (Sead Kazanxhiu, Nihad Nino Pušija, RJSaK, Selma Selman und Alfred Ullrich) möchten diesen Teufelskreis durchbrechen. In ihrem künstlerischen Tun sprechen sie Probleme und soziale Phänomene entschlossen und konkret an und verwenden dabei ganz verschiedene Medien, finden unterschiedliche Ausdrucksformen und führen diverse Aktionen durch (Fotografie, Video, Live Art, digitale Kunst, öffentliche Performances oder aktivistische Interventionen). Mit ihren Projekten nehmen diese Künstler_innen den Kampf mit der etablierten gesellschaftlichen »Ordnung« auf und rufen dazu auf, die Wahrnehmung, Selbstwahrnehmung und Repräsentation von Sinti und Roma zu ändern. Sie schlagen konkrete Gegenstrategien vor, beispielsweise eine Umschrift der Kunstgeschichte, die Reformulierung identitärer Politiken mit den Mitteln von Umbenennung, Überidentifikation, Ironie oder anderen Ansätze aus dem Repertoire zeitgenössischer Kunst.

Rewriting the Protocols: Naming, Renaming, and Profiling

Wie ist es ... Sinti oder Roma zu sein? »Wie ist es ... Sinti oder Roma zu sein?« Man könnte diese Frage, in der eine andere, etwas ältere Frage von Thomas Nagel widerhallt, auch hier in den Raum werfen.1 Selma Selman scheint mit ihrer Arbeit »You Have No Idea« eine Antwort darauf zu formulieren. Selman ist eine der Künstler_innen in der Ausstellung, die versucht, den komplexen historischen, soziopolitischen und kulturellen Hintergrund zu durchdringen, der dazu geführt hat, dass »Sinti und Roma« als allgemeiner und gemeinsamer Begriff für verschiedene Traditionen und Communitys verwendet wird (zum Beispiel Sinti, Kale, Manouches, Gitans, Gitanos sowie andere Roma). Die Künstlerin schreit bis zur Erschöpfung, so lange, bis sie ihre Stimme verliert, so laut sie kann und während der Dauer der gesamten Performance ein einziges Statement: »You Have No Idea«.

Wie ist es ... Sinti oder Roma zu sein?

  • Selma Selman | You Have No Idea | Fotografie | Serbien | 2016 | vis_00229_1 Rights held by: Selma Selman | Licensed by: Selma Selman | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: Selma Selman – Private Archive
  • Selma Selman | You Have No Idea | Fotografie | Serbien | 2016 | vis_00229_2 Rights held by: Selma Selman | Licensed by: Selma Selman | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: Selma Selman – Private Archive
  • Selma Selman | You Have No Idea | Fotografie | Serbien | 2016 | vis_00229_3 Rights held by: Selma Selman | Licensed by: Selma Selman | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: Selma Selman – Private Archive
  • Selma Selman | You Have No Idea | Fotografie | Serbien | 2016 | vis_00229_4 Rights held by: Selma Selman | Licensed by: Selma Selman | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: Selma Selman – Private Archive
  • Selma Selman | You Have No Idea | Fotografie | Serbien | 2016 | vis_00229_5 Rights held by: Selma Selman | Licensed by: Selma Selman | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: Selma Selman – Private Archive
  • Selma Selman | You Have No Idea | Fotografie | Serbien | 2016 | vis_00229_6 Rights held by: Selma Selman | Licensed by: Selma Selman | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: Selma Selman – Private Archive
  • Selma Selman | You Have No Idea | Fotografie | Serbien | 2016 | vis_00229_7 Rights held by: Selma Selman | Licensed by: Selma Selman | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: Selma Selman – Private Archive
  • Selma Selman | You Have No Idea | Fotografie | Serbien | 2016 | vis_00229_8 Rights held by: Selma Selman | Licensed by: Selma Selman | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: Selma Selman – Private Archive
  • Selma Selman | You Have No Idea | Fotografie | Serbien | 2016 | vis_00229_9 Rights held by: Selma Selman | Licensed by: Selma Selman | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: Selma Selman – Private Archive
  • Selma Selman | You Have No Idea | Fotografie | Serbien | 2016 | vis_00229_10 Rights held by: Selma Selman | Licensed by: Selma Selman | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: Selma Selman – Private Archive
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  • Selma Selman | You Have No Idea | Fotografie | Serbien | 2016 | vis_00229_12 Rights held by: Selma Selman | Licensed by: Selma Selman | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: Selma Selman – Private Archive
  • Selma Selman | You Have No Idea | Fotografie | Serbien | 2016 | vis_00229_13 Rights held by: Selma Selman | Licensed by: Selma Selman | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: Selma Selman – Private Archive
  • Selma Selman | You Have No Idea | Fotografie | Serbien | 2016 | vis_00229_14 Rights held by: Selma Selman | Licensed by: Selma Selman | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: Selma Selman – Private Archive
  • Selma Selman | You Have No Idea | Fotografie | Serbien | 2016 | vis_00229_15 Rights held by: Selma Selman | Licensed by: Selma Selman | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: Selma Selman – Private Archive
  • Selma Selman | You Have No Idea | Fotografie | Serbien | 2016 | vis_00229_16 Rights held by: Selma Selman | Licensed by: Selma Selman | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: Selma Selman – Private Archive
  • Selma Selman | You Have No Idea | Fotografie | Serbien | 2016 | vis_00229_17 Rights held by: Selma Selman | Licensed by: Selma Selman | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: Selma Selman – Private Archive

Thomas Nagel hatte die philosophische Frage »Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?« in einem bekannten Aufsatz gleichen Titels aus dem Jahr 1974 aufgeworfen. Diese Frage liefert nach wie vor ein überzeugendes und tragfähiges Bild für die Unmöglichkeit jedes Versuchs, einen zu verstehen.2 Mit meinem Text und mit meinem Projekt möchte ich nun diese Frage paraphrasieren und dabei fragen: Ist es denn wirklich so schwer? Und warum soll es überhaupt ein Problem darstellen, ein anderes menschliches Wesen zu verstehen?

Sind Sinti und Roma wirklich so anders? Ist diese Frage nicht schon wieder eine Einladung für eine erneute Essenzialisierung? Und sollte es doch wahr sein, was hat dann dafür gesorgt, dass Austausch und gegenseitiges Verstehen in Sachen Kultur und Geschichte so schwierig zu sein scheinen?

Dennoch kann es nicht darum gehen, eine allgemeine, x-beliebige radikale Differenz oder die Unmöglichkeit der Kommunikation an sich anzusprechen. Gegen Ende ihres Essays »Can the Subaltern Speak?« (1988) sagt Gayatri Chakravorty Spivak – genauer, sie antwortet auf eine ähnlich gelagerte kulturelle Frage –, dass es vor allem darum gehe, einer ganz konkreten Stimme Gehör zu schenken und sich dabei am Versuch einer Wiederannäherung an ein anderes menschliches Wesen auszurichten, auch wenn man wisse, dass vollständiges gegenseitiges Verstehen selbst innerhalb derselben Ethnie und Kultur, desselben Geschlechts und biologischen Geschlechts oder derselben Klasse von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Jeder einzelne menschliche Geist ist kulturell überformt, sodass nur die Fähigkeit und der Wunsch, sich damit auseinanderzusetzen, wie wir uns »anderen und uns selbst zeigen«3 und wie wir uns selbst »in Sprache und Gesten, nach außen ebenso wie nach innen gerichtet«4 darstellen, uns von den anderen unterscheiden. Thomas Nagel warnt uns, dass die entsprechenden konkreten Tatsachen nicht hinreichend seien, um die Frage danach zu beantworten, »wie es ist«, anders zu sein. Aber das hieße noch lange nicht, dass wir aufhören sollten, zuzuhören, mitzufühlen und ein gemeinsames Dasein zu teilen.5

Im Licht jüngster Auseinandersetzungen über kulturelle Appropriation erscheint es extrem schwierig und fragwürdig, überhaupt »Wir« zu sagen, eben genau aufgrund des Spalts zwischen der Äußerung dieses Pronomens und einer Handlung, die sich mit dem dabei formulierten Versprechen in Einklang befände – besonders, wenn dieses »Wir« von der privilegierten Position der gadji (der Nicht-Roma) aus gekapert wird und dabei Nagels Warnung vergessen wird, dass es kognitiv unmöglich sei, komplett zu verstehen, was es hieße, jemand anderes zu sein (selbst dann, wenn man kulturelle Gemeinsamkeiten oder Unterschiede einmal beiseite ließe).6 So wie es aussieht, sind jedoch Nähe und Empathie wahrscheinlich nach wie vor die notwendigerweise stets aporetisch zu fassenden Bezugsgrößen, an denen man sich beim Durcharbeiten dieses »Wir« ausrichten sollte – auch wenn man weiß, dass es unmöglich ist, dieses Ziel je zu erreichen.

Was heißt es, Teil einer Roma-Community zu sein und auch so genannt zu werden? Was sind konkrete Eigenschaften von Sinti und Roma und was ist nur Resultat des Namens, den man ihnen gegeben hat, historisch, kulturell und soziopolitisch? Das sind die untrennbar miteinander verwobenen und gegenseitig sich bedingenden Fragen, die im Zentrum dieses Projekts stehen. Die teilnehmenden Künstler_innen und gleichzeitig Aktivist_innen und Theoretiker_innen bringen zum Ausdruck, wie notwendig es ist, die Missverständnisse und Stereotype infrage zu stellen und offen die Themen anzugehen, die mit den Namen verknüpft sind, die man Sinti und Roma gibt, ebenso mit der Relevanz und Bedeutung einer Bezeichnung wie »Sinti und Roma« selbst und den Gründen für die Zögerlichkeit, den Begriff zu verwenden, sowohl vonseiten der Nicht-Roma wie auch von einigen innerhalb der Roma-Communitys. Das Projekt widmet sich der Macht von Namen und Benennungen, aber ebenso den darin angelegten Möglichkeiten zur Ermächtigung auch in einem Seminar und in einem Workshop, die verschiedene Aspekte der Berücksichtigung von Sinti und Roma über das »Einschreiben« von Roma-Namen in den öffentlichen Raum beleuchten möchten.

Dem Projekt geht es um das Recht, für sich selbst Position zu beziehen und eigenmächtig über den Begriff »Sinti und Roma« bestimmen und entscheiden zu können – eine Position, von der aus Sinti und Roma sich über ihre eigene Zugehörigkeit verständigen können und Nicht- Roma gleichzeitig als Unterstützer_innen von Ermächtigung und Solidarität fungieren können. Dieses Anliegen schließt nicht nur die konkrete Kritik an herabwürdigenden und pejorativen Begriffen wie »Gypsy«, »Cigani«, »Tsigane« oder »Zigeuner« ein, die zumeist eher als Stigma und weniger als properer ethnischer Name fungieren und oftmals diverse Vorurteile gegenüber Sinti und Roma transportieren, nicht zuletzt im Angesicht des Wiedererstarkens rechter rassistischer Politik überall in Europa. (Um nur ein Beispiel jüngeren Datums zu nennen: In Rumänien gab es eine offizielle Initiative zur Rücknahme der etablierten Bezeichnung »Sinti und Roma«. Stattdessen sollte »Tigan« wieder eingeführt werden.)7 Es geht auch darum, wie man mit diversen Vorschlägen weiter verfährt und wie man die Sichtbarkeit und Teilhabe von Sinti und Roma im öffentlichen Raum verbessert, ohne dabei zu vergessen, dass Sinti und Roma unter höchst verschiedenen Umständen in den Westen kamen: einige von ihnen als Immigrant_innen, einige als Flüchtlinge nach dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien – und einige von ihnen leben dort bereits in der zweiten oder dritten Generation.

Nihad Nino Pušija | Duldung Deluxe Passport, On the “toleration” and deportation of Roma youth and young adults in Germany | Photographie | Deutschland | 2012 | vis_00192_2 Rights held by: Nihad Nino Pušija | Licensed by: Nihad Nino Pušija | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: Nihad Nino Pušija – Private Archive

Nihad Nino Pušjias Projekt mit dem Titel »Duldung Deluxe« (2012) bezieht sich auf jenes Dokument, das seinem Namen nach zwar »Duldung« gewährt, im Grunde aber sehr viel mehr mit der Abschiebung von Roma-Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus Deutschland in ihre Herkunftsländer wie Bosnien, Serbien oder dem Kosovo zu tun hat.8 »Duldung Deluxe«, eine Serie von Ausweisfotografien, zeigt und dokumentiert in einer Serie von Porträts die fragwürdige und restriktive EU-Politik gegenüber Sinti und Roma

Duldung Deluxe Passport, On the “toleration” and deportation of Roma youth and young adults in Germany | Photographie | unbekannt | vis_00192_5 Rights held by: Nihad Nino Pušija | Licensed by: Nihad Nino Pušija | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: Nihad Nino Pušija – Private Archive

So zufällig die Entscheidung für den Begriff »Sinti und Roma« auch gewesen sein mag, handelt es sich hier letztlich um eine der ersten weitgehend anerkannten politischen Entscheidungen und Aktionen in der Geschichte des Roma-Aktivismus – gerade vor dem Hintergrund der großen Unterschiede unter Sinti und Roma.9 Der Bezug auf die fehlende Präsenz von Roma-Namen und auf fehlende Bilder von öffentlichen Persönlichkeiten aus den Reihen von Sinti und Roma wie auch auf die diffamierenden Bilder und die Verwendung von abwertenden Begriffen und Beschriftungen korrespondieren mit der Argumentation der Visual Culture über den nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Verbreitung und generelle Verfügbarkeit von Bildern mit problematischem Inhalt an öffentlichen Orten (zum Beispiel in den Arbeiten von Alfred Ullrich). Es geht aber auch darum, eine Plattform bereitzustellen, um den Ruf nach dem Angebot angemessener gesellschaftlicher Sichtbarkeit für einen größeren Kontext zu erhören und um so eine entsprechende Bezugnahme auf wichtige Roma-Persönlichkeiten möglich zu machen.

Wer hat die Kontrolle über Benennung und Umbenennung...?

Eine der offensichtlichsten Fragen, die sich hier stellt, lautet: Wer hat die Kontrolle über Benennung und Umbenennung oder darüber, wie eine derartige Macht dazu verwendet werden kann, bestimmte kulturelle und moralische Richtlinien zu reproduzieren und weiterzugeben?

Die Internalisierung von herabsetzenden Begriffen, wie sie die Regime der Repräsentation, Identifikation, Selbstessenzialisierung und Selbstradikalisierung tragen, schafft einen bedrohlichen Teufelskreis, aus dem man dringend versuchen muss, auszubrechen. Folgt man Gilles Deleuze, so stellt der Moment, in dem man sich einen Namen gibt oder ihn empfängt, selbst schon das »Ende eines strikten Aktes der Depersonalisierung« dar, denn es handelt sich hier um den Moment eines »plötzliche[n] Gewahrwerden[s] einer Mannigfaltigkeit«, die zu uns gehört.10 In diesem Sinne möchte das Projekt die hegemonialen Regime der Repräsentation unter Druck setzen; Regime, wie sie in zufällig gewählten Namen am Werk sind und sich dabei ebenso reproduzieren wie durch internalisierte Strategien der Selbstrepräsentation, die Einzelnen von diesen Bezeichnungsstrukturen auferlegt werden. Das kuratorische Konzept dieses Projekts hat es sich zur Aufgabe gemacht, geschlossene Kreisläufe zu durchbrechen und sich nicht nur darauf zu beschränken, die fortwährende stereotype Repräsentation und die stets ambivalente Praxis einer marginalisierten öffentlichen Sichtbarkeit von Sinti und Roma zu kritisieren. Mit Dringlichkeit möchte das Projekt in einigen Aspekten auf aktuelle Fälle individueller und kollektiver Verdrängung oder Abschiebung von Roma-Bürger_innen aus ihren Wohnungen in mehreren europäischen Ländern Bezug nehmen. Derartige Ereignisse werden zum einen in den Kunstwerken metaphorisch zum Ausdruck gebracht, zum anderen in konkreten Aktionen adressiert.11

Alfred Ullrich | Landfahrerplatz kein Gewerbe | Fotografie | Deutschland | 2006 | vis_00241_2 Rights held by: Alfred Ullrich | Licensed by: Alfred Ullrich | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: Alfred Ullrich – Private Archive

Alfred Ullrichs Arbeiten gehen beispielsweise auf eine Initiative des Künstlers und den daraus resultierenden Briefwechsel zwischen dem Vorsitzenden der Künstlervereinigung Dachau (KVD) und dem Bürgermeister der Stadt Dachau über ein Schild mit der Aufschrift »Landfahrerplatz kein Gewerbe« zurück.

Alfred Ullrich | Landfahrerplatz kein Gewerbe | Fotografie | Deutschland | 2011 | vis_00241_1 Rights held by: Alfred Ullrich | Licensed by: Alfred Ullrich | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: Alfred Ullrich – Private Archive

Das Insistieren des Künstlers führte schließlich dazu, dass die örtlichen Behörden die diskriminierenden Schilder aus der Öffentlichkeit entfernten. Ullrich hat den gesamten Prozess zum Anlass genommen, die Arbeit »Crazy Water Wheel« (2009–11), die aus insgesamt zwei Videos besteht, zu realisieren. Das erste Video zeigt im Loop das sich drehende Rad einer Wassermühle in der Nähe des Konzentrationslagers Dachau. Es verweist auf die ewige Wiederkehr des Rassismus. Direkt daneben wird die Dokumentation einer informellen privaten Performance des Künstlers gezeigt, in der er das Schild »Landfahrerplatz kein Gewerbe« (eine Warnung, dass es Händler_innen in diesem Areal nicht erlaubt ist, Handel zu treiben) kommentiert. Zum Zeitpunkt der Performance waren derartige Schilder in Bayern immer noch in Benutzung, in der Performance aber streicht Ullrich die Beschriftung durch. Am Beispiel dieser einfachen Aktion wird deutlich, wie scheinbar neutrale Regulationen letzten Endes die Segregation von fahrenden Sinti und Roma vorantreiben.

Alfred Ullrich | Crazy Water Wheel | Videostandbild | Deutschland | 2011 | vis_00242_6 Rights held by: Alfred Ullrich | Licensed by: Alfred Ullrich | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: Alfred Ullrich – Private Archive

Ullrich ist während seiner Performance dabei zu beobachten, wie er die Aussage des Straßenschildes erst hinterfragt und schließlich ausstreicht – und zwar, indem er hintereinander drei eigene Schilder hochhält: erst ein Fragezeichen, dann ein Kreuz und schließlich ein Schild, mit dem eine neue, einfache Bezeichnung vorgeschlagen wird: »Rastplatz«. Er zeigt damit auf, dass jeder Begriff, jeder Name seinen Anteil daran hat – wie im Übrigen das Bild des Rades selbst –, die immer gleichen alten Stereotype am Leben zu erhalten. Dieser Performance vorangegangen war bereits eine andere Serie Ullrichs mit Fotografien der existierenden Schilder (2009). Letztlich mündete das langfristige Projekt in der Arbeit »On the Move« (2003–13), für die der Künstler zudem die Korrespondenz mit den Behörden ausstellte.

Zweifelsohne wird Diskriminierung aufgrund ethnischer Zugehörigkeit in der Sprache wie auch im öffentlichen Bildgedächtnis perpetuiert. Dabei wird auch das bestehende Stereotyp von Sinti und Roma als »exotisch« unterstützt, dass es sich hier um unstete Menschen handelt, die stets umherreisen müssen und »immer in Bewegung« sind. Auch wenn das für einige gelten mag: Dieses Werk (wie im Übrigen auch die Arbeit von Pušija) weist allerdings darauf hin, dass viele nicht aus freien Stücken so gelebt haben.
Angesichts des gegenwärtigen Vormarsches des neoliberalen Kapitalismus und seines Hungers nach billigem oder gar kostenlosem Land dreht die Forderung nach einer stärkeren Präsenz von Sinti und Roma in der Öffentlichkeit die Stoßrichtung der politischen Manöver um. Daher kann die Sichtbarkeit von Sinti und Roma (und eben nicht von »Gypsy« oder »Zigeunern«) im öffentlichen Raum als Erinnerung an den einzigartigen Moment einer selbstbewussten Entscheidung einer kleinen Anzahl von damals fortschrittlich denkenden führenden Roma-Aktivist_innen dienen, die in der Tat den Weg geebnet haben für eine politische Initiative und für den Versuch, gesellschaftlich etwas zu verändern; Aktivist_innen, die mit der seit Langem bestehenden Praxis der Schwächung und Erniedrigung von Sinti und Roma in der Öffentlichkeit gebrochen haben – oder die einfach nur gegen deren ständige Missachtung aufgestanden sind.

Die größte Herausforderung, vor welcher der Roma-Aktivismus heute angesichts einer von Widersprüchen in Bezug auf Integration, Einwanderungsgesetze, Arbeits- und Wohnungspolitik durchzogenen Gesellschaft steht, betrifft die Notwendigkeit, zum einen größeren politischen Zusammenhalt innerhalb der Communitys zu schaffen und die Glaubwürdigkeit derjenigen zu stärken, die im Namen von Sinti und Roma sprechen möchten, und zum anderen die Unterstützung der breiteren Gesellschaft zu gewinnen.12 Daher beschränkt sich die Rolle der Roma-Künstler_innen, die in dieser Ausstellung vertreten sind, nicht nur auf antirassistische Zeugnisse und darauf, auf geschehenes Unrecht aufmerksam zu machen. Anliegen des Projekts ist es darüber hinaus, neue Wege und Ausdrucksformen aufzuzeigen, die – ganz ähnlich der Rolle, die der Begriff »Sinti und Roma« einst spielte – soziale Veränderungen sowohl innerhalb der jeweiligen Communitys der Künstler_innen als auch im allgemeineren Umfeld von Kunstinstitutionen und politischen Institutionen sowie auch im allgemeinen öffentlichen Raum anstoßen können.

Sich zu kontroversen Themen zu äußern, hat jedoch seinen Preis, wie Sead Kazanxhiu (ein albanischer Künstler mit Roma-Hintergrund) so eloquent vorführt. In seiner Videoperformance »A Choice to Be Made, A Price to Be Paid« (2015) bezieht sich Kazanxhiu auf die Frage des Anrechts auf Territorium und Land, welches Sinti und Roma in vielen unterschiedlichen Kontexten üblicherweise verweigert wird. Der Titel und die Aussage, dass man, wenn man sich für etwas entscheidet, auch immer »etwas zustimmen muss«, wie es in dem zugrundeliegenden Zitat des rumänischen Soziologen Nicolae Gheorghe heißt, bezieht sich auf die Widersprüche, die sich aus dem nur vage definierten Konzept von Eigentum und bestimmten Gebieten im westlichen Sinne bei Sinti und Roma ergeben.13 Im Grunde adressiert Kazanxhiu in seiner Arbeit metaphorisch die komplexen Implikationen von Gheorghes Behauptung zur Frage nach einem Romani phuv (Roma-Land) als kontrovers. So wurde beispielsweise die Tatsache, dass Sinti und Roma in der Regel keine Gewährleistungsurkunden besitzen, als Rechtfertigung für ihre umstrittene Vertreibung aus Frankreich im August 2010 und als Vorwand für den Entzug des Anrechts auf das Land herangezogen, das ihre Familien über viele Generationen bewohnt haben.14Auch die französische Künstlerin Tania Magy war von dieser Änderung der »Protokolle« zum Recht von Sinti und Roma auf Freizügigkeit betroffen; ebenjene Freizügigkeit, die nicht selten mit Nomadentum verwechselt wird. 15

  • Sead Kazanxhiu | Vendim per tu marr cmim per tu paguar | Fotografie | Albanien | 2015 | vis_00199_1 Rights held by: Sead Kazanxhiu | Licensed by: Sead Kazanxhiu | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: Sead Kazanxhiu – Private Archive
  • Sead Kazanxhiu | Vendim per tu marr cmim per tu paguar | Fotografie | Albanien | 2015 | vis_00199_2 Rights held by: Sead Kazanxhiu | Licensed by: Sead Kazanxhiu | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: Sead Kazanxhiu – Private Archive
  • Sead Kazanxhiu | Vendim per tu marr cmim per tu paguar | Fotografie | Albanien | 2015 | vis_00199_3 Rights held by: Sead Kazanxhiu | Licensed by: Sead Kazanxhiu | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: Sead Kazanxhiu – Private Archive
  • Sead Kazanxhiu | Vendim per tu marr cmim per tu paguar | Fotografie | Albanien | 2015 | vis_00199_4 Rights held by: Sead Kazanxhiu | Licensed by: Sead Kazanxhiu | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: Sead Kazanxhiu – Private Archive
  • Sead Kazanxhiu | Vendim per tu marr cmim per tu paguar | Fotografie | Albanien | 2015 | vis_00199_5 Rights held by: Sead Kazanxhiu | Licensed by: Sead Kazanxhiu | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: Sead Kazanxhiu – Private Archive

In Kazanxhius Videoperformance wird die Verdrängung von Sinti und Roma aus politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Gründen in Form einer Kochshow präsentiert. Während des ersten Teils des Videos sieht man, wie der Künstler in seiner Rolle als Koch ein Gericht aus Schlamm zubereitet (shishik in Romanes), bei dem es sich um in der Tradition der Sinti und Roma für hygienische Rituale verwendete Erde handelt (im Gegensatz zum üblichen Verständnis von Schlamm als etwas, das dreckig macht).16 Für den zweiten Teil schlüpft der Künstler anschließend in die Rolle einer gebildeten Rom (der Erscheinung nach ein Bürokrat) und bringt so den Prozess des ständigen Verhandelns, der engagierten Diskussionen und des Entscheidens auf die Bühne, der nötig ist, wenn man sich den Traum erfüllen will, länger in einem bestimmten Gebiet zu leben und nicht ständig umherziehen zu müssen. Glaubt man dem Künstler, so handelt es sich beim » Roma-Land« (am Ende der Performance schreibt er diesen Ausdruck auf eine Wand) nach wie vor um den Traum vieler Sinti und Roma – ungeachtet all der Bigotterie und all der existierenden Vorurteile über ihren vermeintlich nomadischen Charakter (dazu muss man die wissenschaftlichen Fakten ignorieren, dass viele Sinti und Roma schon in der Vergangenheit immer auch sesshaft waren).

Im Kampf um die Ausräumung rassistischer Vorurteile, gesellschaftlicher Ungleichheiten und (falscher) Repräsentationen, wie sie unsere Welt heute prägen, kommt Künstler_innen oft die Rolle zu, diese Mechanismen sowohl aufzudecken (oft mit den Mitteln der Ironie oder der Überidentifizierung), als auch die, ihnen in Form von positiven Aktionen etwas entgegenzusetzen. Neue Formen des Rassismus müssen in all ihren Erscheinungsformen erkannt werden; es besteht die dringende Notwendigkeit, auf sie hinzuweisen, sie zu verstehen und sie unwirksam zu machen; lautstark müssen sie angeklagt werden; jede Möglichkeit muss genutzt werden, um zu einer radikalen Aktion aufzurufen, mit der Solidarität in der Differenz und das Zusammenleben im kommunalen öffentlichen Raum unterstützt werden können – auch das sind einige Ziele dieses Projekts.

Das in Zürich ansässige Kollektiv RJSaK hat sich aus einer ganz ähnlichen Notwendigkeit heraus gegründet: um die verborgenen rassistischen Vorurteile aufzudecken, die selbst in einem der demokratischsten Länder Europas, der Schweiz, am Werk sind.

Das Kollektiv bringt Künstler_innen und Aktivist_innen mit Roma-, Sinti- und Jenische-Hintergrund zusammen – aus der Schweiz, aber auch aus Balkanstaaten wie Mazedonien oder Serbien. Ihre öffentlichen Performances, Ausstellungen, Podiumsdiskussionen, Publikationen und anderen Aktivitäten wie beispielsweise die Performance »Tableaux (Très) Vivants« (2013) oder die Serie partizipativer Performances in öffentlichen Räumen und Institutionen wie etwa »What is the colour of your car?« (2014), »Estetika Walk« (2016) oder »Detox Dance« (2016–17) werden gemeinsam oder von einzelnen Mitgliedern des Kollektivs realisiert.17Einige ihrer Projekte wurden zudem in verschiedenen professionellen Kunst- und Kulturinstitutionen in mehreren Schweizer Städten organisiert und gezeigt.

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Die Kunstprojekte von RJSaK zielen direkt darauf ab, die aus naher wie ferner Vergangenheit »vererbten« und übernommenen Konventionen im Hinblick auf die Kunst und Kultur von Sinti und Roma umzuschreiben; aber nicht nur das: Auch Fragen kultureller Identität oder die politischen und gesellschaftlichen Umstände von Sinti und Roma in der Schweiz und anderswo stehen für das Kollektiv auf dem Plan.

Einige ihrer Plakate und Slogans – zum Beispiel »Morphing the Roma Label« oder »Nothing about us without us« – lassen die aktivistische Agenda des Kollektivs eindeutig erkennen. Bis September 2016 wurden Sinti und Roma in der Schweiz nicht vollständig anerkannt und man sprach von ihnen nach wie vor als »Fahrende«, sodass Roma, Sinti und Jenische in der Konsequenz nicht den gleichen Zugang zu gesetzlich verbürgten existierenden und eigentlich einklagbaren Rechten hatten wie andere anerkannte Minderheiten.18 Daher engagiert sich das Kollektiv RJSaK neben Performances im Bereich öffentlicher Kunst vor allem auf dem Feld des politischen Aktivismus und arbeitet mit verschiedenen Nichtregierungsorganisationen zusammen. Das Kollektiv ist zudem Teil der Arbeitsgruppe des Bundesamtes für Kultur BAK, das die Formulierung der Minderheitenrechte für die Communitys der Roma, Sinti und Jenischen in der Schweiz auf den Weg gebracht hat.

...da eine Neuformulierung der Kunstgeschichte nicht ohne parallel stattfindende, weitreichende gesellschaftliche Veränderungen zu realisieren ist.

Dennoch: Es ist ebenso wichtig festzuhalten, dass RJSaK mit einer Reihe von Performances und weiteren Projekten und Plakaten – zum Beispiel das »1 Roma Dada Manifesto« (2016) oder »Art History Hacking« (2016) – für Sinti und Roma einen Platz in den Kunstgeschichtsbüchern eingefordert haben. Einige dieser Projekte zur Selbsthistorisierung waren Teil der Veranstaltungen, die in Zürich zum 100. Jahrestag von Dada – dem »Dada-Manifest« von 1916 – sowie ähnlichen anarchischen Aktivitäten von Hugo Ball, Tristan Tzara und den anderen Dadaist_innen (die ursprünglich im historischen Zürcher Club Cabaret Voltaire stattgefunden hatten) organisiert worden waren. Diese und andere Aktivitäten von RJSaK (einige davon waren sogar Teil der Parallelveranstaltungen zur ebenfalls in Zürich stattfindenden Manifesta 11) weisen auf die lange Abwesenheit von Künstler_innen mit Roma-Wurzeln in der Kunstgeschichte hin. Obwohl verschiedene Werke unterschiedlichster Medien von Roma-Künstler_innen bekannt sind, werden diese Arbeiten nicht sorgfältig gesammelt, systematisiert und publiziert. Daher erkennt die Mainstream-Kunstgeschichte den Einfluss und die Relevanz von Roma-Künstler_innen nicht an. Dieser Punkt ist von besonderem Interesse im Hinblick auf die lange Tradition stereotyper Repräsentationen von Sinti und Roma in der Avantgarde und der modernistischen Kunst.

Die Umschrift kunsthistorischer Konventionen ist demnach ebenso relevant wie diejenige legaler und politischer Verfahren, doch natürlich kann das eine nicht ohne das andere vonstattengehen, da eine Neuformulierung der Kunstgeschichte nicht ohne parallel stattfindende, weitreichende gesellschaftliche Veränderungen zu realisieren ist.

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Dieses Projekt in der Sparte Bildende Kunst des RomArchive widmet sich der Verschränkung verschiedener Protokolle und den wechselseitigen Verbindungen der unterschiedlichen theoretischen Disziplinen, künstlerischen Praxen und Medien sowie den politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Regeln, die sie regulieren und konstruieren.

Sead Kazanxhiu | 8 per 8 Prillin 2013 | Installation | Albanien | 2013 | vis_00198_3 Rights held by: Sead Kazanxhiu | Licensed by: Sead Kazanxhiu | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: Sead Kazanxhiu – Private Archive