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Adrian Richard Marsh und Rosamaria Cisneros

Türkei: die Sammlung von Dr. Adrian Marsh Gesang und Tanz während des Osmanischen Reiches und der türkischen Republik

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Romanlar bride dancing

Mustafa Özunal | Romanlar bride dancing | Photographie | Türkei | 2000 - 2018 | dan_00481 Rights held by: Thibault Fernandez | Licensed by: Romano Atmo – Dance Company | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: Pétia Iourtchenko & Anne-Marie Iourtchenko – Private Archive

Überblick

Die Sammlung von Dr. Adrian Marsh befasst sich intensiv mit Musik und Tanz der Romanlar1 in der Türkei. Sein wissenschaftlicher Artikel »Romani Music and Dance in Turkey« (2018) bietet einen detaillierten Überblick über diese Kunstformen im Land. Die Sammlung umfasst 32 Bilder – diese reichen von jungen Mädchen der Romanlar, die traditionelle Tänze tanzen, bis zu einer türkischen Braut, die vom Bräutigam und dessen Familie – Musiker der Romanlar sind im Hintergrund zu sehen – abgeholt wird. Andere Fotos von Dr. Marsh zeigen Kinder und Jugendliche der Romanlar, wie sie in einem Innenhof tanzen oder in Kostümen auftreten.

Der Haupttext »Romani Music and Dance in Turkey«, zu Musik und Tänzen der Romanlar in der Türkei, unterbreitet eine ausführliche Darstellung über die Aufführungspraxis und deren Beziehung zur Identität der Romanlar im Osmanischen Reich sowie in der Türkischen Republik, dessen Nachfolger. Auf wissenschaftliche Forschung gestützt, leistet die Arbeit sowohl einen wichtigen Beitrag zur Geschichte des Tanzes als auch zu den Romani Studies im Allgemeinen.

Adrian Richard Marsh | Romani Music and Dance in Turkey | Bericht | Türkei | 2000 - 2018 | dan_00506 Rights held by: Dr. Adrian R. March | Licensed by: Dr. Adrian R. March | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: Dr. Adrian R. March – Private Archive

Dr. Adrian Marsh

Dr. Adrian Marsh arbeitet als Wissenschaftler im Bereich Romani Studies am Swedish Research Institute in Istanbul (SRII) in der Türkei. Er stammt aus der Gemeinschaft der Romani-Traveller und arbeitet mit Roma-, Gypsy- und Traveller-Communities in Großbritannien, Schweden, Türkei, Ägypten sowie Zentral-, Ost- und Südosteuropa.

Dr. Marsh wurde im Fach Romani Studies mit der Dissertationsschrift »No Promised Land: History, Historiography & the Origins of the Gypsies« (2008) an der University of Greenwich in London, Großbritannien promoviert. Seinen Masterabschluss absolvierte er 1998 in South East European Studies an der School of Oriental and African Studies der University of London. Seine Bachelorarbeit über Frauen und Macht im Osmanischen Reich in East European History an der UCL School of Slavonic and East European Studies wurde 1996 mit dem Andrew Ferguson Memorial Prize ausgezeichnet.

Dr. Marsh hat Romani Studies an der University of Greenwich in London, der Universität Malmö, der Universität Lund, der Södertörn Universität in Stockholm, der American University in Cairo, der Bilgi Universität in Istanbul und der Dicle Universität in Diyarbakir unterrichtet. Von 2006 bis 2007 tätigte er seine Forschungen im Rahmen eines Stipendiums des Economic and Social Research Council (ESRC) in Romani Studies an der University of Greenwich. Von 2010 bis 2013 leitete Dr. Marsh in London Projekte zur frühkindlichen Entwicklung der Roma, Gypsy und Traveller, im Rahmen des Early Childhood Program der Open Society Foundations. Er lebt und arbeitet derzeit in Istanbul.

Dr. Marsh veröffentlichte eine Reihe von Beiträgen über die Identität und Religiosität der Rom_nja; er editierte Beitragssammlungen von internationalen Konferenzen im Bereich Romani Studies, die er auch organisiert hatte, außerdem verfasste er Beiträge in Fachzeitschriften, wie über die Ausbildung von Kindern der Rom_nja im Jahr, und für die »Encyclopedia of Human Migration« (Marsh 2012).

Als Historiker arbeitete Dr. Marsh zur byzantinischen, osmanischen und türkischen Kultur, hinzu kommen die jahrelangen Forschung bei den Romanlar- und Traveller-Gemeinschaften in der Türkei, das ESRC-Projekt »Charting the variety of aspirations of Romani/Gypsy groups in Turkey« (Acton & Marsh 2007a, 2007b, 2008a; Marsh 2007, 2008b) über die Vielfalt der Ziele von Romanlar in der Türkei sowie das Forschungsprogramm des European Roma Rights Centre (ERRC) »Promoting Roma Rights in Turkey, 2006–2008« (Marsh 2008c, 2008d) zur Förderung der Rechte der Romanlar in der Türkei. Die einzigartige Position als Historiker ermöglicht Dr. Marsh in Fragen von Identität, Geschichte, Tanz und Musik – während des Osmanischen Reiches und der Türkischen Republik – die Perspektive der Romanlar darzustellen.

Die Musik und Tänze der Romanlar in der Türkei

Für das RomArchive schreibt Dr. Marsh über Tänze und Musik der Romanlar in der Türkei:

»[...] moderner Tanz der Romanlar in der Türkei stützt sich auf viel ältere osmanische und anatolische Wurzeln, auf Variationen des »Volkstanzes«, mit ihren Ursprüngen in Zentralasien und den nomadischen Völkern, Yörük- und Turkmenen-Gruppen, auf weitere Gruppierungen und historische ethnische Minderheiten in Anatolien (Griech_innen, Armenier_innen und jüdische Gemeinschaften) sowie auf Innovationen von Choreograf_innen innerhalb der Gemeinschaft der Romanlar, die auf diesem Erbe aufbauen. Wichtig ist zu bemerken, dass vieles von dem, was außerhalb der Türkei und außerhalb der Tänze und der Musik der Romanlar in der Türkei präsentiert wird, wenig Bezug zum authentischen Erbe und der Aufführungspraxis hat. Insbesondere rund um den ›orientalischen‹ Tanz – oder häufiger ›Bauchtanz‹ – spiegeln sich zwei ›Fantasmen‹ innerhalb europäischer und nordamerikanischer Kulturen wider: ›Der Osten‹ und der imaginäre ›Gypsy‹.

Der wachsende ›Tanztourismus‹, insbesondere in den Romanlar-Vierteln [...], hat versucht, den sogenannten orientalischen Tanz wiederzubeleben und eine Verbindung mit der ›ursprünglichen‹ Musik und den Tänzen in der Türkei herzustellen. Aber es bleibt bei einem ungleichen Austausch, da die Mehrheit derjenigen, die Romanlar-Tänzer und -Profis besuchen, wie Reyhan Tuzsuz aus dem Roma-Viertel Sulukule in Istanbul (vor dem Abriss), bürgerliche Nicht-Roma Tänzer_innen aus den Vereinigten Staaten und Europa sind. Die Kenntnis dieser älteren, authentischen Romanlar-Formen und -Stile wird Teil des Repertoires dieser nicht-Roma Tänzer_innen, die sich von der Kultur und dem Kontext der Romanlar lösen und so ihre Vorstellung von ›exotisch‹ und ›anders‹ bestätigen und sie weiter ›orientalisieren‹, insbesondere durch Performances, die ihre vermeintliche ›Authentizität‹ betont.

Währenddessen bewegt sich die Innovationskraft und Entwicklung des Romanlar-Tanzes in der Türkei in Richtung kreativer und kontrastreicher Kombinationen, die den tatsächlichen kulturellen und sozialen Wandel der türkischen Romanlar widerspiegeln.« (Marsh 2018)

Balıkesir, Türkei (2004). Tanzende Romanlar-Braut und ihre Schwestern.

Rights held by: Thibault Fernandez | Licensed by: Romano Atmo – Dance Company | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: Pétia Iourtchenko & Anne-Marie Iourtchenko – Private Archive

Die Tänze der Romanlar im Osmanischen Reich

In Bezug auf den Tanz im Osmanischen Reich stellt Dr. Marsh fest, dass sich die Tanztraditionen an den osmanischen Höfen von Padişah (König der Könige) und Paşa (hochrangiger militärischer oder politischer Offizier) auch auf die Aufführung von Geschichten, Erzählungen und Episoden aus den Epen der türkischen Dichtung, dem Destan, bezogen.

»Diese ›Pantomimen‹, oder Nachstellungen, bekannt als çengi, wurden originär von männlichen und weiblichen Tänzer_innen gegeben. Der Begriff leitet sich von einer älteren Harfenform ab, die auf dem Schoß gespielt und çeng genannt wurde. Die Tänzer_innen verwendeten oft etwas wie ›hölzerne Kastagnetten‹, çengi çubuğu oder çalpara genannt, besonders für Tanzstücke mit schnellerem Tempo. Langsamere Tänze und Bewegungen wurden mit Seidentaschentüchern, mendil, ausgeführt oder mit langärmeligen Seidenkaftanen, welche die Pantalons, Westen und Blusen verhüllten, mit Tüchern um den Kopf und oft auch über den Schultern.« (Marsh, 2018)

Beliebt zur Begleitung populärer Tänze waren auch kaşıklar (Holzlöffel). Diese sind weiterhin Teil des traditionellen türkischen Tanzes, der gängigerweise mit dem hülya-kaşıklar-Tanz, zwischen den Regionen Konya und Silifke, in Verbindung gebracht wird. Die orientalistisch geprägte Vorstellung moderner »türkischer« Tanzkostüme der Romanlar, oder der »Bauchtanz«-Kostüme, hat keinen Bezug zu den »[...] dekorativen, osmanischen çengi oder der populären Unterhaltungen, wie sie von ottomanischen ›Gaypsies‹ geboten wurden« schreibt Dr. Adrian Marsh (2018). In der osmanischen Zeit zeigten sich Romnja in dekorativen aber bescheidenen Kostümen. Darstellungen von çengi, in osmanischen Miniaturen, zeigen die langärmeligen Gewänder und Schichten osmanischer Tracht, in der von den Tänzerinnen nur die Gesichter freigelegt waren.

Die Tänze der Romanlar während der Zeit der Türkischen Republik

In seinem Essay bespricht Dr. Adrian Marsh auch ausführlich die Kultur der Tänze der Romanlar in der Zeit der Türkischen Republik. Die Tanztradition der weiblichen Romanlar hat sich im Vergleich zu dem männlichen Pendant weit verbreitet (obwohl der männliche Romanlar-Tanz, insbesondere der Köçekci, immer noch aufgeführt wurde und wird).

»Die ›Unterhaltungshäuser‹ jener Viertel, in denen Romanlar lebten, boten den osmanischen Männern die Möglichkeit, Spirituosen zu konsumieren (rakı), kleine Gerichte, meze, zu essen und zwei oder drei Tänzerinnen zuzusehen, während eine kleine Musikgruppe traditionelle Tänze der Türk_innen und Romanlar vortrug – vor allem jene im 9/8-Rhythmus, der überwiegend mit den Tänzen der Romanlar in der Türkei in Verbindung gebracht wird.« (Marsh, 2018)

Mit den »Unterhaltungshäusern« des Sulukule-Viertels in Istanbul hielt die jahrhundertalte Tradition des Tanzes und der Musik der Romanlar bis weit in die Moderne an. Erst als die Häuser in den 1960ern geschlossen wurden und ein Großteil des Viertel abgerissen wurde,2 geriet die Tradition in Gefahr. Nach einer bedeutenden Bürgerrechtskampagne der Romanlar, die von Pro-Romanlar-Nichtregierungsorganisationen in der Türkei und international unterstützt wurde, wurde die Romanlar-Gemeinde ab 2005 zwangsumgesiedelt.3 Andere Romanlar mahalle (Stadtviertel) sind dem Stadtumbau zum Opfer gefallen - zum Beispiel der Stadtteil Küçükbakkalköy in Istanbul, wo die Belediye (Gemeinde) Abrisse anordnete und die Romanlar-Community und mit ihr ihre Kunst und Kultur zum Umzug zwang.

»Die ›Unterhaltungshäuser‹ jener Viertel, in denen Romanlar lebten, boten den osmanischen Männern die Möglichkeit, Spirituosen zu konsumieren (rakı), kleine Gerichte, meze, zu essen und zwei oder drei Tänzerinnen zuzusehen, während eine kleine Musikgruppe traditionelle Tänze der Türk_innen und Romanlar vortrug – vor allem jene im 9/8-Rhythmus, der überwiegend mit den Tänzen der Romanlar in der Türkei in Verbindung gebracht wird.« (Marsh, 2018)

Mit den »Unterhaltungshäusern« des Sulukule-Viertels in Istanbul hielt die jahrhundertalte Tradition des Tanzes und der Musik der Romanlar bis weit in die Moderne an. Erst als die Häuser in den 1960ern geschlossen wurden und ein Großteil des Viertel abgerissen wurde,5 geriet die Tradition in Gefahr. Nach einer bedeutenden Bürgerrechtskampagne der Romanlar, die von Pro-Romanlar-Nichtregierungsorganisationen in der Türkei und international unterstützt wurde, wurde die Romanlar-Gemeinde ab 2005 zwangsumgesiedelt.6 Andere Romanlar mahalle (Stadtviertel) sind dem Stadtumbau zum Opfer gefallen - zum Beispiel der Stadtteil Küçükbakkalköy in Istanbul, wo die Belediye (Gemeinde) Abrisse anordnete und die Romanlar-Community und mit ihr ihre Kunst und Kultur zum Umzug zwang.

Balıkesir, Türkei (2004). Romanlar-Hochzeit, Braut und Frauen tanzen, Nacht.

Rights held by: Thibault Fernandez | Licensed by: Romano Atmo – Dance Company | Licensed under: CC-BY-NC-ND 4.0 International | Provided by: Pétia Iourtchenko & Anne-Marie Iourtchenko – Private Archive

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Videos und Bilder dazu beitragen, Geschichten zu erzählen, Momente zu erfassen, die sonst verloren gegangen wären, und Ereignisse in der Familie, in den Gemeinden oder auf nationaler Ebene festzuhalten. Dr. Marshs Sammlung bietet einen Einblick in die Roma-Gemeinschaft des Landes und seine jahrhundertealten kulturellen Traditionen.